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Okanagan? Nie gehört? Nun, das drei bis vier Autostunden östlich von Vancouver gelegene Tal war
von jeher die Früchte- und Gemüsekammer British Columbias. Neben
Äpfeln, Birnen, Kirschen, Pfirsichen, Aprikosen und allerlei
Beeren wurden auch Tafeltrauben angebaut. Und ein Teil von
ihnen zu Gelee, Saft und Obstwein verarbeitet. Daran hat sich
bis heute wenig geändert. Nur dass aus den Tafeltrauben im
Laufe der Jahre Weintrauben wurden. So sehr, dass Okanagan in
den letzten zehn Jahren ganz wesentlich dazu beitrug,
British Columbia mit seinen 2.000 Hektar Weinbaufläche zur
zweitgrößten Erzeugerprovinz Kanadas zu machen.
Das Okanagan Valley ist 250 Kilometer lang und
verläuft ziemlich genau in nord-südlicher Richtung. Seine
Fläche ist zu mehr als der Hälfte von zwei bis fünf
Kilometer breiten Seen bedeckt, deren größter, der 130
Kilometer lange Okanagan Lake, im Norden, die wesentlich
kleineren Skaha-, Vaseux- und Osoyoos-Lakes dagegen weiter südlich
liegen. Das Tal endet an der Grenze zum heißen US-Bundesstaat
Washington, dem letzten, bis nach Kanada reichenden Zipfel des
großen amerikanischen Wüstensystems.
Deutsche und Schweizer
Wenn man in Mitteleuropa bisher überhaupt
kanadischen Wein erhielt, stammte er aus dem Osten, zumeist
aus Ontario. Dass jetzt auch in British Columbia Wein erzeugt
wird, liegt unter anderem an Helmut Becker, Rebenzüchter und
Dozent an der Forschungsanstalt in Geisenheim.
1976 bereiste er das Okanagan Valley, erkannte sein Potenzial und
startete erfolgreiche Versuche mit Weiß- und Grauburgunder
sowie Gewürztraminer. Er versorgte interessierte Obstfarmer
mit Setzlingen der drei Sorten, die noch heute das Rückgrat
des Weinbaus im Tal bilden.
Zu den ersten, die keine Tafel-, sondern
Weintrauben ernteten und verarbeiteten, gehörte vor 20 Jahren
das Schweizer Brüderpaar Leo und Andy Gebert, die ihre St.
Hubertus Winery im Laufe der Zeit auf beachtliche Größe
ausbauen konnten. Bis die Gebäude und Rebberge 2003 von einem
riesigen Waldbrand fast vollständig verwüstet wurden.
Entmutigen ließen sich die beiden allerdings nicht und
keltern seither als Dank an die örtliche Feuerwehr, die
den Totalschaden verhinderte, einen Rotwein, von dessen Ertrag
ein Obulus an die Helfer und Retter geht. Ansonsten erzeugen
sie noch einige ausgesprochen konsumenten-, das heißt
trinkfreundliche Weine.

Lang Vineyards in Naramata, Merloternte und
Blick über den See
Deutschsprachige Winzer gibt es noch einige im
Tal. So den bärengeschädigten Beat Mahrer. Anfang der
1990er-Jahre verkauften er und seine Frau Prudence nach einer
Ferienreise kurzentschlossen ihre Anteile an einem Baseler
Fitness-Studio, erwarben ein Stück Obstland, rodeten die
Apfelbäume und setzten Reben. Zuerst verkauften sie ihre
Trauben, später kelterten sie in ihrer Red Rooster Winery an
der Naramata Bench bei Penticton dann selbst. Red Rooster ist
heute der größte unter den kleinen Erzeugern und ein mit
vielen Preisen ausgezeichneter Vorzeigebetrieb, der nicht nur
mit seinen blitzsauberen Weinen von sich reden macht - so
einem schönen Weißburgunder, der nicht nur mit seinen
exotischen Aromen, sondern auch mit guter Balance zwischen
saftiger Säure und spürbarer Restsüße überzeugt.
Kunstsammlerin Prudence Mahrer veranstaltet in den 2003
eröffneten neuen Gebäuden auch regelmäßig Events mit
ortsansässigen Künstlern.
Wein und Ahornsirup
Zu den angesehensten Erzeugerbetrieben gehört
auch der von Günter und Kristina Lang aus Stuttgart. Richtig
bekannt allerdings wurden die Langs in Kanada gar nicht wegen der
hervorragenden Qualität ihrer Gewürztraminer, Rieslinge und
Eisweine, sondern mit einer Spezialität, die man in allen
kanadischen Duty-Free-Shops findet: Canadian Maple Wine aus
Spätburgunder und Pinot Meunier mit 15 % Ahornsirup. Sicher nicht jedermanns Sache, aber gut für die Kasse!
Der größte Motor für die Entwicklung im Tal
aber und zugleich die größte Attraktion für Weintouristen
ist die Mission Hill Winery auf der anderen Seeseite, in der
Nähe von Kelowna. Als Besucher könnte man hier glauben, sich
ins Napa Valley verirrt zu haben, so auf Wirkung ausgelegt ist
die Architektur der Kellerei- und Besuchergebäude. Besitzer
von Mission Hill ist Anthony von Mandl, dessen Familie aus
Wien stammt, und der sein Geld mit Limonade machte.

Die Mission Hill Winery mit ihrer
spektakulären Architektur
Von seinem Ziel, eine der Topadressen im
internationalen Weinbau zu werden, ist Mandl nicht weit
entfernt, was auch die Touristen zu spüren bekommen. Durch
einen Raum mit einem fast 16 Quadratmeter großen
Chagall-Teppich werden sie in einen Vorzeige-Barriquekeller
geleitet, dessen Wände mit Antiquitäten bestückt sind. Von
der eigentlichen Weinbereitung, die nicht viel anders abläuft
als allen modernen Betrieben, bekommen sie allerdings nichts
zu sehen. Dennoch: Mission Hill ist sehens- und die Weine zum
Teil wirklich bemerkenswert. Das gilt auch für den Pinot
blanc Five Vineyards mit seinen Zitrus- und frischen
Kräuteraromen, der am Gaumen hinter großer Fülle von
saftiger Säure zusammengehalten wird: Ein straffer,
kompletter Wein mit langem Abgang.
Experimentierfeld
Andere Erzeuger, die man beim Besuch im
Okanagan Valley nicht auslassen sollte, sind der
Mission-Hill-Nachbar Quails Gate, Summerhill, Cedar Creek,
Sumac Ridge sowie weiter südlich der Betrieb von Inniskillin
und die Gehringer Brothers. In der Nähe der US-amerikanischen
Grenze schließlich, oberhalb der Wüstenstadt Osoyoos, warten
die NK'Mip Cellars auf Besucher. Der von der Regierung finanzierte,
aufwändig und stilsicher gebaute Betrieb ist im Besitz der
Osoyoos-Indianer oder Aborigines, wie sie sich politisch
korrekt nennen.
Ganz Okanagan ist noch ein einziges
Experimentierfeld, das zudem noch von nur wenigen gesetzlichen
Vorschriften reguliert ist. Einzig die in allen kanadischen
Weinbaugebieten vertretene Vintners Quality Alliance (VQA)
macht ihren Mitgliedsbetrieben strenge Auflagen. Folge dieser
Tatsache ist, dass die Weinszene alles andere als ein
einheitliches Bild bietet. Zu unterschiedlich sind die
Weinstile, die Ausbildung der Weinmacher und sogar die
Rebsorten. Viele der Letzteren wurden von Einwanderern
entsprechend ihrer Vorlieben mitgebracht, ohne Rücksicht
darauf, ob sie für die extremen Temperaturen überhaupt
geeignet waren.
So pflanzten die Geberts beispielsweise
Ehrenfelser, der hier zu großer Form aufläuft. Auch
Auxerrois, Chenin blanc, Kerner, Muskat Ottonel, Viognier,
Blaufränkisch, Gamay, Malbec, Petit Verdot, Zinfandel sowie
die Hybriden Vidal und Maréchal Foch sind vertreten. Die
größten Rebflächen allerdings belegen Burgunder- und
Bordeauxsorten und auch der Riesling spielt fast immer mit.
Dabei liegt - trotz überraschender, reinsortig ausgebauter Cabernet
francs - übers Ganze gesehen die Stärke doch bei den
Weißweinen, die zumeist saftige Säure besitzen und in ihrer
Frische an Weine aus Neuseeland erinnern. Vor allem Sauvignon
blanc, Riesling, Grauburgunder und - eben! - Weißburgunder
zeigen Klasse. Was der Schwarzbär aus den Bergen ja auch
gefunden hatte ...
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