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WorldWine Reportage

Die bisherigen Portraits und Reportagen     
   

Klein und begehrt

von André Liebe

Außerhalb Frankreichs ist Les-Baux-de-Provence als Weinbaugebiet kaum bekannt. Dabei liegt die nur 380 große Appellation d'Origine Contrôlée in einer der landschaftlich reizvollsten Ecken der Grande Nation. Eine Autostunde nordwestlich von Marseille und nur 20 oder 30 Kilometer von Arles und Avignon entfernt, hat sich ein Weinbau-Mikrokosmos entwickelt, der vom Kalksteinmassiv der Alpilles mit seinen bizarren Felsformationen in zwei Hälften geteilt wird - einen kühleren Norden und den heißen Süden. Im Zentrum, weit oberhalb der acht Dörfer der Appellation, thront auf einem Felsplateau die mittelalterliche Zitadelle von Les-Baux, einem touristischen Magneten von beeindruckender Schönheit. 


Bizzarre Felsformationen prägen die Landschaft der Alpilles um Les-Baux-de-Provence (Fotos: Eckhard Supp)

Insgesamt gibt es in der Appellation, der diese Zitadelle ihren Namen gegeben hat, gerade 14 Winzer, darunter mit Luc Cartier von Mas de Gourgonnier sogar nur einen einzigen, der auch hier geboren wurde. Alle anderen sind erst seit mehr oder weniger kurzer Zeit in Les-Baux ansässig wie Rémy Reboul von Château d'Estoublon, der Schwiegersohn von Ernest Schneider, dem Chef des Schweizer Uhrenkonzerns Breitling. Erst vor vier Jahren hat Schneider das prächtige Château in Fontvieille gekauft, mit Millionenaufwand renoviert und seine Tochter Valérie samt ihrem Mann Rémy mit der Weinproduktion betraut.

Ähnlich klingen die Geschichten des Galeristen Moatti aus Paris, der auf Château Dalmeran in Saint-Étienne-du-Grès seinem exklusiven Hobby frönt, oder Dominique Hauvettes, der ehemaligen Rechtsanwältin aus Annecy, die in Saint-Rémy Urlaub machte und nicht wieder wegging. Sie alle waren von der Einzigartigkeit der Landschaft fasziniert und sind sich ihrer auch heute noch so bewusst, dass sie außergewöhnliche Anstrengungen unternehmen, um im Einklang mit der Natur zu arbeiten. Nur so ist es zu erklären, dass rund 80 Prozent der Rebfläche dieser Appellation nach den Kriterien des biologischen Weinbaus bewirtschaftet werden. 

Reife Bioweine

Der Bio-Weinbau ist aber nicht die einzige Besonderheit der Appellation von Les-Baux. Außergewöhnlich - besonders in Zeiten, in denen immer mehr junge und zu junge Weine auf den Markt kommen - ist es auch, dass eine ganze Appellation konsequent darauf setzt, ihren Erzeugnissen die Reifezeit zu geben, die sie benötigen. Seit Les-Baux im Frebruar 1995 AOC-Status erhielt, hat sich die Lagerzeit der Rotweine beständig verlängert. So haben von den etwa 19.000 Hektolitern der Produktion 1998/99 bisher nur etwa 8.000 die Keller verlassen.
 


Die Gassen der mittelalterlichen Zitadelle Les-Baux-de-Provence 


Bemerkenswert ist es auch, wenn zum Beispiel Dominique Hauvette für ihre rote Top-Cuvée "Améthyste" nicht nur der früher verschmähten Sorte Cinsault zur Renaissance verhilft, sondern auch den Ertrag für diesen Wein auf gerade 17 Hektoliter pro Hektar beschränkt.

Problemloser Abverkauf

Der "Améthyste" spiegelt aber auch die Probleme des Gebiets wider. Im Duft durchaus delikat, ist der Wein nämlich im Körper deutlich zu schlank, und die 24 Euro, die Madame für dieses Gewächs berechnet, erscheinen doch etwas überzogen. Fakt ist, dass es in dieser Appellation sehr wenig Wein, dafür aber umso mehr Touristen gibt, so dass selbst für mittelmäßige Qualitäten jeder Preis verlangt werden kann. Das gilt beispielsweise auch für Château d'Estoublon und Château Dalmeran, wo sich die vor allem von Grenache dominierten Roten recht unausgewogen präsentieren und die für den französischen Süden so charakteristische Dichte und Tiefe vermissen lassen.

Allerdings gibt es auch positive Gegenbeispiele. Auf dem Weingut Mas de la Dame etwa, einem Anwesen aus dem 15. Jahrhundert, das Vincent van Gogh in einem seiner farbenprächtigen Gemälde zur Unsterblichkeit geführt hat, findet man mit der Syrah-Cabernet-Cuvée "La Stèle" einen Roten, der mit seiner reifen Frucht und dichten Struktur viel Freude bereiten kann.

Im Norden 

Ebenfalls in Les Baux selbst sorgt seit einiger Zeit das Mas Sainte Berthe für Aufsehen. Der aus dem Burgund stammende Kellermeister Christian Nief erzeugt aus zum Teil 40 Jahre alten Reben exzellent strukturierte Weine. Bemerkenswert - auch des Preises von fünf Euro wegen - ist sein Rouge Tradition aus Grenache, Syrah und Cabernet, der zwölf Monate in großen Fässern reift. Noch eine Spur komplexer die Cuvée Louis David, die zu gleichen Teilen in neuen wie in ein- oder zwei Mal gebrauchten Barriques ausgebaut wird.

Auf der etwas kühleren Nordseite der Alpilles arbeitet in Eygalières mit der Domaine de la Vallongue ein weiterer aufstrebender Betrieb. Caroline de Clerck, die Besitzerin, keltert einen interessanten Verschnitt aus Cinsault, Grenache, Cabernet und Syrah, wobei die Trauben der verschiedenen Sorten gemeinsam vergoren und anschließend im großen Holz ausgebaut werden. In der Nase wechseln bei diesem Wein malzige Noten mit süßen Fruchtaromen, am Gaumen überwiegt der Geschmack dunkler Beeren. Noch kräftiger und alterungsfähiger ist die Cuvée Murielle des Betriebs, die sechs Monate im Barrique reift, wobei der aktuell vermarktete 98er Jahrgang allerdings noch sehr tanningeprägt ist.
 


Les-Baux-kann sich einer in Frankreich einzigartigen Konzentration von Gourmet-Restaurants und Luxus-Hotels rühmen. Hier der Garten des Cabro d'Or. 

  
Dass die Weine aus Les-Baux ihre Qualität oft erst nach einigen Jahren zeigen, dafür liefert Guillaume Rerolle, der Besitzer der Domaine Terres Blanches in Saint-Rémy den Beweis mit seinem Rouge des Jahrgangs 1990, dessen würziger Duft am Gaumen von intensiver Frucht begleitet wird. Ausgebaut wurde der Wein nur im großen Holz. "Wir verzichten bewusst auf den Einsatz von Barriques, denn unsere Weine leben nicht so sehr von ihrer Tanninstruktur als vielmehr von ihrer Finesse, erklärt Rerolle.

Finesse statt Kraft

In Bezug auf ihre Finesse schwer zu überbieten sind die Weine von Luc und Frédéri (dies ist kein Schreibfehler) Cartier von Mas de Gourgonnier in Mouriès, ebenfalls auf der nördlichen Alpilles-Seite gelegen, die ihren Betrieb schon in den siebziger Jahren komplett auf biologischen Anbau umgestellt haben. Bei ihnen gibt es den vielleicht besten, weil typischsten Wein der Appellation, einen "Rouge Tradition", aus Grenache, Cinsault, Syrah und Cabernet, der nur im Stahltank ausgebaut wird und dennoch viel Potenzial zeigt. Das gilt auch für die im großen Holzfass ausgebaute Cuvée "Réserve du Mas", deren 2000er Jahrgang ihren Höhepunkt erst in vier oder fünf Jahren erreichen dürfte - die knapp elf Euro, die für den Wein berechnet werden, machen ihn aber schon jetzt zum begehrten Schnäppchen.

Überhaupt, die Preise! Luc Cartier kann sich einen Seitenhieb auf einige der Kollegen, die in anderen Branchen zu Wohlstand gekommen sind, nicht verkneifen. "Viele von ihnen haben es gar nicht nötig, mit dem Wein Geld zu verdienen, und so wird eben versucht, mit überhöhten Preisen künstlich ein gewisses exklusives Image aufzubauen."

Bodenständiges Vorbild

Das jedoch ist nicht die Welt der Cartiers. Mit ihren bodenständigen Weinen haben sie Vorbildfunktion für die gesamte Appellation. Vorbild sind die beiden auch durch ihre Politik, von jedem Jahrgang 3.000 Flaschen zurückzulegen, um sie erst trinkreif auf den Markt zu bringen. "Wir machen das ganz bewusst, um das große Alterungspotenzial unserer Weine unter Beweis zu stellen", erklärt Luc Cartier. Sein 95er "Rouge Réserve" - für etwa 14 Euro jetzt im Verkauf - zeigt sich so würzig und elegant, voller Beerenaromen, gereift und doch noch in jugendlicher Lebendigkeit. "Das ist unser Terroir", strahlt Cartier. 

Die bisherigen Reportagen und Portraits

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