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(Stichwort: Produkte)
Elitärer
geht`s wirklich nicht mehr
...
besser schon noch!
von Eckhard Supp
"es
ist soweit" - Der Fettdruck und die Kleinschreibung sollen
das Außergewöhnliche der Ankündigung unterstreichen:
Mit der Ausgabe April 2008 hat der Wiesbadener Verlag
Tre Torri jetzt eine deutsche Version des 2006 von dem
finnischen Fotografen und Werber Pekka Nuikki
gegründeten European Fine Wine Magazine auf den Markt
gebracht. Der Name des deutschen Hefts: "Fine - Das
Weinmagazin". Alles fein also? Wir haben das erste Heft
einmal etwas genauer unter die Lupe genommen.

Gute Brille gefragt:
Teilweise nur 6-7 Punkt
große Schrift auf dem Umschlag
Um
zu verstehen, dass "Fine"
- Bitte englisch aussprechen! Gemeint ist nicht das
italienische "fine" (Ende) - kein Magazin für
Krethi und Plethi sein will, muss man das Heft gar nicht
erst aufschlagen: Gewicht, Preis (15 EUR pro Ausgabe) und
Gestaltung des Titelbilds sprechen eine deutliche Sprache
- zumindest dann, wenn man denn genügend scharfe Augen
hat, um vor dem unruhigen Hintergrund die teilweise nur 6
oder 7 Punkt große Schrift (Großbuchstaben sind dann
weniger als 2mm hoch, und im obigen Bild nicht einmal zu
erahnen) zu entziffern. Um eventuellen Missverständnissen
vorzubeugen, betont auch Thomas Schröder, einst Macher
des FAZ-Magazins und Chefredakteur des neuen Blatts:
"Er (Wein) will nichts weiter, als uns, wenn wir uns
seiner als würdig erweisen, und ihn verstehen, in allen
Sinnen zu erfreuen." Bisher
dachten wir ja, ein Wein müsse sich der Ansprüche des
Konsumenten "als würdig
erweisen" und nicht umgekehrt, aber man lernt ja nie
aus!! Wir wissen jetzt: Man braucht genügend Kleingeld
und scharfe Augen, muss vor allem aber großer Weine
würdig sein, um zu den angepeilten Lesern des Magazins zu
gehören.
Elitäre
Ideen - von Bentleyfahrern und Etikettentrinkern
Das
elitäre Konzept schlägt sich zunächst einmal in der
Auswahl der Themen nieder: Große Bordeauxweine des
Jahrgangs 2001, Bordeaux-Aristokratie, Château d'Yquem,
Alte Jahrgänge etc. Das wirft für den unbefangenen Leser
schon die Frage auf, ob Großer Wein ein Synonym von
Bordeaux sei, denn von den knapp 20 Themen dieses ersten
Hefts sind gleich acht in der einen oder anderen Weise an
der französischen Gironde beheimatet. Viel mehr als eine
schüchterne Alibifunktion bleibt da für die restlichen
Themen (Wilhelm Weil im Rheingau, Die Seppelt-Collection
aus Australien etc.) leider nicht übrig. Ob es besonders
elitär ist, die Welt auf praktisch ein Anbaugebiet zu
reduzieren?
Elitär
scheint für die Macher von "Fine" auch
gleichbedeutend mit "finisch" oder zumindest
"skandinavisch" zu sein. Nicht nur, dass
praktisch die Gesamtheit der Fotostrecken aus dem Archiv
des finnischen Fine-Gründers Pekka Nuikki stammt, auch in
der Autorenliste finden wir gleich vier finnische Namen,
neben denen selbst renommierte deutsche Personalien
verblassen. Dass dann noch eine der Geschichten einen
skandinavischen Sommelier zum Gegenstand hat, dass ein
weiterer der Autoren aus Skandinavien stammt, auch wenn er
jetzt in Deutschland lebt, veranlasst uns zu der Frage:
Ist es für den deutschen Leser wirklich so bedeutsam,
erweist er sich nur dann der großen Weine der Welt
"als würdig", wenn er weiß, was Skandinavier
vom Wein halten?
"Fine-Leser
sind ein Mix aus Wein-Kennern und Entscheidern mit sehr
hohem Einkommen, die die Leidenschaft für die edelsten
Weine der Welt im Hinblick auf Genuss und Investment
verbindet. Sie haben einen gehobenen Lebensstil, reisen
viel und erstklassig, nutzen luxuriöse 5*-Hotels und
trinken regelmäßig die feinsten und edelsten
Weine", heißt es in den Mediadaten für
Anzeigenkunden, und weiter: "Fine repräsentiert
Europas hochwertigste Magazine und seine
Vertriebs-Strategie ist genauso außergewöhnlich, wie es
seine Leser sind. Fine ist das einzige Magazin, dass (sic!,
d. Red.) mit
seinen Anzeigenkunden wertvolle Partnerschaften eingeht.
Alle Fine-Partner sind jeweils führende Unternehmen ihrer
Branche, repräsentieren ihre Marken bei Fine und nutzen
Fine zur exklusiven Kundenbindung." Jetzt wissen wir
es also genau: Fine ist für die Kundschaft von
Luxusmarken bestimmt, und nur wer Bentley fährt, Patek
Philippe am Arm trägt oder Brioni kleidet ist für die
Herausgeber offenbar "seiner (d. h. des großen
Weins) würdig".
Hatten
da nicht Forscher vom California Institute of Technology in Pasadena
jüngst herausgefunden, dass Verbraucher sich beim
Beurteilen der Qualität von Weinen weniger von der
wirklichen Qualität als vielmehr vom Preis der edlen oder
auch nicht so edlen Tropfen leiten lassen? Das scheint, glaubt man diesen
Zielsetzungen, auf die Leser von Fine in ganz besonderem
Maße zuzutreffen. Etikettentrinkerei nennt man so etwas
gemeinhin.
Widersprüchliches
und Meinungsarmut
Wirklich
genau zu wissen, was sie wollen, scheinen die Macher von
Fine ohnehin noch nicht. Da wird postuliert, nur über die
großen Weine der Welt berichten zu wollen - ein Postulat,
das immer auch impliziert, über alterungsfähige Weine zu
schreiben, denn das eine gehört zum anderen, wie der
Korken auf die Flasche. Dann aber muss der erschrockene
Leser schon auf S. 14 zur Kenntnis nehmen, dass für die
Redaktion nur "unsere Freude am Wein am Tag der
Verkostung" für die Bewertung maßgeblich ist.
"Fine vergibt keine zusätzlichen Punkte für das
zukünftige Potenzial des Weins." Wie geht das? Will
jemand ernsthaft behaupten, bei einer Primeurverkostung
von großen Bordeauxroten wirklich nur den Trinkspass,
nicht aber das Entwicklungspotenzial bewerten zu können?
Das ist, mit Verlaub, einigermaßen lächerlich und zeugt
nicht von allzu großer Kompetenz in der Materie.
Auch
der Sinn der ungemein kleinteilig gehaltenen
Benotungsstufen - nach dem 100er-System von Robert Parker,
aber doch mit deutlich anderer Einteilung - erschließt
sich uns nicht. Die Stufen wurden wie folgt gewählt: 100, 97-99, 93-96,
91-93, 88-90, 80-87, 70-79 und schließlich 50-69. Das
bedeutet in der Praxis entweder, dass sich die Verkoster bei
uninteressanten bis schlechten Weinen eine
Differenzierungsspanne von sage und schreibe 20 Punkten
einräumen, während bei den "überragenden Weinen
von höchsten Qualitätsanspruch ..." (93-96) gerade
vier Punkte reichen müssen, oder, dass Noten unterhalb
von 70 praktisch nicht vergeben werden.
Noch
kruder wird es bei den Kriterien, nach denen die
Fine-Verkoster bewerten: "Die Experten von Fine sind
sich bei den meisten wichtigen Bewertungs-Parametern
einig. Sie konzentrieren sich auf die Beschreibung des
Charakters und der Essenz des Weines: Säure, Frucht,
Tannin, Struktur, Tiefe und Länge." Und was ist mit
dem Duft, den Aromen? Haben die so genannten Fine-Experten
etwa keine Nasen? In Anlehnung an das oben Gesagte fragen
wir uns: Gehören nur nasenlose Menschen zur Elite?
An
einer anderen Stelle ist uns die Inkohärenz des
"elitären" Konzepts von Fine noch stärker
aufgestoßen: Da wird - auf S. 33 - als Ergebnis einer
umfangreichen Verkostung von Bordeaux-Roten des Jahrgangs
2001, der Wein von Château Pavie als eindeutiger Sieger
ausgelobt. Keine schlechte Wahl, denn der Wein ist
wirklich außergewöhnlich gelungen. Der Haken liegt aber
woanders, denn als Teilnehmer der Verkostung wird Jancis
Robinson genannt, die Weine von Château Pavie einst als
"lächerlich" abqualifizierte. Erst lächerlich
und jetzt grandios?
Immerhin
verheimlicht Jan-Erik Paulson, der Autor des
Verkostungsberichts, die Problematik nicht. Er schreibt:
"Die Nummer eins ... der ganzen Degustation wurde der
Pavie - ein Wein, den fast alle von uns leidenschaftlich
verabscheuen." Verabscheuen! Man muss es wirklich
zweimal lesen, um es zu glauben. Und wie wird der
eklatante Widerspruch aufgelöst? Sie haben es schon
erraten: Schuld war natürlich der Jahrgang! "Er wies
nicht den marmeladigen, eichebetonten Fruchtextrakt und
die Tannine einiger anderer Jahrgänge ... auf."
Denkste, kann man da nur sagen! Wir haben den Wein aus dem
Fass verkostet, und der war nicht weniger und nicht
ausgeprägter marmeladig oder tanninbetont als andere
Jahrgänge. Unsere Beschreibung: "dichtes Brombeerrot, Nase verschlossen, aber tief, öffnet sich im Glas, am Gaumen große Fruchtdichte, Tannine fast vollständig eingebunden, nur im Abgang etwas rau, sehr lange Persistenz."
Aber
einzugestehen, dass man sich bei den
"lächerlichen", "verabscheuten"
Weinen von Gérard Perse vielleicht getäuscht haben
könnte, kommt natürlich für echte Verkoster der Elite
nicht in Frage!
Apropos
Elite: Gutes Deutsch sollte man der Elite der Weintrinker
doch mindestens zumuten können, oder? Statt dessen findet
der kritische Leser jede Menge stilistischer
"Untaten". Wie etwa die ständigen,
inhaltlich an keiner Stelle motivierten Zeitsprünge im Artikel über das Weingut Robert Weil. Da zieht (!) es
Weil erst nach Kiedrich, dann faszinierte (!) die
Schönheit der Gesänge den Englänger Sir John Sutton,
der 1873 stirbt (!). Auch wenige Seiten weiter heißt es dann,
die Erntemenge des Jahrgangs 2001 "war geringer als
sie noch zehn Jahre vorher gewesen war. Da der Jahrgang
gleich auf den ... 2000er folgt und von zwei hochgelobten
Jahren .... abgelöst wird, wurde (!) er von den meisten
Käufern ... übersehen."
Einiges
von diesem Stilkauderwelsch ist vielleicht zu hastigem
Übersetzen geschuldet, aber sehr "elitär"
wirkt das Ganze dennoch nicht. Einmal davon abgesehen,
dass es nicht wirklich den Ansprüchen einer Elite
genügen kann, wenn in einer solchen Zeitschrift ein
Großteil der Artikel aus einer einzigen Feder
stammen, aus der des Fotografen und Werbers Pekka Nuikki.
Handwerkliche
Künstlerei - Düstere Nekrophilie
Auch
das ästhetische Gesamtkonzept will, sieht man vom
hochwertigen Papier, der gediegenen Bindung, dem großen
Format und den vielen Fotos einmal ab, nicht ganz zum
elitären Anspruch passen. Das fängt bei den Fotostrecken
an, die ebenfalls mit wenigen Ausnahmen praktisch alle von einem
einzigen Autoren stammen, Pekka Nuikki. Wer "sein
eigenes" Magazin - und nicht anderes ist es, mit
Verlaub! - aber fast ausschließlich mit eigenen Fotos
bestückt, der arbeitet entweder mit kläglichen Budgets
(wie wir bei EWW leider auch immer noch! :-)) - fraglich ist,
ob das der angepeilten elitären Klientel des Blattes
wirklich gefallen kann - oder aber er leidet an maßloser
Selbstüberschätzung und hält nur das Eigene für
wirklich elitär.
Beim
Anblick der Bilder merkt man, dass der Mann aus der
Werbung kommt und Modefotograf war. Die Ästhetik ist so
gehalten, dass die 20 Prozent Anzeigen "perfekt
eingebettet" sind, wie man es von Tanninen im Wein
sagen würde. Der Unterschied zwischen Redaktionellem und
Werbung wird ästhetisch "glattgebügelt", die
Aufmerksamkeit des Lesers wandert hindernislos von Artikel
zu Anzeige und zurück.
Schlimmer
noch aber ist die stark nekrophile Tendenz der Fotos von
Nuikki. Das scheint ein spezifisch finnisches Phänomen:
Gab es nicht auch eine finnische Punk- oder Rockband mit
ähnlichen Neigungen? Gefühlte zwei Dutzend Fotos zeigen
"Friedhofs"figuren, "Grabsteine",
"Familiengruften" etc. und zwar in Farbe und -
was den morbiden Eindruck noch verstärkt - in
Schwarz-Weiß. Was diese düstere, schwere Retro-Ästhetik
mit Genuss und Lebensfreude, mit dem sinnlichsten aller
Genussmittel, dem Wein, zu tun haben soll, erschließt
sich uns leider nicht. Ob die elitäre Klientel es
goutiert, sei dahingestellt.
Was
schon bei Nuikki ästhetisch fragwürdig ist, wird bei
seinen Nachahmern zur Farce: So im Artikel über Wilhelm
Weil, der sich in einem stümperhaft
"abgewedelten" (so nennt man es, wenn man beim
Vergrößern von Schwarz-Weiß-Fotos bestimmte Partien
aufhellen will) Portrait betrachten darf und auf einem
weiteren Bild zum unscharfen, fast grinsenden (Schuld ist
das Foto, nicht W. W.) "putto" hinter seinen
eigenen Weingläsern wird. Dass ein scherenschnittartig
düsteres Foto von den Räumen des Weinguts, das an alte
Aufnahmen aus dem Führerbunker erinnert, die
Bildunterschrift trägt: "Dezentes Brixener Grün: Im
historischen Probenraum...." kann wohl nur als
Versuch verstanden werden, die Leser gründlich zu
veralbern.
Geschäftskonzept
mit Fragezeichen
Wenn
in
einer Zeitschrift, die mit gediegener Haptik und
ästhetischem Konzept einen besonders hochwertigen
Eindruck vermitteln will, gut 20 von insgesamt 100
Inhaltsseiten - der Rest ist Werbung, Titelei etc. - mit
Listen verkosteter Weine gefüllt sind, ist das auffällig
antiquiert. Solche
Listen gehören heutzutage in kein Printmedium mehr, schon
gar nicht in eines, das sich elitär nennt. Sie sind im
Internet viel besser, leichter konsultierbar und auf
Ewigkeiten archivierbar, aufgehoben. Einmal abgesehen
davon, dass auch diese Notizen zum größten Teil aus der
Feder von Pekka Nuikki stammen, der damit fast
monopolartig nicht nur Ästhetik und Inhalt, sondern auch
das Geschmacksprofil der Zeitschrift beherrscht. Inkohärent
wie Inhalt und Ästhetik wirkt auch das Geschäftsmodell
der Zeitschrift, obwohl sich der Verlag in diesem Punkt bedeckt hält und kaum Konkretes an die
Öffentlichkeit gibt. Chefredakteur Thomas Schröder gab
immerhin in einem Interview mit "wein-plus.de"
so viel preis: "Der Kern unserer Leserschaft umfasst
vielleicht 3000 bis 4000 Personen. Sie trinken solche
Weine, fahren auf Auktionen, treffen einander. Drumherum
gibt es viele Menschen, die großes Interesse an diesen
Themen haben, die zu Weinproben gehen und ihr Wissen
vertiefen. Dazu können wir auch eine Menge weiterer Leser
erreichen, die sich vom Charme des Blattes und seiner
Anmutung einnehmen lassen. Ich halte deshalb die Aussage,
längerfristig 20.000 Leser zu gewinnen, für nicht allzu
waghalsig." Dass
die erste Ausgabe von angeblich etwa 22.000 Heften
fast vollständig kostenlos an die Abonnenten des
Internetportals "wein-plus.de" verteilt wurde - alles
andere würde bedeuten, dass dieses Portal doch deutlich
weniger Leser hat, als gemeinhin angenommen - kann nur
heißen, dass es mit den großartig angekündigen, bereits
erwähnten Partnerschaften mit Herstellern von
Luxusgütern nicht allzu weit her sein kann. Merkwürdig
mutet diese kostenlose Verteilung ohnehin an, denn nach
dem Stil und den Inhalten der Diskussionen im Forum von
"wein-plus.de" ist nur schwer vorstellbar, dass
dieser Typ Leser zur Zielgruppe von
"Fine" gehört. So
wird es dann wohl darauf hinauslaufen, dass
"Fine" wirklich als "give away" an die
Käufer von Luxuslimousinen etc. geht, was wiederum das
Anzeigengeschäft zu einer unkalkulierbaren Größe werden
lässt. Das aber muss uns zum Glück nicht mehr
interessieren, denn das Geschäftsrisiko tragen die
Verleger von "Fine" alleine. Glückauf!
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