WorldWine Blog

25. Januar 2013

Zu Gast in Apulien - Herr Blümel trinkt für den Stern

von Eckhard Supp - Eine Schule, das jedenfalls behauptet mein Duden, ist "eine öffentliche oder private Einrichtung, in der Kindern und Jugendlichen durch planmäßigen Unterricht Wissen, Bildung vermittelt wird". Nun könnte man diese Definition sicher noch ergänzen, weil heutzutage auch Erwachsene auf Schulen gehen, aber das ist hier nicht der Punkt. Seit heute weiß ich nämlich, dass der Duden komplett daneben liegt. Mit der gesamten Definition.


Dirk Würtz? Ja, der ist hier vor ein paar Tagen
vorbeigekommen. (Foto: E. Supp)

Woher ich das weiß? Ganz einfach: Ich habe mir das neueste Video der "Stern"-Wein S C H U L E angesehen. Und bin jetzt sicher: Mit Wissen und Bildung und dem ganzen Brimborium hat eine Schule rein gar nichts zu tun. Nein! Eine Schule ist eine Werbeveranstaltung mit dem Ziel, möglichst viele Flaschen zu verkaufen. Reklame! Und sonst gar nichts!

Wie bitte? Nein, ich spreche hier nicht von den jeweils 15 Sekunden Werbung vor und dem Filmchen, in denen ein "Stern"-Weinpaket angepriesen wird, sondern von den 7:14 Minuten des eigentlichen Videos. Das ist natürlich sehr professionell und nett gemacht, kein Zweifel: Schöne Bilder, ein sympathischer Experte, viel Sonne, ein paar Rebstöcke - einfach alles, was so ein Werbefilmchen haben muss. Und da es um Italien, genauer um Apulien geht, muss in diesem Film natürlich gegessen werden. So sitzt unser Experte, Social-Media-Star Dirk Würtz, seines Zeichens Weinmacher in Rheinhessen und im Rheingau, denn auch bereits nach wenigen Sekunden am gedeckten Tisch. Eine knappe Minute dauert das Ganze, dann folgen nochmal 20 Sekunden nachgeschobener Vorspann.

Und dann geht es zum Wein. Oder zumindest in den Keller. Oder die Weinberge ... ? Dachten Sie? Weit gefehlt, denn jetzt folgt erst mal ausgiebiger Smalltalk. Wir erfahren, dass es in Apulien mörderisch, bullig heiß ist, und dass Dirk Würtz deshalb kurze Hosen tragen muss. Ansonsten läuft er, und läuft und läuft und läuft ... So ungefähr muss das ausgesehen haben, als in den 1960er Jahren deutsche Käfer über den Brenner nach Rimini rollten. Erst nach dreieinhalb (von insgesamt sieben!) Minuten hat Würtz dann endlich doch noch ein paar Rebstöcke gefunden und berichtet stolz, dass es sich dabei um Negroamaro-Reben handelt.

Amaro heißt sauer

Negro heißt schwarz und amaro heißt sauer, erfahren wir jetzt, "wobei das sauer sich auf die Tannine, das heißt die Gerbstoffe bezieht". Was ein Glück, dass Würtz nicht näher erklären muss, was Tannine oder Gerbstoffe sind! Ist wahrscheinlich auch gar nicht nötig, denn Stern-Online-Leser gehören ja bekanntermaßen zu den bestinformierten Weinkennern überhaupt. Ein Glück deshalb, weil Würtz dann vielleicht über den Umweg der Tannine bzw. ihren Geschmack hätte feststellen müssen, dass "amaro" nicht etwa sauer, sondern bitter heißt. Behaupten jedenfalls meine Wörterbücher. Von einem Geschmack wie Chinarinde spricht mein Zingarelli, die italienische Sprachbibel. Aber wenn ich so richtig drüber nachdenke: Dass in Wörterbüchern viel Unsinn steht, hatten wir ja schon oben gesagt.

Nun ist das beileibe nicht die einzige Information, die Würtz uns gibt. Wir erfahren, dass Negroamaro-Weine tiefdunkel, sehr samtig und weich sind. Und dass genau das sie von Primitivo-Weinen unterscheidet, die kurz darauf vorstellt werden. Die sind nämlich farbintensiv, kräftig, samtig und weich. Was ja doch ein wesentlicher, markanter Unterschied ist. Nicht wahr? Ach, fast hätte ich es vergessen: Wir erfahren auch, dass Primitivo eine autochthone Rebsorte ist. Für alle Nicht-Experten: Das ist eine einheimische Rebsorte, die, wie Würtz meint, "nur hier" wächst, nicht in Deutschland, Frankreich oder sonstwo. Naja, kann ja nicht jeder wissen, dass der Primitivo aus Kroatien stammt und nicht aus Apulien und dass er sich nur in Nuancen vom kalifornischen Zinfandel unterscheidet - ebenfalls ein Kroaten-Nachfahre. Dass er außerdem nicht nur in Apulien, sondern auch in Kampanien kultiviert wird. Aber das interessiert ja eh keinen. Oder?

Da ist doch viel wichtiger, dass es jetzt zum wiederholten Male sehr heiß ist, und dass Würtz wieder läuft und läuft und läuft .... Wohin? Natürlich ins nächste Restaurant, wo Würtz dann endlich damit rausrückt, wo ihn der Schuh drückt, was er uns eigentlich schon die ganze Zeit erzählen will. Dass man nämlich die Weine der Familie, die ihn so üppig ernährt hat, als Stern-Weinpaket bestellen kann. Ganz Herr Blümel bei Familie Hoppenstedt!

Als Social-Media-Experte hat Dirk Würtz dieses Angebot natürlich sofort auch seiner Facebook-Community bekanntgemacht. Und die greift den Ball noch lieber auf: "Sehr schöner Beitrag zu drei sehr schönen Weinen. Alle drei im Rindchen's Weinkontor auch in Lüneburg erhältlich. Wir freuen uns auf euern Besuch", postet postwendend ein stolzer Weinhändler, der die Weine - auch den "amaro", den "sauren" - im Angebot hat.

Fast wünscht man sich, Herr Würtz hätte es so wie Herr Blümel bei Familie Hoppenstedt gemacht und sich beim Drehen des Werbefilmchens sinnlos betrunken. Abgezapft und original verkorkt, sozusagen. Oder wäre zumindest mal bei der Redaktion des Duden vorbeimarschiert und hätte denen gesteckt, was eine Schule ist. Mein Fazit: Wenn das die groß angekündigte Qualitätsoffensive des "Stern" ist, dann gute Nacht Deutschland!

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Ha Ha Ha! lange nicht mehr so

Ha Ha Ha! lange nicht mehr so gelacht!
Loriot lässt grüßen.
Spende ist unterwegs.
Weiter so!
Schöne Grüße
Imtiaz

Danke! Die Facebook-Fans des

Danke! Die Facebook-Fans des Stern-Stars waren wohl nicht so begeistert. :-(

hat schon ein Grund warum es

hat schon ein Grund warum es unter den Videos keine Kommentarfunktion gibt...
die Hälfte des Videos besteht wirklich nur aus ... langeweile. Vom eigentlichen Wein und dem Weinbau erfährt man nur sehr wenig.

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