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„60 minutes“ wurde für viele Weinerzeuger
und ihre Interessenvertreter zum Fanal für den Gegenangriff.
Mit den Ergebnissen immer zahlreicherer wissenschaftlicher
Studien im Rücken lancierten Weininstitute, Weinakademien und
Weinfreunde unter den Medizinern eine Reihe öffentlichkeitswirksamer
Manifestationen – Veranstaltungen und Publikationen
fast im Monatsrythmus – und schossen dabei leider
gelegentlich auch über ihr Ziel hinaus. Deshalb möchte Eno
WorldWine an dieser Stelle den Versuch unternehmen, den
aktuellen Wissensstand zum Thema Wein & Gesundheit einmal
zusammenzufassen – in der Hoffnung, vielleich ein wenig
zur Versachlichung der Debatte beitragen zu können.
Wein in der Antike
Wein galt in der antiken
wie mittelalterlichen Medizin als eines der wichtigsten
Heilmittel überhaupt. Bereits um 400 v. Chr. empfahl der
griechische Arzt Hippokrates (um 460-370 v. Chr) Wein
zur Kräftigung und Beruhigung, zur Bekämpfung von
bakteriellen und Vergiftungserkrankungen des Magen-Darm-Trakts
und als Schlaf- oder Kopfschmerzmittel. Auch bei Plutarch (um
46-120 n. Chr), dem griechischen Philosophen, lassen sich
Hinweise auf seine medizinische Bedeutung finden; dasselbe
gilt für den jüdischen Talmud. Die Römer verschrieben Wein
bei Magen-Darmerkranungen oder legten Weinumschläge direkt
auf offene Wunden.
Im Mittelalter war Wein das einzig wirklich
sichere, weil gegen bakterielle Verseuchung praktisch nicht
anfällige Getränk. Er spielte deshalb eine große Rolle in
der Seefahrt, und in mittelalterlichen Hospizen wie Beaune im
Burgund hatten Kranke wie Ärzte Recht auf Tagesrationen von
bis zu fünf Litern. Wahrscheinlich war dieser Wein allerdings
verdünnt wie bei den Griechen, bei denen es als barbarisch
galt, Wein unverdünnt zu trinken. Last but not least bestätigte
auch der berühmte französische Chemiker und Mikrobiologe
Louis Pasteur (1822-1895) die hygienische Qualität des Weins.
In der so genannten mediterranen Diät, d. h.
der Alltagsernährung in den Mittelmeerländern, hatte Wein
bis noch vor wenigen Jahren eine enorme Bedeutung als alltäglicher
Kalorienlieferant breiter Bevölkerungskreise. Italiener und
Franzosen tranken bis vor wenigen JAhrzehnten noch mehr als
120 Liter Wein pro Kopf und Jahr. Immerhin besitzt ein Gramm
Alkohol – eine Flasche Wein enthält bis zu 100 Gramm –
sieben Kilokalorien gegenüber nur vier Kilokalorien in einem
Gramm Zucker oder Eiweiß. Gefährdung
durch Alkohol
Entgegen dieser traditionellen Betrachtung von
Wein und alkoholischen Getränken im Algemeinen, herrschte im
20. Jahrhundert eine Sichtweise vor, die vor allem die mit
ihrem Konsum verbundenen Gesundheitsrisiken in den Vordergrund
stellte. Dabei spielen zwei Aspekte eine wichtige Rolle: die
Suchtgefahr, die v. a. von übermäßigem Alkoholkonsum
ausgeht und in Alkoholkrankheit enden kann, und die direkten körperlichen
Schäden, die durch erhöhten Alkoholkonsum verursacht werden
können.
Alkoholkranheit wird als regelmäßiges, übermäßiges
Trinken von Alkohol definiert, das zu körperlichen,
psychischen Schädigungen führt. Als Ursachen gelten
psychische, soziale und genetische Faktoren. Laut der
Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren sind 10 % der
Bevölkerung stark suchtgefährdet. Zwei bis 2,5 Millionen
Deutsche gelten als alkoholkrank.
Körperliche Schäden entstehen vor allem
durch ein Abbauprodukt des Alkohols, Acetaldehyd. Acetaldehyd
ist in gewissem Umfang im Wein enthalten, wird aber vor allem
in Magen und Leber durch die Arbeit des Enzyms
Alkoholdehydrogenase (ADH) produziert. Acetaldehyd ist ein
Zellgift, das in erhöhten Konzentrationen und über längere
Zeiträume Leberschäden wie Fettleber, Alkoholhepatitis und
Leberzirrhose, Bauchspeicheldrüsen- und Magenschleimhautentzündungen,
Magen- und Darmgeschwüre, Schädigungen der Lungenzellen,
Herzmuskelerkrankungen, neurologische Schäden,
Hirnschrumpfung und epileptische Anfälle, bei Schwangeren
Fehlgeburten und Missbildungen des Neugeborenen hervorrufen
kann. Gesundheitsschäden
und Todesfälle
Alkohol ist zwar kein Karzinogen, d. h.
nicht direkt Krebs erregend, wird aber oft als Krebs fördernde
Substanz eingestuft, v. a. im Zusammenspiel mit Nikotin. Die
Ursache dafür ist seine Eigenschaft als Zellgift, das v. a.
die Zellen der Schleimhäute schädigt, woraufhin diese
versuchen, den Schaden durch verstärkte Zellneubildung
aufzufangen. In dieser Phase sind die Zellen dann anfällig für
andere, krebserregende Stoffe. Dieses Risiko besteht aber
offenbar ausschließlich bei gesteigertem Konsum
hochprozentiger Alkoholika.
Was die Leberschädigungen betrifft, die
ebenfalls ein Resultat erhöhten Alkoholkonsums sein können,
so ist, evtl. auf Grund veränderter Trinkgewohnheiten, die
Zahl der Zirrhosetoten in Europa seit den siebziger Jahren von
13 auf 10 pro 10 000 Einwohner gesunken. Entgegen der früher
herrschenden Meinung wird geringer Alkoholkonsum heute sogar
nach einer vollständig ausgeheilten Hepatitis toleriert. Nur
bei Fettleber-Hepatitis ist absolute Abstinenz angesagt.
Insgesamt geht man in Deutschland von etwa 40
000 Alkoholtoten im Jahr aus, was bei einer allgemeinen
Sterblichkeitsrate von 10/000 bedeutet, das 5 % aller Sterbefälle
im weitesten Sinne auf Alkoholgenuss zurückgehen. Dabei gehen
etwa 1 000-1 600 Todesfälle auf Alkohol am Steuer zurück –
je nach Quelle wird jeder Achte bis jeder Fünfte Verkehrstote
dem Alkohol zugerechnet. Gegenüber den 390 000 Toten durch
Herz-Kreislauferkrankungen oder den 208 000 Krebstoten fallen
die Alkoholtoten zwar kaum ins Gewicht, aber Alkohol steht
dennoch nach Rauchen und falscher Ernährung bzw.
Bewegungsmangel an dritter Stelle der so genannten
vermeidbaren Todesursachen. Dabei ist in diesen Statistiken
allerdings nicht berücksichtigt, ob Alkohol über seine noch
zu schildernden positiven Gesundheitseffekte nicht
andererseits auch die Sterblichkeit in Folge von
Herz-Kreislauferkrankungen verringert. Wein
fördert die Gesundheit
Seit knapp zwei Jahrzehnten orientiert sich
die medizinische Forschung wieder verstärkt in Richtung der
gesundheitlich positiven Wirkung von Alkohol- bzw. Weinkonsum,
eine Wirkung, die in der Neuzeit zum ersten Mal bereits von
dem amerikanischen Biologen Raymond Pearl (1879-1940)
postuliert worden war. Weltweit wurden dazu in neuerer Zeit
mehr als 120 Studien durchgeführt, von denen 35 als
wissenschaftlich fundiert und in jeder Hinsicht abgesichert
gelten. Sie zeigen eine gemeinsame, heute nicht mehr
umstrittene Tendenz: Moderater Alkohol- bzw. Weinkonsum kann
als eine Form der Risikominderung (Prävention) für eine
Vielzahl von Krankheitsbildern gelten.
Dabei unterscheidet man heute zwischen
Effekten, die auf das Konto des Alkohols gehen und den meisten
alkoholhaltigen Getränken gemeinsam sind, und solchen, die
auf besondere Inhaltststoffe von Weinen zurückzuführen sind,
wobei alle Studien zu dem Ergebniss kommen, dass moderater
Konsum gesundheitsförderlich, übermäßiger Alkoholgenuss
dagegen hinsichtlich derselben Krankheitsbilder dagegen schädlich
ist.
Am wenigsten umstritten ist der Einfluss des
Alkohols auf Herz-Kreislauferkranungen. Alkohol senkt im Körper
das Niveau des schädlichen, cholesterinhaltigen Eiweißstoffs
LDL (zu englisch low density lipoproteins) und erhöht die
Werte des „guten“ HDL (high density lipoproteins), das vor
Arteriosklerose schützt. Alkohol erhöht den Fettstoffwechsel
und sorgt für Entspannung und Erweiterung der Blutgefäße,
was die Ablagerung von Cholesterin an den Gefäßwänden
weiter verhindert. Moderater
Weinkonsum tut gut
Unterschiedliche Studien zeigen, dass
moderater aber regelmäßiger Alkoholkonsum das
Herzinfarktrisiko um 20–60 % gegenüber Abstinenzlern
senken kann, was die amerikanische Kardiologenvereinigung
American College of Cardiology bereits Mitte der 1990er-Jahre
dazu veranlasste, die vollständige Alkoholabstinenz auf die
Liste der Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen zu
setzen. Auch die Nach-Infarkt-Sterblichkeit zeigte sich in
Untersuchungen bei moderaten Trinkern um 21 % gegenüber
Abstinenzlern gesenkt. Bei exzessivem Alkoholkonsum steigen
diese Risiken jedoch deutlich über das Niveau, das bei
Abstinenz die Regel ist.
Alkohol senkt den Blutzucker und verbessert
den Zuckerstoffwechsel. Dadurch wird das Diabetes-2-Risiko
gemindert und die hohe Herzinfarkt-Sterblichkeit von
Diabetikern wird gesenkt. Die positiven Auswirkkungen
moderaten Alkoholkonsums auch hinsichtlich des LDL-Spiegels
scheinen bei Diabetikern noch drastischer als bei Gesunden.
Der Wirkungsmechanismus ist noch nicht geklärt, aber es
scheint, als ob Alkohol die Insulinsensitivität der Zellen
erhöht.
Deutlich positive Auswirkungen hat moderater
Alkoholkonsum einigen Untersuchungen zu Folge auch auf das
Risiko des ischämischen, d. h. durch Blutgerinnsel
ausgelösten Schlaganfalls, auf die Neigung zur
Thrombosebildung – Alkohol hemmt die Gerinnungsneigung
des Blutes – und auf die Auflösung von Blutgerinnseln.
Laut einer amerikanischen Studie verringert Alkohol das
Osteoporoserisiko bei Frauen – bei Frauen mit moderatem
Alkoholkonsum wurden signifikant höhere Knochendichten
gemessen.
Andere positive Effekte moderaten
Alkoholkonsums betreffen die Lungenfunktion und das Risiko der
Bildung von Gallen- und Nierensteinen. Auch das Risiko der
Altersdemenz (z. B. Alzheimer-Krankheit) zeigte sich in
einer niederländischen Studie bei Alkoholrationen von 36
Gramm proTag v. a. bei Männern deutlich reduziert, während
bei Frauen hier ein deutlich geringerer Effekt zu verzeichnen
war. Über die Ursachen hierfür gibt es derzeit nur
Vermutungen. Phenole
gegen Radikale
Neben Alkohol besitzt Wein eine Reihe weiterer
Substanzen, die gesundheitsfördernd wirken und die sogar
gewissen negative Auswirkungen des Alkoholkonsums kompensieren
können. Diese Substanzen gehören in die Gruppe der
Polyphenole, die der Rebe z. B. zum Schutz gegen
Witterungseinflüsse dienen und offenbar ihre schützende
Funktion auch beim Menschen entfalten können. Diese
Substanzen sind in vielen anderen alkoholischen Getränken
nicht zu finden, weshalb auch ihre gesundheitlichn Wirkungen
ausschließlich dem Weinkonsum zugeschrieben werden können.
Polyphenole wirken im Körper als so genannte
Antioxidantien, sie übertragen Wasserstoffatome an die
aggressiv reagierenden Sauerstoffradikale und verhindern so
Zellschädigungen. Andere phenolische Substanzen, die z. B.
in Weißwein, aber auch in Olivenöl vorkommen, hemmen schon
in geringsten Konzentrationen Entzündungen, wieder anderer
verhindern die Verfettung der Arterien
Bei Flavonoiden, Farb- und Geschmacksstoffen
des Weins, die ebenfalls zur Gruppe der Polyphenole gehören,
hat man in verschiedenen Labor- und Tierversuchen
antikanzerogene Wirkung insbesondere hinsichtlich Dickdarm-,
Brust- und Hautkrebs festgestellt. Epidemiologische Studien
beim Menschen, die diese Wirkung bestätigen könnten, liegen
jedoch noch nicht vor. Bei zahlreichen Untersuchungen zeigte
sich jedoch in jüngerer Zeit, dass auch hinsichtlich der
krebsfördernden Wirkung von Alkohol Wein offenbar deutlich
positiver abschneidet als andere alkoholische Getränke.
Last but not least besitzt Wein offenbar bei
Salmonellen und Kolibakterien eine drei bis vier Mal
schnellere antibakterielle Wirkung als einschlägige
Medikamente. Eine australische Studie kommt insgesamt zu dem
Ergebnis, dass regelmäßiger Weinkonsum von 20-40 Gramm pro
Tag eine signifikant längere Lebenserwartung zur Folge haben
kann. Die richtige Dosis
Kritiker wie Befürworter von Wein- bzw.
Alkoholgenuss sind sich in einer Frage einig: Ob die Effekte
positiv oder negativ sind, hängt vor allem von den
konsumierten Mengen ab. Nur in höheren Mengen ist Alkohol
wirklich gesundheitsschädlich, nur in moderaten Mengen
entfaltet Wein seine gesundheitsfördernde Wirkung. Weder die
Forschung noch die Diskussion um das Pro und Kontra scheinen
dabei auch nur annähernd abgeschlossen.
Generell wird regelmäßiger Konsum von 40
Gramm Reinalkohol pro /Tag bei Frauen und 70 bei Männern als
gesundheitsschädlich betrachtet, aber diese Mengen sind abhängig
von der Art des konsumierten Alkohols, von der Tatsache, ob
zur Mahlzeit oder nüchtern getrunken wird und natürlich vom
allgemeinen Gesundheitszustand des jeweiligen Individuums. Die
absolute Harmlosigkeitsgrenze für Gesunde wird dagegen auch
von Alkoholkritikern mit 10-16 Gramm pro Tag für Frauen und
mit 20 für Männer angegeben. Das entspricht ein bis zwei Gläsern
eines 10%igen Weins.
Alkoholbefürworter gehen davon aus, dass
gesundheitsförderliche Effekte von Alkohol- bzw. Weinkonsum
bis zu einer regelmäßig getrunkenen Menge von 30g/Tag für
Frauen und 40g/Tag für Männer zu erwarten sind. Dies wären
bei 10%igen Weinen 0,5 l für Männer und knapp 0,4 l für
Frauen, bei 12%igen Weinen etwas mehr als 0,4 l für Männer
und etwa 0,3 l für Frauen, bei 14%igen Weinen 0,35 l (eine
halbe Normalflasche) für Männer und 0,25 l für Frauen.
Frauen
vertragen weniger
Dass Frauen weniger Alkohol vertragen als Männer
hat drei Gründe. Zum einen liegt ihr Körpergewicht meist
niedriger. Da sich der Alkohol aber in der gesamten Körperflüssigkeit
verteilt, sorgt die selbe Menge Alkohol in der geringeren
Gesamtflüssigkeit natürlich für eine höhere Konzentration.
Hinzu kommt, dass Frauen auch einen höheren Körperfettanteil
haben als Männer, was die Flüssigkeitsmenge, in der sich der
Alkohol verteilen kann, weiter reduziert. Schließlich
besitzen Frauen auch eine um etwa 15 % geringere Fähigkeit
zum Abbau von Alkohol, d. h. des Enzyms Alkoholdehydrogenase (ADH).
Viele Mediziner gehen davon aus, dass
Alkoholkonsum so lange unschädlich und unbedenklich ist, so
lange der Blutalkoholspiegel nicht über 0,5 Promille steigt.
Bei einem etwa 80 kg schweren Mann, bei dem sich der Alkohol
in ca. 56 kg Körperflüssigkeit (70 % des Körpergewichts)
verteilen kann, ergibt rein rechnerisch das Trinken einer
Flasche 12%igen Weins mit 71 Gramm Reinalkohol einen
Blutalkoholspiegel von 1,27 Promille. Die Verteilung des
Alkohols im Körper verringert sich allerdings um 30 %, wenn
der Wein während einer Mahlzeit getrunken wird. Ein Teil des
Alkohols wird darüber hinaus bereits im Magen abgebaut und
erreicht gar nicht den Dickdarm, durch den er erst ins Blut übergehen
könnte. Der Abbau des Alkohols in der Leber wiederum setzt
mit einer Verzögerung von einer bis zwei Stunden ein und
findet mit einer konstanten Geschwindigkeit von 8g/Std., d. h.
0,14 Promille/Std. statt. Bei einem gesunden,
normalgewichtigen Mann sollte also der Blutalkoholspiegel nach
dem Trinken einer halben Flasche Weins während einer längeren
Mahlzeit einen Wert von 0,5 Promille nicht übersteigen.
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