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07. April 2013

Italien trauert um Franco Biondi Santi

von Eckhard Supp - Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Treffen. Von Rom aus war ich - ohne Auto, das ich damals nicht besaß - mit dem Zug Richtung Siena gestartet, dann mit dem Bus bis ins Zentrum von Montalcino gefahren. 1986 war das. Und nun stand ich da, hatte keine Ahnung, wo diese Tenuta il Greppo war, von der ich schon so viel gehört hatte, und wie ich dorthin kommen sollte. Zum Glück hatte ich eine Telefonnummer, und der freundliche Herr, der meinen Anruf entgegennahm, erklärte sich auch sofort bereit, mich vor der kleinen Bar, in der ich gelandet war, abzuholen. Es war Greppo-Besitzer Franco Biondi Santi höchstpersönlich, dottor Franco, der wenig später mit einem klapprigen kleinen Fiat-Pickup vorfuhr und mich samt Koffer und Fototasche aufgabelte. Heute gegen 15 Uhr ist Franco Biondi-Santi im Alter von 91 Jahren verstorben.


Franco Biondi Santi 1986 mit Hunden im Garten seines Weinguts und die alten Rebstöcke, die den Mythos Brunello begründeten. (Fotos: E. Supp)

Biondi-Santi war ein Urenkel jenes Ferruccio Biondi-Santi (1848 - 1916), der Ende des 19. Jahrhunderts Versuche seines Großvaters Clemente Santi (1795 - 1885) wieder aufgenommen hatte, aus den Sangiovese-Reben seines Weingutes die besten zu isolieren und zu reproduzieren, und der 1888 einen kräftigen, trockenen, Brunello genannten, Wein nach dem Muster des (damals) modernen Barolo vorstellen konnte.

Bis in die 1950er-Jahre blieben die Biondi Santis die einzigen Abfüller dieses Weins, der damals wegen seiner Langlebigkeit schon zur Legende geworden war, dafür aber war der Boom, der in den 1980ern seinen Anfang nahm, um so gewaltiger. Biondi Santis Weine gerieten durch die Vielzahl neuer Interpretationen des alten Weines - Ausbau in Barriques oder der Verschnitt mit ortsfremden Sorten wie Merlot oder Nero d'Avola sind nur zwei der vielen Stichwörter - über die Jahrzehnte fast ein wenig in Vergessenheit. Auch ich selbst hatte seit dem sehr guten Jahrgang 1997 leider keine Gelegenheit mehr, ihn zu verkosten.

Dottor Francos Weine waren nie einfach zu verstehen, vor allem nicht in der Jugend, und fielen bei Verkostungen wegen ihrer markanten Säure und ihrer oft sehr hellen Farbe häufig negativ auf. Sie blühten in der Regel erst nach zwei oder drei Jahrzehnten auf, was nicht nur große Anforderungen an die Geduld der Weinkritik stellte, sondern ihre Bewertung auch zu einer Art Lotteriespiel machte, denn nach so langer Zeit war natürlich die Rate der Flaschen mit ungünstiger Entwicklung recht hoch.

In den letzten 15 Jahren war in den Medien leider mehr von den Streitereien zwischen Franco und seinem Sohn Jacopo zu lesen, der die Greppo-Weine lieber viel moderner gemacht hätte, und letztlich zog sich Jacopo auch ganz aus dem väterlichen Weingut zurück, wurde mit zwei neuen Betrieben selbständig. Mit Franco Biondi-Santi verliert Italien eine weitere jener Winzerlegenden, die meiner Generation den Weg in die Weinwelt eröffnet haben.

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