WorldWine Blog

30. März 2013

Daniele Cernilli: Entorten wir uns!

von Daniele Cernilli (www.doctorwine.it) - Lasst uns doch mal so tun, als könnten wir die Zukunft der Weinwirtschaft in der Welt vorhersagen! So in der Art der Gramscischen Andeutungen über das Universum (Brevi cenni sull'universo), wobei wir, wenn wir der Logik und den Tendenzen der Weltwirtschaft folgen, vielleicht wirklich etwas erahnen können. Nur so aus Spaß ...

Zu allererst würde ich mich fragen, bis zu welchem Punkt es sinnvoll ist, Konsum- oder Massenweine in ferne Länder zu verschicken, sprich zu exportieren. Weine, bei denen die Verpackungs- und Transportkosten höher als ihre Gestehungskosten oder ihr Wert sind. Das Ganze auf Schiffen mit Dieselmotoren, die die Umwelt verschmutzen, unter Verwendung von Plastik, Glas und anderen Materialien, die kostspielig recycelt werden müssen. Und das ist noch nicht alles: Wir müssen uns auch fragen, bis zu welchem Punkt es zweckmäßig ist, solche Weine ohne spezifischen Charakter in Italien, in Frankreich und sogar in Kalifornien zu erzeugen, wo das Land und die Arbeitskräfte teuer sind. Die Perlweine, die Pinot grigios, die Bag-in-Box-Weine zum Beispiel, die mit lächerlichen Margen gehandelt und überall auf der Welt reproduzierbar sind. In Argentinien, in Rumänien, sogar in China und Mexiko, wo die Produktionskosten deutlich niedriger wären.

Unvorstellbar dass dieses oder ähnliche Szenarien eines Tages Wirklichkeit werden? Wenn doch, wäre es dann nicht wünschenswert, dass die großen europäischen Gruppen das Spiel in der Hand behielten. Indem sie etwa Rebflächen in Ländern kaufen, die auch große Absatzmärkte sind, wodurch auch die Transportkosten und die Umweltverschmutzung deutlich reduziert werden könnten?

Solche Bestrebungen gibt es ja längst. Antinori produziert seit Jahren in Ungarn und interessiert sich auch für Rumänien, Zonin, Cavit, Sella & Mosca, d. h. die Campari-Gruppe, produzieren bereits außerhalb Italiens. Ganz zu schweigen von den großen Kellereigruppen in Australien, den USA und Frankreich. Im Moment zielen die Aktivitäten noch nicht darauf, Massenkonsumweine zu erzielen, aber schon richtet sich das Interesse auf Gegenden, in denen das Land und die Arbeit wenig kosten.

Wenn das so käme, was bliebe dann für die klassischen Weinbauländer wie Italien oder Frankreich? Das, was man nur dort erzeugen kann: Weine mit klarem Terroircharakter, Weine aus einheimischen Rebsorten und vor allem Weine, deren Verkaufserlöse die hohen Kosten für Arbeit, Böden sowie die Umwelt- und Sozialsysteme einspielen können. Vielleicht werden auch noch preiswerte Weine erzeugt, aber die dürfen nicht zu billig sein, müssten mindestens drei statt des einen Euros der Massenweine kosten. Müssten sich deutlich von der Todesspirale immer niedrigerer Preise auch in Europa absetzen können. Eine Ahnung davon bekommen wir derzeit. Italien hat im vergangenen Jahr 7 % weniger Wein exportiert, aber 19 % mehr damit erlöst. Alles vielleicht nur das Resultat niedriger Ernteerträge? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.
(Übersetzung: Eckhard Supp)

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