WorldWine Blog

29. Januar 2013

Unruhen in Südafrika - Boycott as boycott can?

von Eckhard Supp - Es war einer jener Momente, in denen man zunächst glaubt, nicht richtig gelesen zu haben. "Werden Sie südafrikanische Weine boykottieren?", wollte die Internet-Umfrage von mir wissen, und ein wenig überraschend, ja irritierend wirkte die Frage schon. Zumal der Blick auf das Datum und den Namen der Publikation verrieten: Nein, das war kein Artikel aus den späten 1970er oder den 1980er Jahren und auch die Publikation war keine, in der man jede Menge unverbesserlicher Apartheid-Hardliner vermuten würde.

Die Frage thronte dick und fett über einer Umfrage, welche die Online-Ausgabe des liberalen britischen Guardian vor wenigen Tagen seinen Lesern zur Abstimmung vorsetzte.


Gegen das Apartheid-Regime war der internationale Boykott ein wirksames politisches Mittel, das letztlich den radikalen Umbruch herbeiführte oder zumindest beschleunigte. Aber inflationäres Wiederaufwärmen der alten Slogans könnte den Schwarzen heute mehr schaden als nutzen. (Foto: E. Supp)

Zum besseren Verständnis wurden die Guardian-Leser dann in weniger als 10 Zeilen darüber "informiert", dass nicht weiter definierte Gewerkschaftsführer der südafrikanischen Farmarbeiter eine drastische Erhöhung der Tageslöhne verlangt und Konsumenten in Übersee aufgefordert hätten, südafrikanische Weine, Trauben und Granny Smith Äpfel zu boykottieren. Nicht mehr! Aber auch nicht weniger! Und ja, da war nicht etwa vorsichtig von "würden Sie gegegenenfalls ..." die Rede. Mit klar imperativer Konnotation hieß es: "Werden Sie südafrikanische Weine boykottieren?"

Entsprechend vorhersehbar war wohl auch das Ergebnis: 59 % der Teilnehmer antworteten mit "ja", 41 % mit "nein". Nun könnte man darüber philosophieren, was die Leser des Guardian zu dieser Antwort bewog, wie gut ihre Kenntnis der aktuellen Situation in Südafrika ist und ob eine solche, absolut NICHT repräsentative Umfrage mit ihrem Ergebnis die öffentliche Meinung vielleicht gerade erst bildet anstatt sie nur abzubilden - diesen manipulativen Beigeschmack haben leider viele von den Medien ad hoc veranstalteten Umfragen.

Schmutziger Krieg

Was mich richtig störte, war die Tatsache, dass die Guardian-Frage eine Forderung aufnahm, die nach dem Boykott vor allem der Weine aus Südafrika, die in den letzten Wochen und Monaten von Vertretern des African National Congress aufgestellt worden war, von der Partei also, die in Südafrika die Regierung stellte. Nun ist es ja kein Geheimnis, dass ich nicht zu den unkritischen Claqueuren der Winzer am Kap gehöre, und das gilt heute wie vor 35 Jahren, als ich das Apartheid-Regime mit meinen Kameras sezierte - um anschließend 16 Jahre lang nicht mehr zurückkehren zu dürfen. Aber eine Regierung, die zum Boykott der Produkte des eigenen Landes auffordert? So als würde sich Rainer Brüderle hinstellen und die Autokäufer dieser Welt bitten, keinen VW mehr zu kaufen? Das war mir nun wirklich noch nicht untergekommen, und man kann an dieser Absurdität schon ermessen, welch schmutziger Krieg da im Moment am Kap ausgefochten wird.

Es ist ein Krieg, in dem beide Seiten mit gezinkten Karten spielen, in dem die Hardliner im ANC-Lager den Betonköpfen unter den fast immer noch ausschließlich weißen Farmbesitzern gegenüber stehen, und unter dem mit Sicherheit sowohl die fragile Ökonomie des Landes als auch die schwarze Bevölkerungsmehrheit, die auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid immer noch hungrig auf die Erfüllung wenigstens eines Teils ihrer Hoffnungen wartet, leiden werden. Es ist ein Konflikt der extrem vielschichtig und komplex ist, dessen sich zumindest die Weinindustrie des Landes bereits sensibel und offensiv angenommen hat. Wohl im Unterschied zu den Apfelfarmern.


Farmarbeiter auf Welgemeend im Anbaugebiet von Paarl. (Foto: E. Supp)

Ein Boykott ist ein sehr starkes politisches Instrument. Wenn er funktioniert! So, wie der Boykott des Apartheid-Regimes, der dieses letztlich in die Knie zwang. So wie der Boykott Nordkoreas, des Iran oder Libyens - auch dieser hat einmal sehr gut funktioniert. Aber diese Waffe ist und bleibt nur so lange scharf, so lange man sie nicht inflationär benutzt. Dann stumpft sie ab, wird ihrer Sprengkraft beraubt. Dann wird aus "Werden sie südafrikanische Weine kaufen?" eine Art "Möchten Sie, dass morgen in Kapstadt die Sonne scheint?"

Man mag zur sozialen Lage der schwarzen Farmarbeiter stehen, wie man will, und auch da gehöre ich eher zum kritischen Lager. Zu diesem Punkte wird ENO WorldWine in den nächsten Tagen auch eine ausführlichere Analyse veröffentlichen. ABER! Die unzureichende Bezahlung südafrikanischer Landarbeiter ist NICHT mit dem Apartheid-Regime vergleichbar. Sie erfordert deshalb auch nicht die gleichen Reaktionen von seiten der internationalen Öffentlichkeit. Anstatt, wie es bei einem solchen Boykottaufruf der Fall ist, pauschal sämtliche Winzer und Weinproduzenten in einen Topf zu schmeißen, sollten die Kritiker sich lieber dafür stark machen, dass die VON DER WEININDUSTRIE gestarteten Initiativen zur Durchsetzung (besserer) ethischer Standards Erfolg haben, dass solche Standards in Gesetze einfließen, die den Rahmen dafür schaffen könnten, dass Südafrikas Schwarze vielleicht doch noch irgendwann ihren Träumen etwas näher kommen.

Wer aber angesichts solcher Probleme zum pauschalen Boykott aufruft oder dies auch nur durch eine so genannte Umfrage suggeriert, der vergleicht wahrscheinlich auch jedwedes diktatorische Regime mit Nazideutschland und relativiert damit in fahrlässiger Weise die tatsächlichen Dimensionen des Holocaust.

Also, liebe Kollegen des Guardian: Kritik ist gut, aber bitte lasst die Kirche im Dorf! Wer das Kind mit dem Bade ausschüttet, muss sich nicht wundern, wenn er es anschließend beerdigen muss.

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