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08. April 2013

Warum trinkt Frankreich immer weniger Wein?

von Eckhard Supp - Frankreich verliert die Lust am Wein. Diesen Schluss jedenfalls legen die Zahlen zum Weinkonsum der Grande Nation in den letzten Jahrzehnten nahe. Trank 1980 noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung täglich zumindest ein Glas Wein, so ist dieser Anteil inzwischen auf 17 % zurückgegangen. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum fiel seit 1965, als er noch 160 l im Jahr betrug, auf gerade mal 57 l im Jahr 2010 und wird sich, allen Prognosen zufolge, in den nächsten Jahren in Richtung 30 l im Jahr entwickeln.


Noch sind Feste wie dieses, zumal, wenn sie in Weinbauregionen gefeiert werden, ohne Wein nicht denkbar. Ob auch hier eines Tages nur noch Sprudel und Cola auf dem Tisch stehen? (Foto: E. Supp)

Warum das so ist, diese Frage stellte sich dieser Tage wieder einmal Hugh Schofield von der britischen BBC in einem längeren Online-Artikel. Antworten darauf hat Schofield in einer kürzlich veröffentlichten Studie des International Journal of Entrepreneurship gefunden. Dort werden die Weintrinker in drei Altersklassen unterteilt, von denen die älteste - 60- bis 70-jährige - noch immer täglich Wein konsumiere, während die zweite - 40- bis 50-jährige - immer seltener, dafür aber besser trinke. Die jüngste Gruppe der Erwachsenen zeichne sich dadurch aus, dass sie Wein als Getränk wie jedes andere betrachte und immer später - oft erst in den Mittzwanzigern - mit dem Weintrinken anfange.

Als Gründe für diese Entwicklung nennt die Studie den Verlust sozialer Qualitäten der französischen Gesellschaft (Konvivialität, Traditionsbewusstsein, Genussfähigkeit) zugunsten utilitaristischerer Eigenschaften und einer "hygieno-moralischen" Grundstimmung. Für viele Franzosen sei der traditionelle "repas", die gemeinsame Mahlzeit, kein Pflichtbestandteil des Alltags mehr, und die Funktion des Weins als Grundnahrungsmittel und Kalorienlieferant sei mit dem Rückgang des Umfangs körperlicher Arbeiten und der Verbesserung sanitärer Standards (Trinkwasserqualität) ebenfalls hinfällig geworden, eine Entwicklung, die bereits in den 1960er Jahren eingesetzt habe.

Diese Fakten sind seit langem hinlänglich bekannt, ihre gebetsmühlenhafte Wiederholung lässt aber noch keine positiven Lösungsansätze zu, da solche sozialen Trends in der Regel nicht voluntaristisch umkehrbar sind. Sowohl die Studie als auch der Artikel Schofields werden denn auch genau dort konfus und widersprüchlich, wo die Weinindustrie Möglichkeiten zur Intervention hätte: So wird einerseits festgestellt, dass der sinkende Konsum mit einer Erosion der Identität - vor allem der mythischen Komponente - und mit der damit einhergehenden Banalisierung des Weins verbunden sei - Stichtwort: Wein als Getränk wie jedes andere. Andererseits wird, was auch in deutschen Diskussionen gerne ins Feld geführt wird, beklagt, das Image des Weins sei (nach dem Verlust seiner Qualität als Alltagsgetränk) zu elitär und unattraktiv geworden, Wein müsse deshalb entmystifiziert werden, als dass jüngere Menschen wirklich Zugang zu ihm finden könnten.

Es ist sicherlich unbestreitbar, dass eine Banalisierung des Weins ihn in seiner Stellung angreifbar macht, ihn zumindest in der Vorstellungswelt der Konsumenten auf eine Ebene mit Bier, Cola, Schnaps oder Mineralwasser stellt. Auf der anderen Seite ist es richtig, dass der Mythos Wein eine elitäre Komponente hat, die den Zugang zu ihm erschwert. Um so wichtiger scheint es mir, alle Anstrengungen darauf zu richten, dass Wein wieder eine klare Identität - keine Identität als banales Getränk, sondern als besonderes, emotional besetztes - bekommt, die ihn deutlich von anderen Getränken abgrenzt. Was dazu notwendig ist, vor allem positives Storytelling, habe ich an anderer Stelle bereits skizziert. Es zu entwickeln wird die gemeinsame Aufgabe von Weinindustrie, Weinkommunikation und Weinpublizistik in den kommenden zwei Jahrzehnten sein.

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