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den bisherigen Portraits und Reportagen
2003
Klein und begehrt
von André Liebe
Außerhalb
Frankreichs ist Les-Baux-de-Provence als Weinbaugebiet kaum bekannt.
Dabei liegt die nur 380 große Appellation d'Origine Contrôlée in
einer der landschaftlich reizvollsten Ecken der Grande Nation. Eine
Autostunde nordwestlich von Marseille und nur 20 oder 30 Kilometer
von Arles und Avignon entfernt, hat sich ein Weinbau-Mikrokosmos
entwickelt, der vom Kalksteinmassiv der Alpilles mit seinen
bizarren Felsformationen in zwei Hälften geteilt wird - einen
kühleren Norden und den heißen Süden. Im Zentrum, weit oberhalb
der acht Dörfer der Appellation, thront auf einem Felsplateau die
mittelalterliche Zitadelle von Les-Baux, einem touristischen
Magneten von beeindruckender Schönheit.

Bizzarre Felsformationen prägen die Landschaft der
Alpilles um Les-Baux-de-Provence (Fotos: Eckhard Supp)
Insgesamt gibt es in der Appellation, der diese
Zitadelle ihren Namen gegeben hat, gerade 14 Winzer, darunter mit Luc
Cartier von Mas de Gourgonnier sogar nur einen einzigen, der auch hier
geboren wurde. Alle anderen sind erst seit mehr oder weniger kurzer
Zeit in Les-Baux ansässig wie Rémy Reboul von Château d'Estoublon,
der Schwiegersohn von Ernest Schneider, dem Chef des Schweizer
Uhrenkonzerns Breitling. Erst vor vier Jahren hat Schneider das
prächtige Château in Fontvieille gekauft, mit Millionenaufwand
renoviert und seine Tochter Valérie samt ihrem Mann Rémy mit der
Weinproduktion betraut.
Ähnlich klingen die Geschichten des Galeristen Moatti
aus Paris, der auf Château Dalmeran in Saint-Étienne-du-Grès seinem
exklusiven Hobby frönt, oder Dominique Hauvettes, der ehemaligen
Rechtsanwältin aus Annecy, die in Saint-Rémy Urlaub machte und nicht
wieder wegging. Sie alle waren von der Einzigartigkeit der Landschaft
fasziniert und sind sich ihrer auch heute noch so bewusst, dass sie
außergewöhnliche Anstrengungen unternehmen, um im Einklang mit der
Natur zu arbeiten. Nur so ist es zu erklären, dass rund 80 Prozent
der Rebfläche dieser Appellation nach den Kriterien des biologischen
Weinbaus bewirtschaftet werden.
Reife Bioweine Der
Bio-Weinbau ist aber nicht die einzige Besonderheit der Appellation
von Les-Baux. Außergewöhnlich - besonders in Zeiten, in denen immer
mehr junge und zu junge Weine auf den Markt kommen - ist es auch, dass
eine ganze Appellation konsequent darauf setzt, ihren Erzeugnissen die
Reifezeit zu geben, die sie benötigen. Seit Les-Baux im Frebruar 1995
AOC-Status erhielt, hat sich die Lagerzeit der Rotweine beständig
verlängert. So haben von den etwa 19.000 Hektolitern der Produktion
1998/99 bisher nur etwa 8.000 die Keller verlassen.
Die Gassen der mittelalterlichen Zitadelle
Les-Baux-de-Provence
Bemerkenswert ist es auch, wenn zum Beispiel Dominique Hauvette für
ihre rote Top-Cuvée "Améthyste" nicht nur der früher verschmähten Sorte Cinsault zur Renaissance verhilft, sondern auch den
Ertrag für diesen Wein auf gerade 17 Hektoliter pro Hektar
beschränkt.
Problemloser
Abverkauf
Der "Améthyste" spiegelt
aber auch die Probleme des Gebiets wider. Im Duft durchaus delikat,
ist der Wein nämlich im Körper deutlich zu schlank, und die 24 Euro,
die Madame für dieses Gewächs berechnet, erscheinen doch etwas
überzogen. Fakt ist, dass es in dieser Appellation sehr wenig Wein,
dafür aber umso mehr Touristen gibt, so dass selbst für
mittelmäßige Qualitäten jeder Preis verlangt werden kann. Das gilt
beispielsweise auch für Château d'Estoublon und Château Dalmeran,
wo sich die vor allem von Grenache dominierten Roten recht
unausgewogen präsentieren und die für den französischen Süden so
charakteristische Dichte und Tiefe vermissen lassen.
Allerdings gibt es auch positive
Gegenbeispiele. Auf dem Weingut Mas de la Dame etwa, einem Anwesen aus
dem 15. Jahrhundert, das Vincent van Gogh in einem seiner
farbenprächtigen Gemälde zur Unsterblichkeit geführt hat, findet
man mit der Syrah-Cabernet-Cuvée "La Stèle" einen Roten,
der mit seiner reifen Frucht und dichten Struktur viel Freude
bereiten kann.
Im Norden
Ebenfalls in Les Baux selbst sorgt seit einiger
Zeit das Mas Sainte Berthe für Aufsehen. Der aus dem Burgund
stammende Kellermeister Christian Nief erzeugt aus zum Teil 40 Jahre
alten Reben exzellent strukturierte Weine. Bemerkenswert - auch des
Preises von fünf Euro wegen - ist sein Rouge Tradition aus Grenache,
Syrah und Cabernet, der zwölf Monate in großen Fässern reift. Noch
eine Spur komplexer die Cuvée Louis David, die zu gleichen Teilen
in neuen wie in ein- oder zwei Mal gebrauchten Barriques ausgebaut
wird. Auf der etwas kühleren Nordseite der
Alpilles arbeitet in Eygalières mit der Domaine de la Vallongue ein
weiterer aufstrebender Betrieb. Caroline de Clerck, die Besitzerin,
keltert einen interessanten Verschnitt aus Cinsault, Grenache,
Cabernet und Syrah, wobei die Trauben der verschiedenen Sorten
gemeinsam vergoren und anschließend im großen Holz ausgebaut werden.
In der Nase wechseln bei diesem Wein malzige Noten mit süßen
Fruchtaromen, am Gaumen überwiegt der Geschmack dunkler Beeren. Noch
kräftiger und alterungsfähiger ist die Cuvée Murielle des Betriebs,
die sechs Monate im Barrique reift, wobei der aktuell vermarktete 98er
Jahrgang allerdings noch sehr tanningeprägt ist.

Les-Baux-kann sich einer in Frankreich einzigartigen
Konzentration von
Gourmet-Restaurants und Luxus-Hotels rühmen. Hier
der Garten des Cabro d'Or.
Dass die Weine aus Les-Baux ihre Qualität oft erst nach einigen
Jahren zeigen, dafür liefert Guillaume Rerolle, der Besitzer der
Domaine Terres Blanches in Saint-Rémy den Beweis mit seinem Rouge des
Jahrgangs 1990, dessen würziger Duft am Gaumen von intensiver Frucht
begleitet wird. Ausgebaut wurde der Wein nur im großen Holz.
"Wir verzichten bewusst auf den Einsatz von Barriques, denn
unsere Weine leben nicht so sehr von ihrer Tanninstruktur als vielmehr
von ihrer Finesse, erklärt Rerolle.
Finesse statt
Kraft
In
Bezug auf ihre Finesse schwer zu überbieten sind die Weine von Luc
und Frédéri (dies ist kein Schreibfehler) Cartier von Mas de
Gourgonnier in Mouriès, ebenfalls auf der nördlichen Alpilles-Seite
gelegen, die ihren Betrieb schon in den siebziger Jahren komplett auf
biologischen Anbau umgestellt haben. Bei ihnen gibt es den vielleicht
besten, weil typischsten Wein der Appellation, einen "Rouge
Tradition", aus Grenache, Cinsault, Syrah und Cabernet, der nur
im Stahltank ausgebaut wird und dennoch viel Potenzial zeigt. Das gilt
auch für die im großen Holzfass ausgebaute Cuvée "Réserve du
Mas", deren 2000er Jahrgang ihren Höhepunkt erst in vier oder
fünf Jahren erreichen dürfte - die knapp elf Euro, die für den Wein
berechnet werden, machen ihn aber schon jetzt zum begehrten Schnäppchen.
Überhaupt,
die Preise! Luc Cartier kann sich einen Seitenhieb auf einige der
Kollegen, die in anderen Branchen zu Wohlstand gekommen sind, nicht
verkneifen. "Viele von ihnen haben es gar nicht nötig, mit dem
Wein Geld zu verdienen, und so wird eben versucht, mit überhöhten
Preisen künstlich ein gewisses exklusives Image aufzubauen."
Bodenständiges
Vorbild
Das
jedoch ist nicht die Welt der Cartiers. Mit ihren bodenständigen
Weinen haben sie Vorbildfunktion für die gesamte Appellation. Vorbild sind die beiden auch durch ihre Politik, von jedem
Jahrgang 3.000 Flaschen zurückzulegen, um sie erst trinkreif auf den
Markt zu bringen. "Wir machen das ganz bewusst, um das große
Alterungspotenzial unserer Weine unter Beweis zu stellen",
erklärt Luc Cartier. Sein 95er "Rouge Réserve" - für etwa 14 Euro
jetzt im Verkauf - zeigt sich so würzig und
elegant, voller Beerenaromen, gereift und doch noch in jugendlicher
Lebendigkeit. "Das ist unser Terroir", strahlt Cartier.
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