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Oktober 2011

Georgien - Nicht nur Amphoren

zu den Weinen
 

Gut vier Jahre war es her, dass ich Georgien zum ersten Mal besucht hatte, und so nahm ich die Einladung zu einem Symposium über die Geschichte des georgischen Weinbaus und die traditionelle Weinbereitung in Amphoren, genauer Kvevris, die mir im Sommer ins Haus flatterte, gerne an. Es war, wie schon beim ersten Mal, ein überaus spannender und interessanter Aufenthalt, ermöglicht durch die Arbeit von Tina Kezeli und ihrer Georgian Wine Association. Über die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die das Symposium ermöglichte, habe ich bereits geschrieben. Aber es wurde natürlich nicht nur debattiert, auch eine kleine Zahl Besichtigungen und Verkostungen stand auf dem Programm, die ein echtes kleines Weinwunder zum Vorschein brachten.

Das Qualitätsniveau der Weine, die wir in diesem September verkosten konnten, zeigte sich gegenüber 2007 um sage und schreibe eineinhalb "Sterne" verbessert, was bei unseren Durchschnittsbewertungen einer echten Qualitätsrevolution gleich kommt. Natürlich konnten wir in beiden Jahren nur einen kleinen Ausschnitt aus der georgischen Produktion verkosten, aber die Tatsache, dass sich die Anstrengungen der georgischen Weinmacher langsam in wirklich international konkurrenzfähigen Weinen niederschlagen, war nicht zu leugnen. Ganz gleich, ob modern, im Barrique ausgebaut, oder klassisch, mit langer Maischestandzeit im Kvevri vergoren und ausgebaut, die Weine aus Kachetien stellten das enorme Potenzial, das in dieser gottverlassenen Gegend noch schlummert unter Beweis.

Auch wenn, wie ich im oben zitierten Blogpost, berichtet habe, dass Georgien nicht die Wiege des Weins ist, allenfalls eine seiner ersten Zwischenstationen, so fühlt man sich hier in punkto Rebsorten und Techniken des Weinmachens nicht selten in ferne Jahrhunderte oder Jahrtausende versetzt. In den Boden eingegrabene Amphoren, in denen der Wein Monate lang auf einer Maische steht, die zuvor mit den Füßen in langen, hölzernen Bottichen gestampft wurde, verbreiten noch immer eine Atmosphäre wie aus dem Geschichtsbuch.


Kloster Alaverdi, wo orthodoxe Mönche traditionelle, aber auch ganz moderne Weine keltern. (Fotos: E. Supp)

Aber es gibt zum Glück auch die andere Seite des georgischen Weinbaus. Die der Investitionen aus Russland, Deutschland oder den USA, die der Stahltanks und Barriquefässer, der modernen Flaschenausstattungen und vor allem der international vergleichbaren und inzwischen auch konkurrenzfähigen Weinqualitäten. Da spielt es auch keine große Rolle, dass der georgische Weinbau im Moment nur 28 Rebsorten kommerziell nutzt. Immerhin zählt das Land insgesamt 621 verschiedene Sorten und besitzt damit einen unvergleichlichen Genpool, der dem Weltweinbau eines Tages noch sehr wertvoll sein könnte - vor allem, wenn man berücksichtigt, dass fast alle bekannten europäischen Kultursorten direkte Nachkommen dieser georgischen Sorten sind.

Viel weniger dagegen, glaubt man den Forschern, die ihre Arbeiten auf dem Symposium vorstellten, spielt bei der Ausprägung des besonderen Charakters der georgischen Weine - vor allem der Weißen - die Weinbereitung im traditionellen Kvevri, der georgischen Amphore, eine Rolle. Für Roberto Ferrarini von der Universität Verona ist dieser Kvevri nicht mehr als ein ziemlich neutraler "Kochtopf", der den Duft und Geschmack dieser Weine allenfalls zu 10 % prägt - der Rest geht auf das Konto der Sorten selbst sowie der extrem langen Maischestandzeiten von bis zu sechs Monaten, auch bei den Weißen.

Das konnte natürlich vielen der Kongressteilnehmer wie auch einigen der Referenten, die eigens gekommen waren, um den georgischen "Naturwein" aus der Amphore zu zelebrieren, nicht wirklich schmecken. Sie schimpften während der Verkostungen auf jeden Wein, der ein Barriquefass auch nur aus der Ferne gesehen hatte - wobei mir keiner dieser Amphoren-Apologeten erklären mochte, was an dem Material Ton denn so viel natürlicher sei als an Holz -, wiederholten wie trotzige Kinder wieder und wieder, wie wichtig die traditionelle Behandlung der Tongefäße mit Bienenwachs sei - die anwesenden Archälogen hatten sich aber gerade festgelegt, dass es keinerlei (!) Funde von historischen Amphoren gebe, die derart behandelt worden seien - und wischten die Untersuchungen von Ferrarini und Kollegen einfach vom Tisch.


Musik beim traditionellen Gastmahl Georgiens, dem Supra.

Den Georgiern, die inzwischen herrliche Weine, vor allem Rote, auch (!) aus dem Barriquefass holen, kann man da nur raten, dass sie sich von den Hohepriestern des "natürlichen Weins" - kann denn Wein natürlich sein? - nicht irre machen lassen und ihren Weg zu qualitativ hochwertigen Produkten weiter gehen. Sollte nämlich, was in der Weinbranche ja alle paar Jahre passiert, auch diese Naturwein-Mode eines schönen Tages ad acta gelegt werden, könnte es schnell passieren, dass die Modepropheten von heute von all ihren Wachsamphoren-Naturweinen nichts mehr wissen wollen. Georgien, sollte es sich in diese Nische drängen lassen, würde dann in ihr elendig untergehen, was aber unsere vor allem angelsächsischen Kollegen mit Sicherheit kaum noch kümmern dürfte. Deren Karawane wird dann längst weitergezogen sein.

Georgien, das zeigen auch unsere Verkostungen, aus denen wir im Folgenden die interessantesten Weine auflisten, braucht Nischenweine UND (massen)marktfähige Produkte, sonst ist der Großteil des Weinbaus hier wie im gesamten Kaukasus dem Untergang geweiht.

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Die Weine

    ***** Maisuradze Wines - 2200 Telavi, Solikauri Lechkumi Ice wine 2007: helles Stroh, etwas Banane und Birne im Duft, schöne Säure, Extraktfülle, lang im Abgang
    ***** Maisuradze Wines - 2200 Telavi, Mukuzani 2005: dickes Brombeerrubin, tiefe Beerenfrucht und Würze, dicht, saftig, schönes elegantes Tannin, großartiger Wein, identische Bewertung wie bei Vorprobe
    **** + Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kvareli Kisi 2010: etwas oxidative Farbe, Bernstein, süßliche Frucht im Duft, extrem hartes Tannin, braucht Jahre
    **** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kachetien Tsolikouri 2010: schönes Strohgrün, tiefer, würziger Duft, trotz Kvevri sehr modern gemacht, Dichte, Saft, schöne Aromatik am Gaumen Säure und verhaltene Phenole geben Struktur und Leben
    **** Maisuradze Wines - 2200 Telavi, Kachetien Rosé Ice wine 2007: helles Rosé-Madeira, sehr feine, exotische Nase, enormes Traubenzuckerpaket, feine Tannine, braucht noch Zeit
    **** Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Saperavi Vinoterra 2005: dichtes Rot, etwas vegetale Frucht, am Gaumen dichter, fruchtiger Körper, noch eine Spur raues Tannin im Finish, schöner Wein mit guter Extraktsüße und Länge
    **** Pheasant’s Tears - 4200 Sighnaghi, Kachetien Mtsvane dry unfiltered Amber Wine 2010: dichtes Goldgelb, feiner Duft mit gelben Blüten und Steinobst, Dichte und Frucht am Gaumen, feste Struktur, bricht hinter den Tanninen etwas zu rasch ab, insgesamt aber ausdrucksvoll
    **** Pheasant’s Tears - 4200 Sighnaghi, Kachetien Rkatsiteli 2008: leuchtendes Orange-Bernstein, Mineralik und getrockene Blüten im Duft, am Gaumen dichter, fester Körper, Tannine geben Struktur, Säure Leben, gute Länge
    **** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kvareli Rkatsiteli 2010: leichtes Goldgelb, etwas Butter, viel Stoff am Gaumen, aber auch ein wenig Schärfe, massive Tanninstruktur
    **** Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kachetien Saperavi barrel select 2007: dickes Rubinrot, gute Beerenfrucht mit etwas Kardamom, am Gaumen enormes Tanninpaket, braucht lange zum Reifen
    **** JSC Tbilvino - 0153 Tbilisi, Kachetien Kvevris Rkatsiteli 2010: leichtes Goldgelb, feiner Nussduft, Frucht, am Gaumen sehr lebendig, nur noch ein wenig zu adstringent
    **** Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Chateau Kisi Saperavi 2009: intensives Purpur-Rubin, tiefer, schöner Beerenduft, viel Frucht am vorderen Gaumen, dahinter etwas schlanker, aber fest strukturiert, eleganter Wein, nicht allzu lang im Abgang
    **** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kachetien Tsitska 2010: schönes Goldgelb, verhaltene, aber tiefe Frucht, leichte Würze, Ginster, mit der Lüftung großes aromatisches Volumen am Gaumen, kräftig, leichte Tanninstruktur, etwas zu breit im Finish
    **** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kvareli Mtsvane 2010: leuchtendes Ambergold, würzige Frucht, großer, kräftiger Körper, noch viel zu junge, harte Tannine, braucht Zeit
    **** Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Mtsvane Vinoterra 2008: dichtes Gelb, Nuss und Banane, etwas Mineralik, am Gaumen große Dichte und Sruktur, fest, aber schon harmonisch, guter Wein
    **** JSC Tbilvino - 0153 Tbilisi, Kachetien Tsinandali 2009: sehr helles Stroh, feine Birnen- und Biskuitaromen, am Gaumen Fruchtfülle, Säure, leichte Adstringenz
    **** Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kisi 2007: schönes Gelb, verhalten mit leichten Backwerksnoten im Duft, am Gaumen dicht und saftig, schöner, charaktervoller Wein
    **** ? JSC Tbilvino - 0153 Tbilisi, Kachetien Saperavi 2010: dichtes, schönes Purpur-Rubin, Sauerkirschen im Duft, am Gaumen jung und hart, zu wenig Saft, im Finish noch aggressiv
    *** + Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kachetien Saperavi Cabernet 2006: frisches Rubin, Kirchfrucht, leichte Würze, Tannine etwas zu trocken?
    *** + Pheasant’s Tears - 4200 Sighnaghi, Kachetien Kisi dry unfiltered 2010: bernsteingelb, reife, süße Frucht in der Nase, gute aromatische Tiefe, am Gaumen fest, noch junge Tanninstruktur, allerdings wenig Aromatik und Länge
    *** + Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kachetien Kakhetian Royal 2005: goldgelb, Butter und Karamell, auch oxidative Noten, am Gaumen noch ausgeprägter oxidativ, keine Frucht, dafür ein enormes Tanninpaket
    *** + Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kachetien Kakhetian Royal 2007: dichtes Rubin, recht feiner, tiefer Duft, angenehme Kirschfrucht, am Gaumen noch klebrig-hartes Tannin, aber insgesamt recht gut
    *** + JSC Tbilvino - 0153 Tbilisi, Mukuzani Saperavi 2008: intensives, leuchtendes Rubin, gute und tiefe Frucht im Duft, am Gaumen etwas zu wenig Saft und Stoff, Säure und Tannine dominieren noch
    *** + Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Rkatsiteli Vinoterra 2009: leuchtendes Goldgelb, tiefer, würziger Duft mit Banane, am Gaumen etwas wenig Schmelz, aber recht gute Tiefe und Länge, Tannine im Finish
    *** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kachetien Krakhuna 2010: schönes Strohgelb, mineralisch in der Nase, am Gaumen eine Spur grüner Säure, nicht allzu viel Tiefe und Ausdruck
    *** Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kvareli 2005: dichtes Kirschrubin, sauberer, recht tiefer Duft, am Gaumen von hartem, leicht bitterem Tannin geprägt, Frucht hinter den Tanninen, deutlich besser als bei der Vorprobe
    *** Monastery Wines - Winery Khareba Ltd. - 0108 Tbilisi, Kachetien Otskhanuri Sopere 2010: dichtes Purpur-Rubin,etwas Backwerk und Beeren im Duft, am Gaumen wenig Frucht und Aromatik, zu hartes Tannin
    *** Kindzmaraulis Marani - 4805 Kindzmarauli, Kachetien Saperavi Cabernet 2006: dichtes Rubin, im Duft etwas vegetal und Beerig, ohne großen Ausdruck und Tiefe, am Gaumen etwas besser, Frucht und etwas Adstringenz, hat sich gegenüber der Vorverkostung nicht mehr verbessert
    *** Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Kisi Clay Jar Fermented Vinoterra 2006: dichtes Bernsteingelb, recht neutral in der Nase und am Gaumen, aber fest, Tannine gut eingebunden, noch wenig entwickelte Aromatik
    *** Schuchmann Wines Georgia LTD - Vinoterra - 2200 Kisiskhevi / Telavi, Kachetien Cabernet Sauvignon Kakhetian style Vinoterra 2008: schönes Kirschrubin, Vanille und Kirschen, gute Struktur, aber etwas zu leicht, angenehmer Alltagswein

Vielen Dank für die

Vielen Dank für die interessanten Beiträge zu den georgischen Weinen, die Maisuradze's kannte ich noch nicht und die werden demnächst probiert ;)

Nicht nur in Georgien werden

Nicht nur in Georgien werden hervorragende Kvevri-Weine produziert. Seit 2008 haben wir uns mit 6 Kvevris der Methode Kartuli verschrieben.
Wir werden nach 4 Jahren Kvevri-Weissewein den ersten roten Kvevri Wein der Schweiz bringen.
Amédée Mathier

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