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20. Februar 2013

Avanti popolo im Chianti Classico - Alles Revolution, oder was?

von Eckhard Supp - Der Saal tobte. Mühsam nur konnte sich ein Redner Gehör verschaffen. Ein, zwei Minuten ging das so, dann erklang von den hinteren Reihen lauter Gesang, in den schon nach wenigen Takten fast alle im Saal einstimmten: "Avanti popolo, alla riscossa, bandiera rossa ...". Es war die langersehnte Revolution, der Chianti Classico war in Aufruhr. Oder war die Phantasie mit mir durchgegangen? Nun, die mächtigen Chöre mit dem Schlachtlied der italienischen Linken hatte ich wirklich nur geträumt. Statt vor Kampfesröte zu erstrahlen, wirkten die Gesichter um mich herum eher gelangweilt. Aber ausschließlich eingebildet hatte ich mir das Ganze dennoch nicht.


Auch wenn die Toskana, vor allem die südliche mit Siena als ihrem wirtschaftlichen und spirituellen Zentrum, traditionell immer als Hochburg der Kommunisten galt - bei dem, was in diesen Tagen den Chianti Classico bewegt, von Revolution zu sprechen, wäre dann doch ziemlich verwegen. (Foto: E. Supp)

Denn tatsächlich sollte es um Revolution gehen. Vor Wochen schon angekündigt, füllte sie die dicken Pressemappen, die wir am Eingang erhalten hatten. Von nicht mehr und nicht weniger als einer Revolution des Weinbaus und Weinmarketings im Chianti Classico war die Rede. Im Chianti Classico, wohlverstanden, nicht etwas "nur" im Chianti, wie die 200 aus aller Welt angereisten Journalisten sich mit dem sprichwörtlich erhobenen Zeigefinger ermahnen lassen mussten. So als ob sie und nicht die Verantwortlichen in der Toskana den Unsinn der fast gleichnamigen Appellationen vor einigen Jahrzehnten geschaffen hätten, dafür verantwortlich seien, wenn nicht einmal italienische Konsumenten sich im Wirrwarr der vielen Chiantis zurecht finden.

Konfusion mit Über-drüber

Aber Schwamm drüber! Hier ging es um Wichtigeres. Angekündigt worden war neben so ungemein tiefschürfenden Entwicklungen wie dem etwas moderner gestalteten Logo des Schwarzen Hahns vor allem eine profunde Revision der Qualitätsstufen des vielleicht bekanntesten Weines Italiens. Eine Revision, durch die der existierenden Qualitätspyramide aus normalem Jahrgangswein und "Riserva" noch eine Über-Drüber-Kategorie spendiert werden sollte. Gran Selezione hatte man die in einem Anfall hispanisierender Originalität genannt.

Ein Super-Premium-Spitzen-Chianti also? Besser noch, exklusiver als die bestehende Riserva? Nun, wer sich im Chianti, pardon im Chianti Classico ein wenig auskennt, weiß, dass solche Über-Drüber-Weine schon lange existieren. Super Tuscans nannten sie die Anglosachsen in den 1980er Jahren, ein Begrif, der ins internationale Sprachrepertoire einging. Diese Super Tuscans wurden erzeugt, um dem engen Prokrustesbett der DOC-Vorschriften Italiens zu entgehen. Um Cabernet Sauvignon und Merlot verwenden, sie im neuen Barriquefass ausbauen und nicht erst nach Jahren, wenn die meisten Chiantis traditionell schon müde wurden, auf Flasche füllen zu dürfen. Als simple Tafelweine wurden diese Weine anfänglich deklariert, dann schuf man eine Reihe von Landwein-Appellationen (Igt), die dem Verkauf dienlicher waren.

Und genau auf sie zielt die neue Kategorie des Chianti Classico Gran Selezione ... insgeheim, mehr oder weniger offen. Ins etwas verlotterte Bett des Classico möchte man die Tuscans zurückholen, ihre Winzer davon überzeugen, auf die Igt-Appellation zu verzichten. Ob diese Hoffnung realistisch ist? Nach dem Urteil all derer, die ich dieser Tage in Florenz befragen konnte, Winzer wie Journalisten aus aller Welt, wohl eher nicht. Denn ein Großteil dieser Super Tuscans passt eh nicht unter das Dach des Chianti, weil zu nicht mehr erlaubten Prozentsätzen aus Cabernet, Merlot, Syrah und Co. statt aus Sangiovese gekeltert.

Verpasste Chance

Vor allem aber, weil der neuen Qualitätsstufe, dem "revolutionären" Marketing-Coup ein Denk- oder auch Mentalitätsfehler zugrunde liegt. Anstatt die Notwendigkeit, an der bisherigen Struktur der toskanischen Appellationen etwas zu verändern - und die muss wohl existiert haben, sonst wäre der Aufwand eh für die Katz -, als Chance zu begreifen, anstatt endlich so etwas wie eine territorial gebundene Qualitätshierarchie zu entwickeln, wird dem existierenden System wieder nur eine neue, rein bürokratisch definierte Kategorie übergestülpt. Anstatt, wie es beispielsweise das Bordelais macht, eine Hierarchie nach dem Muster von Pyramiden wie Bordeaux - Médoc - Pauillac samt der Klassifizierung der besten Lagen / Châteaux zu wagen, wird es wieder nur eine Kellerselektion von Weinen geben, die man erst nach 30 Monaten auf den Markt bringen darf und die mindestens 13 % Alkohol vorzeigen müssen. Das sind nämlich, neben der Tatsache, dass nur Trauben der eigenen Weinberge zur Gran Selezione verarbeitet werden dürfen, die einzigen Bestimmungen, die die Produktion dieser Über-Drüber-Weine regulieren sollen. Der erlaubte Höchstertrag bleibt derselbe wie bei der bisherigen Riserva, die Vinifizierung ist die gleiche, die Weinberge natürlich eh und die Rebsortenzusammensetzung auch. Und diese 13 Vol. % ...? Als ob nicht eh fast jeder Jahrgangs-Classico schon heute so viel auf die Waage brächte ...

Was mit dieser neuen Kategorie, wenn sie denn überhaupt von den Erzeugern angenommen werden sollte, passieren wird, ist relativ leicht zu erraten. Die Weine werden, wie es bei der aktuellen Riserva der Fall war, zunächst ein wenig besser sein als der Durchschnitt. Dann werden die ersten überlagerten gefüllt werden - 30 Monate Lagerzeit ist Pflicht - und die oxidierten und die ausgezehrten, die schon jetzt bei den jährlichen Verkostungen zu Hauf das allgemeine Bild trüben. Und dann wird der Anteil der Gran Selezione am Gesamtausstoß mit den Jahren größer und größer werden, ganz wie es bei der Riserva der Fall ist, die aktuell fast 40 % des gesamten Gallo-Nero-Volumens stellt. In 10, 15 Jahren wird dann die nächste Kategorie über die Selezione gestülpt, vielleicht eine Super Riserva oder Ähnliches. Und dann geht das Spiel wieder von Neuem los.


Das "revolutionär" neue Logo und Chianti-Präsident Giuseppe Liberatore (li). Marketing modern oder bizzarr: Chianti Classico wird zu Cocktails gemixt (re, Fotos: E. Supp)

Marketing bizzarr

Das Ganze ist ungefähr so sinnvoll wie die neueste Marketingmasche, die das Classico-Konsortium am Abend der Verkostungen in Florenz vorführte: Chianti Classico zu Cocktails gemixt. Nichts dagegen zu sagen, wenn sich jemand Rotwein in einen Cocktail mixen will, und dazu braucht man vermutlich nicht mal einen besonders guten, da der Wein neben Orangensaft, Gin, Whisky, viel Eis und sonstigen Ingredienzen geschmacklich kaum noch zum Tragen kommen dürfte. Das soll jeder halten, wie er will! Aber daraus eine Marketingkampagne für einen der - nach eigener Definition - großen italienischen Weine zu machen? Für einen Wein, der Charakter, Ausdruck, Eigenständigkeit, Geschmacksfülle zeigen soll? Das ist ungefähr so, als würde man vom Mercedes den Stern abschrauben und ihn an eine Konstruktion aus 1/3 Toyota, 1/3 Opel und 1/3 Fiat schrauben. Kurz gesagt: Ein Marketingdesaster. Wer so etwas initiiert, setzt mutwillig den Markencharakter seines Produkts auf's Spiel.

Muss es da noch wundern, dass selbst die Italiener kaum noch Chianti Classico trinken? Dass gerade noch 20 % der Produktion auf dem heimischen Markt bleiben? Dass der Fasspreis immer noch nach Luft schnappt und sich gegenüber 2010 kaum wirklich erholt hat? Damals schrieb ich: "Der Literpreis von Chianti Classico liegt derzeit, wie schon ... berichtet, bei einem Euro, auch wenn mancher Optimist von 1,50 EUR, die ganz Mutigen sogar von 1,80 EUR sprechen." Auch heute wird ganz offiziell von einem Niveau von um oder knapp über 1,50 EUR gesprochen, was nicht wie eine große Erfolgsstory klingt. Wenn Chianti Classico schon für 2,50 oder 3,50 EUR im Regal steht? Muss es wundern, wenn Italiens Weinbau insgesamt alleine im vergangenen Jahr in Deutschland 15 % seines Marktvolumens verloren hat? Ich glaube, nicht wirklich. 

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