WorldWine Blog

07. Januar 2013

Die Wiwo und der Wein - Was vom Versprechen eines Chefredakteurs zu halten ist

von Eckhard Supp - Facebook war mal wieder Schuld! Oder besser, der Kollege Mario Scheuermann. Der postete nämlich am vergangenen Samstag einen Link zur Onlineseite des (zumindest bis vergangenen Samstag) renommierten Fachmagazins Wirtschaftswoche. Der Artikel, in dem es um die Liberalisierung der Pflanzrechte des europäischen Weinbaus durch die EU ging, war zwar eigentlich nicht der Rede wert - er bestand hauptsächlich aus zwei oder drei von Weinbaufunktionären und dem baden-württembergischen Verbraucherminister Alexander Bonde vom Bündnis 90/Die Grünen übernommenen, ziemlich substanz- und haltlosen Behauptungen, wie schlimm eine Freigabe der Pflanzrechte den deutschen Weinbau treffen würde.

Diese Behauptungen hatte ich bereits in meinem letzten Editorial zerpflückt, fand es aber doch noch einmal richtig und wichtig, ihnen einige Punkte entgegenzusetzen - zumindest in knappen Thesen in Form eines Kommentars direkt zum Artikel auf wiwo.de. Groß war mein Erstaunen, als der Kommentar zwar einige Sekunden oder Minuten sichtbar war, dann aber wie von Geisterhand wieder verschwand. Nachdem ich das auf Facebook gepostet hatte, versuchte es einer meiner FB-Kontakte mit der Frage an die WiWo, was denn mit meinem kritischen Kommentar geschehen sei. Auch diese Frage verschwand sofort wieder spurlos.


Die Kommentarspalte des Weinartikels in der Wirtschaftswoche, am 7.1. um 20:30.

Ich wandte mich daraufhin mit einer E-Mail direkt an den Chefredakteur der WiWo, Roland Tichy und bat um Aufklärung. Meine Frage, ob es sein könne, dass bei der WiWo kritische Kommentare von Journalistenkollegen nicht toleriert würden, antwortete diese innerhalb weniger Minuten kurz und knapp: "...kann nicht sein. Muss irgendeine Maschine sein." Auf den Originaltext, den ich in meine Mail kopiert hatte, ging Tichy nicht weiter ein.

Zwei E-Mail-Runden später - alle anderen außer meinen Kommentaren waren inzwischen wieder aufgetaucht - und nach erneuter Anfrage, was denn nun mit meinem eigenen Text los sei, antwortete Tichy: "... das Ding ist verschollen. die suchen das. Schicken Sie mir den Text und wir Posten das. Klingt blöd, aber ist so. Ehrlich.....". Natürlich schickte ich ihm den Text noch ein zweites Mal, und zwar postwendend wieder per Mail. Obwohl sich inzwischen auf Facebook, Twitter und Google+ schon eine ganze Reihe von Weinfreunden und Journalistenkollegen über die nicht eben gipfelstürmerischen Ausreden Tichys lustig machte, wappnete ich mich weiterhin in Geduld. Am Samstag abend, am Sonntag, am Montagmorgen.

Immer noch kein Kommentar, das war das Bild Montag mittag, als ich doch wieder etwas von der WiWo hörte. ".. vielen Dank für Ihre E-Mail von Samstag, in der Sie die „Löschung“ des von Ihnen abgegebenen Kommentars beanstanden. Dafür möchten wir uns bei Ihnen entschuldigen. Allerdings wurde Ihr Kommentar weder zensiert noch gelöscht, sondern ist offenbar den Tücken der Technik abhandengekommen. Die Löschung eines Kommentars sieht unser System nämlich gar nicht vor – wir haben lediglich die Möglichkeit, Kommentare zu deaktivieren." Was wiederum so dummdreist war, dass ich das hier lieber genauso wenig kommentiere wie das orginelle Deutsch des Kollegen.

Dass Roland Tichy den Text inzwischen schon zum zweiten Mal per E-Mail erhalten und höchstpersönlich seine Veröffentlichung versprochen hatte - wen kümmerte es? Ich jedenfalls hatte spätestens zu diesem Zeitpunkt verstanden, dass ich für die Veröffentlichung meines Kommentars wohl bis zum Sank-Nimmerleinstag würde warten müssen und ... was von gegebenen Versprechen eines deutschen Chefredakteurs zu halten ist.

Ach so, mein Kommentar! Hier ist er, nur für den Fall, dass doch noch jemand bei der WiWo in der Lage ist, "das Internet" richtig "zu bedienen": "Werte Kollegen, substanzloser und falscher geht es wohl kaum noch. Erstens hat die Expertenkommission der EU kurz vor Weihnachten genau die Empfehlung herausgegeben, dass eine eventuelle Ausweitung der Flächen in die Verantwortung der Mitgliedsstaaten selbst gelegt werden soll. Zweitens ist das aktuelle System der Pflanzrechtsbeschränkungen nachteilig für Deutschland, da die großen, südeuropäischen Länder unter ihm noch enorme Pflanzrechtsreserven besitzen, die sie auch ohne Gesetzesänderung ausschöpfen können. Drittens ist der Preisdruck durch die süd- und osteuropäischen Länder gerade unter dem aktuellen System besonders hoch, da Deutschland vorwiegend teuer zu bearbeitende Flächen besitzt, die anderen dagegen nicht. Viertens ist es eine Tatsache, dass unter dem existierenden, alten System der Pflanzrechtsbeschränkungen besonders viele Steillagen in Gefahr geraten sind. Ob das unter einem liberalisierten System auch der Fall wäre, wage ich zu bezweifeln. Und fünftens gerieten selbst unter der pessimistischsten Annahme die deutschen Steillagen nur deshalb in Gefahr, weil sich der deutsche Weinbau in seiner unnachahmlichen Gleichmacherei standhaft weigert, sich eine moderne, differenzierende und für den Verbraucher nachvollziehbare Appellationsstruktur zu geben. All das ignorieren natürlich Weinbauverantwortliche und Politiker nur allzu gerne. Dass die WiWo sich an diesen Zug hängt, ist kein journalistisches Ruhmesblatt. Wenn Sie eine differenziertere Betrachtung kennenlernen möchten, die finden Sie z. B. hier: http://www.enoworldwine.de/aktuell/editorial/quo-vadis-europa-pflanzrechte-und-markenweine."

Sie können unsere Arbeit durch eine Spende unterstützen.

Lesen Sie auch:

Quo vadis Europa? Pflanzrechte und Markenweine
EU auf Kompromisskurs bei Pflanzrechten
Pflanzrechtsregulierung: Front gegen Aufhebung wächst
EU-Reform: Das Ende der Steillagen? 


Kommentieren Sie diesen Artikel / Your comment

CAPTCHA

Bitte tragen Sie die untenstehenden Zeichen in das Eingabefeld ein. Captcha hilft uns bei der Vermeidung von automatisierten Eingaben.