WorldWine Blog

20. Juli 2012

Zu viel Alkohol im Wein?

von Daniele Cernilli (www.doctorwine.it) - Bereits seit geraumer Zeit dreht sich eine der Schlüsseldiskussionen unter Weinprofis um den Alkoholgehalt der Weine. Es ist richtig, dass der Klimawandel einerseits und selektivere Techniken der Weinbergsarbeit andererseits, die in der Vergangenheit als Garantie für immer bessere Qualitäten betrachtet wurden, diesen Alkoholgehalt haben steigen lassen. Heutzutage gelten Barolos und Brunellos mit mehr als 14,5 oder Friauler Weißweine mit 15 Vol. % als normal, und nur vereinzelt findet man noch qualitativ hochwertige Weine mit weniger als 13 Vol. % Alkohol. Aber dabei darf man nicht vergessen, dass Italien ein mediterranes Land ist. Unser Klima ist, wie es ist, und unsere Weinbauzonen ähneln in klimatischer Hinsicht weniger dem Burgund oder der Champagne, auch nicht Bordeaux, sondern eher Kalifornien oder der Provence.

Leider werden solche geografischen Fakten bei uns häufig ignoriert, wie auch die Tatsache, dass man keine Weine mit Terroirtypizität keltern kann, wenn man diese Typizität vorher schon verraten hat, indem man die Trauben um eines geringeren Alkoholgehalts willen unreif erntet. Erinnern wir uns daran, dass aktuell der Wein mit dem größten Auslandserfolg unter den großen italienischen Weinen ausgerechnet der Amarone ist - mit Sicherheit kein Leichtgewicht.

Nachdem dies klargestellt ist, muss ich den Fans von Weinen mit niedrigerem Alkoholgehalt auch einige Fragen stellen. Erstens müssen sie sich  fragen lassen, ob sie sich der Tatsache bewusst sind, dass beispielsweise ein Friulano aus dem Collio cormonese nur schwerlich mit weniger als 14 Vol. % zu erzeugen ist, wenn man nicht saure Trauben mit ihren bitteren Traubenkernen verarbeiten will, wie wir sie alle zur Genüge kennen. Zweitens besteht bei Weinen mit 12 Vol. % das Risiko, dass die Kellertechnik vollkommen dominiert, denn einen einigermaßen korrekten Wein mit diesem Alkoholgehalt kann heute jeder erzeugen, und dabei noch die Produktionsmengen um 30 % steigern, was die allzu elastischen Höchsterträge der DOC-Vorschriften in der Regel sogar erlauben würden. Die industrielle, standardisierte Weinproduktion würde Urständ feiern. Drittens wäre die Erhöhung der Produktionsmengen auch hinsichtlich der aktuellen Marktsituation schädlich. Noch mehr Überschüsse zu erzeugen, würde die Preise ruinieren und jenen Erzeugern das Leben schwer machen, die noch handwerklich arbeiten, denen, die mit ihren hohen Produktionskosten dann überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig wären.

Ich versuche, mir stattdessen eine Welt vorzustellen, in der das Gleichgewicht, die Harmonie der Weine mehr zählt als alle Analysewerte aus dem Labor. Veronelli erwiderte jedem, der ihn nach dem Alkoholgehalt von Weinen fragte: "Würden Sie denn eine gut aussehende Dame nach ihrem Alter fragen? Wenn sie hübsch ist, welche Bedeutung hat dann noch ihr Alter?"

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I fully agree with the

I fully agree with the conclusions in this article. The main point is - balance. If there is sufficient acidity you will not taste alcohol of e.g. 15%.

Natürlich gibt es Rebsorten,

Natürlich gibt es Rebsorten, die kaum unter 13,5 oder 14 zu bringen sind. Andererseits muss nicht jeder Sauvignon blanc, Zinfandel oder Sangiovese 14 plus Alkohol aufweisen, es gibt durchaus erlaubte Wege und Techniken, den Alkoholgehalt et...was zu reduzieren. Und ein Hauch Unreife, da und dort, ist mir fast lieber als Überreife. Ach ja, Signore Cernillis Schlussfolgerung, dass niedrige Alkoholwerte zu Produktionssteigerungen führten, ist ein bisschen arg pauschal.

Wolfgang, das mit der Unreife

Wolfgang, das mit der Unreife ist schlicht Unsinn. Ich kenne jedenfalls keinen großen, vielleicht sogar alterungsfähigen Wein, der aus unreifen Trauben gekeltert wurde. "Ein Hauch Unreife" klingt dabei so ungefähr wie "ein bißchen schwanger". Und was Cernilli mit den Produktionssteigerungen meint, ist tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Wer die Anforderungsparameter (in diesem Fall: Reife, aber das gilt auch für andere) für Weine senkt, der erlaubt es dem Winzer / Weinmacher implizit, höhere Erträge zu geringerem Risiko einzufahren.

Im letzten Herbst war ich im

Im letzten Herbst war ich im Burgenland um bei einem meiner Lieblingswinzer meinen liebsten Pinot Noir zu kaufen. Da erzählte er mir, dass er seinen sehr gut gelungenen 2006er nicht abfüllen durfte, da er 15% Alkoholgehalt hatte. Lösung: Er musste ihn mit weniger guten Ergebnissen der Folgejahre auf 14,5% reduzieren. Da blutet nicht nur sein Winzerherz.

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