WorldWine Portrait

Februar 2003

Herr im einstmals eigenen Hause

von Erich Grasdorf †

 
 
Es ist Samstag. Die Türen des ehemaligen Stammsitzes der Vicomtes de Mareuil sind geschlossen und bleiben es vorerst auch. Vergeblich sucht Charles Philipponnat nach einer Anleitung, um die Alarmanlage auszuschalten. Erst nach drei Telefonaten erreicht er einen Mitarbeiter, der weiß, wie es geht. Jetzt erst ist der Weg frei in die beeindruckenden Gewölbekeller und zu den eleganten Interieurs eines der renommiertesten Champagnerhäuser: Philipponnat in Mareuil-sur-Aÿ im Osten der Champagner-Hochburg Épernay.
 
 

 

Charles Philipponnat ist hier der Herr im Hause. Und das, obwohl das Unternehmen seit geraumer Zeit nicht mehr seiner Familie gehört, sondern der Gruppe Boizel Chanoine, die auch die bekannte Marke Champagne De Venoge besitzt. An die Spitze von Champagne Philipponnat war der Erbe der Philipponnat-Dynastie denn auch nur auf Umwegen gelangt. Viele Jahre lang war der graduierte Jurist für den Konkurrenten Moët & Chandon im nahen Épernay tätig und baute nach Zwischenstationen in Australien und New York die Bodegas Chandon im argentinischen Mendoza auf. Hier erreichte ihn 1998 der Ruf aus der Heimat, der für ihn, seine Frau und die vier Kinder den fünfzehnten Umzug in nur dreizehn Jahren zur Folge hatte.

Eigenständige Produkte

So zurückhaltend Philipponnat auftritt und so kurz sein Engagement im Hause seiner Vorfahren erst ist, der Stolz auf das Unternehmen, seine Geschichte und seine Erzeugnisse ist deutlich spürbar und auch durchaus berechtigt, vor allem was die Produkte betrifft. Philipponnat-Champagner sind sehr eigenständige Kreationen, die nichts mit der Masse der Markenchampagner zu tun haben. In der Fachsprache bezeichnet man sie meist als körperreich und fleischig.


Charles Philipponnat, stolzer Chef im Hause, das einst seiner Familie gehörte. Der Firmensitz ist im Stammsitz der Vicomtes de Mareuil untergebracht. (Firmenfotos)

"Was wir produzieren, sind Weine, die wie Champagner gemacht sind", erklärt Phlipponnat, und deshalb eignen Philipponnat-Champagner sich auch besonders gut als Speisenbegleiter, eine Qualität, die sie mit denen von Krug teilen, die ebenfalls kaum als Aperitif gedacht sind. Liebhaber dekantieren die Weine, deren Opulenz von einem Pinot-noir-Anteil von bis zu 70 Prozent stammt, sogar.

Schwierige Lage

Ausnahme von dieser Regel ist der Blanc de Blancs. Er zeigt eine deutliche Toastnote, die allerdings nicht vom Holzausbau sondern vom Hefelager stammt, und ist mit imposanter Fülle und klarer Struktur gesegnet - weltweit wohl einer der besten "unwooded" Chardonnay-Schaumweine überhaupt. "So wie ein Mädchen burschikos wird, wenn es unter lauter Jungen aufwächst, hat unser Chardonnay gewisse Züge des Pinot noir angenommen", lautet Charles Philipponnats nicht unbedingt Ernst gemeinte Erklärung dieses Charakters.

Was für Krug der "Clos du Mesnil" ist für Philiponnat der "Clos des Goisses", eine ummauerte Spitzenlage, die für Jahrgangs-Lagenchampagner von Spitzenniveau gut ist. Während aber der Clos du Mesnil an der Côte des Blancs ausschließlich mit Chardonnay bestockt ist, wachsen im Clos des Goisses (mehr) Rot und (wenig) Weiß nebeneinander.


Die alten Gewölbekeller und die Weinberge von Philipponnat

Goisses ist der alte Dialektausdruck für "schwierig", und tatsächlich handelt es sich bei diesem Hang um ein sehr schwer zu bearbeitendes Stück Rebland mit speziellem Mikroklima. Die am Rande von Mareuil-sur-Aÿ aufragende Steillage hat eine Neigung von 25 bis 45 Prozent, und ihre Wärme speichernden Kreideböden sind exakt nach Süden ausgerichtet.

Das beste Drittel dessen, was im Clos des Goisses gelesen wird, ergibt die 15.000 bis 20.000 Flaschen des Champagners gleichen Namens, der seine erste Gärung in Eichenholzfässern absolviert. Und zwar getrennt nach den fünfzehn Parzellen des Clos. Die Auswahl für die endgültige Komposition wird erst später getroffen.

Riesige Kellerkapazität

Auch der Pinot-Anteil für die Prestige-Cuvée Le Reflet stammt von diesem Weinberg, und in manchen Jahren findet sich selbst in der Royal Reserve Brut, die 80 Prozent der Gesamtproduktion von Philipponnat stellt, noch Wein von hier. Neben dem Clos des Goisses besitzt das Haus noch weitere knapp zwölf Hektar eigenes Rebland, das weit verstreut in der Umgebung von Épernay liegt.

Um auf die jährliche Gesamtproduktion von 500.000 Flaschen zu kommen, müssen jedoch gut zwei Drittel der verarbeiteten Trauben von anderen Winzern zugekauft werden. Mit dieser halben Million Flaschen gehört die Firma dabei eindeutig zu den kleineren Erzeugern. Zum Vergleich: Moët & Chandon, Charles Philipponnats alter Arbeitgeber, liefert jährlich 20 Millionen Flaschen aus.

Auch ein kleines Haus benötigt aber viel Kellerkapazität, wenn die Champagner zwischen zwei und zehn Jahren auf der Hefe reifen sollen. In den Gewölben von Philipponnat lagern ständig rund 2,5 Millionen Flaschen, davon alleine 400.000 direkt unter dem Verwaltungsgebäude in Mareuil, dem so genannten Clos-des-Goisses-Keller.

Lagern können die Weine von Philipponnat auch, wenn sie einmal degorgiert und verkauft worden sind. Vor dem gerade erst trinkreifen 1990er Jahrgangs-Champagner liegt noch so manch gutes Jahr, und der 1980er macht auch heute noch Spass. Noch viel mehr gilt das für den 1985er mit seiner enormen Pinot-noir-Konzentration.

Charles Philipponnat jedenfalls weiß, warum er den Wein zu seinem Beruf gemacht hat: "Eigentlich bin ich faul. Also habe ich mir eine Arbeit gesucht, die so viel Spass macht, dass sie mir nicht schwer fällt." Auch das war aber wohl nicht allzu Ernst gemeint.

Champagne Philipponnat, 13 rue du Pont, Mareuil, F - 51160 Aÿ, Tel: +33-(0)326569300, Fax: +33-(0)326569318, e-mail: info@champagnephilipponnat.com, Website: www.champagnephilipponnat.com

@ Freiherr Heyl zu Herrnsheim GmbH & Co. KG - Rheinhessen (Deutschland)
Wilhelmstraße 4 - 55283 Nierstein
Tel: 06133-57080, Fax: 06133-570880, E-Mail: info@heyl-zu-herrnsheim.de, Homepage: www.heyl-zu-herrnsheim.de
Besitzer: Detlev Meyer
Weinberge bewirtschaftet (ha): 10
Weinbergslagen: Brudersberg, Pettenthal, Oelberg
Rebsorten: Riesling, Weißburgunder, Silvaner
jährliche Flaschenfüllung: 50.000
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