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Zu den bisherigen Portraits und Reportagen     

 

2002 

Fino, Amontillado oder Oloroso?

Jerez sucht seine Zukunft

von André Liebe

 

Noch wirkt die Krise aus den achtziger Jahren und das Image des Sherry ist an einem Tiefpunkt angelangt. Das gilt auch für Deutschland, wo der Absatz in den vergangenen acht Jahren um fast die Hälfte zurückging. Von über 20.000 auf rund 10.000 Hektar wurde die Anbaufläche im Verlauf der neunziger Jahre reduziert. Unzählige leer stehende Bodegas sind stumme Zeugen des schwierigen Prozesses. Dabei sind die Probleme hausgemacht, denn die Erzeuger im äußersten Südwesten Spaniens, zwischen Jerez de la Frontera und Sanlúcar de Barrameda, setzten viel zu lange bedingungslos auf Masse statt auf Klasse. Billigware aus dem Supermarkt ist es denn auch, die das Bild der meisten Konsumenten von Sherry prägt.

 

  
Dieses Bild kennt jeder! Aber Folklorestimmung herrscht in Jerez schon lange nicht mehr. Die Krise hat alle Erzeuger zu radikalem Nachdenken über die eigenen Produkte und deren Vermarktung gezwungen. (Fotos: A. Liebe) 

 

Dabei haben fast alle Bodegas die Zeichen der Zeit erkannt und arbeiten an der Verbesserung ihrer Qualitäten. Auch der Consejo Regulador, der Verband der Sherry-Produzenten, hat die Weichen für eine Imagekorrektur gestellt. So wurde vor zwei Jahren eine neue Kategorie von trockenen Premium-Sherrys offiziell eingeführt, die mindestens 20 Jahre lang reiften und unter der Bezeichnung V.O.S. beziehungsweise V.O.R.S. vermarktet werden: Eine Möglichkeit, die fast alle Erzeuger nutzen, um in Gastronomie und Fachhandel so etwas wie eine Sherry-Renaissance einzuläuten.

Besserung in Sicht?

Eine leichte Besserung der Lage ist auf dem deutschen Markt bereits zu erkennen. Zwar gehört hier noch immer die Masse des verkauften Sherrys zur halbtrockenen oder süßen Art, der Anteil der trockenen Produkte aber steigt kontinuierlich und liegt inzwischen bei rund 25 Prozent. Auch hat der Sherry-Konsum zuletzt leicht angezogen. Gleichwohl bekommt jeder, der sich derzeit in der Region umhört, bekommt fast überall das gleiche Klagelied zu hören: Sherry sei das erklärungsbedürftigste Produkt der Weinwelt und deshalb nur schwer an den Märkten unterzubringen. In der Tat erschwert die verwirrend große Zahl von Bezeichnungen den Zugang neuer Konsumentenschichten zu diesem faszinierenden Produkt. Doch so vielfältig wie Sherry selbst sind auch die Wege der Bodegas, die Krise der Vergangenheit mit innovativen Ideen zu meistern.

Sherry – der Name ist eine englische Verballhornung von Jerez, die Franzosen nennen ihn Xérès – wird vor allem aus der Rebsorte Palomino gekeltert. Zwar wird in der Region auch Pedro Ximenez kultiviert, er dient aber in der Regel nur dazu, halbtrockene und süße Qualitäten zu erzeugen. Bei der Vinifizierung von Sherry gibt es zwei grundlegend unterschiedliche Verfahren: den nicht-oxidativen und den oxidativen Ausbau. Für Fino und Amontillado nutzt man die Tatsache, dass in den Kellern um Jerez eine besondere, “Flor“ genannte Hefe existiert. Sie verleiht Finos und Amontillados nicht nur ihren charakteristischen Geschmack, sondern verhindert vor allem die Oxidation der Weine im Fass. Beim immer trockenen, hellen und meist jung getrunkenen Fino übersteigt der Alkoholgehalt – alle Sherrys werden ja durch die Zugabe von neutralem, hochprozentigem Alkohol in ihrer Gradation erhöht – nie das Niveau von 15,5 Vol . %, was den Flor am Leben erhält und den Schutz vor Oxidation garantiert. Fino aus der Gegend von Sanlúcar de Barrameda schmeckt übrigens salziger und heißt Manzanilla. Bei Amontillado dagegen setzt nach dem Aufspriten auf 17 Vol. %, das die Hefen absterben lässt, ein Oxidationsprozess ein, durch den der Sherry seine dunklere Farbe und seine nussigen Aromen erhält. Der Oloroso wiederum ist ein Sherry, bei dem es von Anfang an zu keinem nennenswerten Wachsum der Florhefen kam. Er wird meist sehr schnell auf 17,5 Vol. % gebracht und unmittelbar der Oxidation ausgesetzt, was ihm eine tief dunkle Farbe und eine besonders vielschichtige Aromatik beschert. Eine Besonderheit ist der Palo Cortado, ein durch natürliches Absterben der Florhefe entstandener Weine, der geschmacklich zwischen Amontillado und Oloroso liegt. Seine teilweise sehr lange Fassreife absolviert Sherry im so genannten “Criadera-Solera-System“. Mit “solera“ ist die unterste Reihe Fässer eines hohen Fassstapels gemeint, die den ältesten und reifsten Wein des Systems enthält. Aus ihr wird die jeweils zur Abfüllung vorgesehene Weinmenge entnommen – meist handelt es sich dabei maximal um ein Drittel des Fassinhalts. Die Reihen über der Solera bezeichnet man als “criadera“. Die Fehlmenge der „solera“ wird aus der untersten der meist drei oder vier „criaderas“ ausgeglichen, dann wird diese mit Wein aus der dritten Reihe gefüllt, diese wiederum mit Wein aus der vierten.

Die Aufbruchsstimmung ist auch bei Sandeman, einem der größten Produzenten, zu spüren. Sandeman hat einen neuen Besitzer, die portugiesische Sograp-Gruppe (Mateus), und deshalb neue Hoffnung. Bis vor ein paar Monaten gehörte das Unternehmen zum Imperium des kanadischen Seagram-Konzerns. “Dort war man auf den großen Profit aus, den wir aber nicht bieten konnten“, so Export-Manager Ignacio Lopez de Carrizosa . Sandemans Markengeschichte geht zurück bis ins Jahr 1790, als der Schotte George Sandeman mit 300 Pfund in London seinen Portwein- und Sherryhandel gründete. Ab 1928, dem Jahr, in dem George Massiot Brown den “Sandeman Don“, eines der ersten Warenzeichen überhaupt, entwarf, stellte sich auch internationaler Erfolg ein, die Marke Sandeman war geboren.

Besserung 

In Deutschland, wo jetzt Pernod Ricard für den Absatz verantwortlich zeichnet, heißt das, dass man „stärker mit neuen Qualitäten aus dem Premium-Bereich auf Gastronomie und Fachhandel setzen“ will, wie Lopez erläutert. “Dabei stehen wir natürlich dennoch zu unseren Supermarkt-Kunden. Schließlich sind wir eine große Marke, die im Lebensmittelhandel außergewöhnliche Qualitäten zu einem niedrigen Preis anbietet“. “Wir müssen neue Kundenschichten gewinnen“ ist er sich bewusst, und dabei sollen neue Produkte helfen wie der “Original Dry Don“, ein körperreicher  Medium Dry Amontillado-Sherry in moderner Aufmachung mit dezenter Süße und eleganten Nuss-Aromen, der derzeit nur in Duty Free-Shops erhältlich ist. Zumindest in Österreich sind bereits jetzt – in sehr begrenzten Mengen allerdings – drei “rare wines“ der Firma erhältlich, eine Edel-Serie, zu der der “Royal Esmeralda“ (Fine Dry Amontillado), der “Royal Corregidor“ (Rich Old Oloroso) und der “Royal Ambrosante“ (Old Solera Pedro Ximenez) gehören, die allesamt einer 100-jährigen Solera entstammen und auf beeindruckende Weise untermauern, welches Potenzial in Sherry stecken kann.
 


Tio-Pepe-Fässer im Zentrum von Jerez. Der Inhalt ist gleich geblieben, aber die Verpackung und das Vermarktungs-Image haben sich drastisch gewandelt.

  
Einen anderen Weg Gonzalez-Byass eingeschlagen. Vor eineinhalb Jahren wurde dort ein Relaunch des Fino-Klassikers “Tio Pepe“ durchgeführt, der so gründlich ausfiel, dass von dem gewohnten Erscheinungsbild dieser Weltmarke fast nichts übrig blieb. Erstmals in der Geschichte des Sherry wird jetzt sogar die Rebsorte Palomino auf dem Etikett genannt. “Der aufgeschlossene Verbraucher ab 30 Jahren, den wir vor allem ansprechen wollen, legt Wert auf möglichst viel Information“, sagt Marketing-Manager Paul Kerstens. Indem durch die neue Gestaltung unbeschwerter Genuss kommuniziert werden soll, hofft Gonzalez-Byass, dass der neue Tio Pepe nicht nur gelegentlich, sondern - wie ein gewöhnlicher Weißwein - mehrmals pro Woche getrunken wird. “Dies zu erreichen, ist allerdings nicht ganz einfach“, räumt Kerstens ein, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, dass viele Konsumenten immer noch glauben, dass es sich bei Sherry nicht um einen Wein, sondern um Likör handele. In Spanien hat Gonzalez-Byass bereits damit begonnen, mit der eigenen Tapas-Bar-Kette “Taberna Tio Pepe“ den täglichen Genuss von Sherry voranzutreiben. Langfristig sollen solche Tabernas auch auf den Auslandsmärkten realisiert werden, wobei Gonzalez-Byass ein Angebot aus Berlin vorerst ausgeschlagen hat.

250 Euro die Flasche

Neben einfacheren, aber durchweg sauber strukturierten Sherrys wie Tio Pepe oder dem Amontillado “Viña AB“ und dem Oloroso Seco “Alfonso“, vermarktet Gonzalez-Byass eine exklusive “Solera“-Serie, deren Vertreter im Schnitt 30 Jahre alt sind. Zu ihr zählen der elegant-nussige Amontillado “Del Duque“, der ebenso komplexe wie angenehm süßliche Palo Cortado “Apostoles“, der wuchtige Oloroso “Matusalem“ und der tiefdunkle, fast dickflüssige Pedro Ximenez “Noe“. An der Spitze stehen die äußerst seltenen Jahrgangs-Sherrys, die 1994, anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der ersten Verschiffung von Tio Pepe nach Großbritannien, erstmals auf den Markt gebracht wurden. Gonzalez-Byass wählt dafür jährlich 200 der jährlich produzierten 20.000 Fässer aus und lässt sie separat als Jahrgangswein reifen. Es sind sehr elegante und trockene Oloroso-Qualitäten, die niemals gefiltert werden und einen Alkoholgrad von 22 Vol.  % aufweisen. Seit 1963 wurden erst acht Jahrgänge auf den Markt gebracht, der jüngste, ganze 897 Flaschen, stammt aus dem Jahr 1971 und erinnert mit seinen Pflaumen-Aromen eher an einen weichen Armagnac denn an einen Sherry. Zwar hat dieses Erlebnis auch seinen Preis, aber die große Nachfrage nach den 250 Euro teuren Flaschen zeigt, dass Sherry in Insiderkreisen den Imagewandel hin zum hochwertigen Produkt bereits vollzogen hat.


Gonzalez-Byass ist eine der bedeutendsten Bodegas von Jerez . Ganze 897 jährlich 
werden vom teuersten Produkt der Firma, dem 1971er Jahrgangs-Sherry, 
der 250 Euro pro Flasche kostet.

Während in Jerez de la Frontera viele Unternehmen fast ausschließlich auf Premium-Produkte setzen, gibt es in Sanlúcar de Barrameda, dem südwestlichsten Zipfel des Sherry-Gebietes, auch Bodegas, die sich in einem gänzlich ungewohnten Bereich profilieren. Die dort ansässige Bodega Barbadillo zum Beispiel produziert seit 26 Jahren zusätzlich zum Sherry auch noch Weißwein. Allen voran den fruchtig-frischen und unkomplizierten “Castillo de San Diego“, der ausschließlich aus Palomino-Trauben gekeltert wird und mit einem jährlichen Absatz von sechs Millionen Flaschen zu den meist verkauften Weißen Spaniens zählt. Die 1821 von Benigno Barbadillo gegründete Bodega ist mit einem Weinbergsbesitz von 500 Hektar wichtigster Produzent am Ort und einer der bedeutendsten Erzeuger von Manzanilla.

Bezeichnungs-Kunstgriffe

Die tiefgreifende Krise hatten Barbadillo zudem vor gut vier Jahren zu einem Kunstgriff veranlasst: “In Großbritannien vermarkten wir unseren Fino nicht mehr als Sherry, sondern ausschließlich als Manzanilla aus Sanlúcar de Barrameda“, erklärt Paola Cuadrado, bei dem zudem die Rebsorte Palomino explizit auf dem Etikett angegeben wird. “Das klappt mittlerweile so gut, dass wir überlegen, dies auch in anderen europäischen Ländern einzuführen“, meint Cuadrado. Neue Zielgruppen will Barbadillo sich auch über den wachsenden Tourismus an der andalusischen Atlantikküste erschließen und arbeitet an einer entsprechenden Kooperation mit dem Urlauber-Multi TUI. Dass die Verwaltung der Bodega im 1773 erbauten Bischofssitz Palacio de la Cilla arbeitet und Barbadillo über den wohl eindrucksvollsten Solera-Lagerraum des gesamten Sherry-Gebietes, der “Kathedrale“ mit einer Höhe von zwölf Metern, dürfte die Attraktivität des Besuchsziels erhöhen. 
   


Die weiße Florhefe auf dem Wein schützt während der Fasslagerung vor zu rascher Oxidation. 

  
Auch auch die Produkte sprechen für Barbadillo. Neben dem würzigen Manzanilla und einem samtigen Amontillado überzeugen auch der “Cuco“, ein gereifter Oloroso Seco, sowie der Palo Cortado “Obispo Gascón“, der auf  perfekte und elegante Weise die Eigenschaften von Oloroso und Amontillado mit ihren feinen Nuancen von Rosinen, Nüssen, Rum und Holznoten vereint. Hochkarätige Sherrys wie diesen will Barbadillo in Zukunft auch auf dem deutschen Markt forcieren, setzt aber nicht nur auf Sherry: Derzeit läuft ein groß angelegtes Versuchsprojekt mit Tempranillo und Cabernet-Sauvignon, um auch das klassische Weingeschäft weiter ausbauen zu können.

Fast ein Anachronismus ist die Bodega Emilio Lustau, gemeinhin als der Rolls Royce des Sherry-Gebietes bezeichnet, weshalb es auch nicht verwundern muss, wenn die Unternehmensphilosophie hier ganz besonders  konservativ ausgelegt ist. Auch hier aber räumt Export-Leiterin Jane Ward ein: “Die Sherry-Krise in den achtziger Jahren mit ihrem mörderischen Preiskampf hätte uns fast Kopf und Kragen gekostet. Auch wir leiden auf vielen Märkten noch immer unter dem Image des Sherry als „old ladies drink“. Dass das kleine Haus mit seinen nur 13.000 Fässern durchhalten konnte, lag auch daran, dass Luis Caballero, Produzent von Spaniens meist verkauftem Likör, die Mehrheit übernahm. Er sorgte nicht nur für die erforderlichen Finanzen, sondern bescherte Lustau zudem noch 170 Hektar Anbaufläche in Top-Lagen als Zugabe. Außerdem steuerte er beachtliche Lagerbestände von Fino Sherry aus El Puerto de Santa Maria bei, die heute die Grundlage der Lustau-Finos bilden.
      

 
Der historische Lagerkeller von Gonzalez-Byass

   
Wie gut es dem Haus mittlerweile geht, unterstreicht auch der neue Firmensitz: Lustau hat rund die Hälfte der Bodegas von Harveys übernommen - auch dies eine Auswirkung der Sherry-Krise. Doch während andernorts die Schotten dicht gemacht wurden, konnte Lustau investieren und optimale Voraussetzungen für die Sherry-Renaissance schaffen. Dem traditionellen Image entsprechen, hält man hier auch an der ganzen, verwirrenden Vielfalt der Bezeichnungen fest. “Wir haben im Gegensatz zu anderen Bodegas unser Sortiment ganz bewusst nicht reduziert“, betont Ward. Wer die Mühe mit all den verwirrenden Bezeichnungen auf sich nimmt, der wird bei Lustau jedoch reich belohnt. Vom ersten Schluck an wird deutlich, dass man hier in einer anderen Liga spielt. Das beginnt beim “Puerto Fino“, dem “Jarama Light Fino“ und dem “Papirusa“ Manzanilla, setzt sich über den Dry Amontillado “Los Arcos“ fort und ist auch beim Very Old Oloroso “Emperatriz Eugenia“ nicht anders: Allesamt sind sie von außergewöhnlicher Eleganz und einer verführerischen Aroma-Vielfalt.

Gemüsehändler-Almacenista

Gewissermaßen die S-Klasse beim Sherry-Rolls Royce Lustau aber stellt die Almacenista-Linie dar. Es sind individuelle Weine kleinerer Erzeuger, die normalerweise in den Markenprodukten der großen landen. Nicht so bei Lustau, was damit zu tun hat, dass Firmengründer José Ruiz-Berdejo im Jahre 1896 als Almacenista begonnen und sein Schwiegersohn Emilio Lustau diese Tradition bis in die frühen Fünfziger des 20. Jahrhunderts fortgesetzt hatte. Seit 1981 produziert Lustau diese Premium-Serie, bei der - als Reverenz an die Herkunft - der Namen des Almacenista auf dem Etikett genannt wird. Da findet sich dann ein “Manzanilla Amontillado“ des Gemüse-Großhändlers Manuel Cuevas Jurado oder auch der “Oloroso de Jerez Pata de Gallina“ des Motorradhändlers Juan García Jarama.

Auch die außergewöhnliche Qualität seiner Produkte entbindet Lustau nicht von der Aufgabe, mit der sich heute jeder Bodega konfrontiert sieht. Jane Ward spricht auch für die Kollegen anderer Bodegas, wenn sie fordert: “Wir müssen die Verbraucher ganz grundsätzlich über unser Produkt aufklären und sie damit vertraut machen, welch enorme Vielfalt und welches Genusserlebnis Sherry zu bieten hat.“

P.S. Wir haben versucht, im Zusammenhang mit diesem Artikel eine große Sherry-Probe zu organisieren. Leider wurde uns von Seiten der deutschen Vertreter des Consejo Regulador beschieden, "so viel Sherry" könne man uns nicht geben. Ein wenig kamen wir uns da schon wie bettelnde Penner mit Schnapsflasche in der Papiertüte vor! Gnädigerweise überließ man uns dann kommentarlos eine Liste mit Importeuren. Die zu kontaktieren, um vielleich doch noch "ein wenig Sherry" zu bekommen, war dann allerdings leider aus Zeitknappheit nicht möglich. Wir versprechen aber, die Probe nachzuholen, sobald wir wieder "so viel" Sherry wie für eine solche Probe notwendig bekommen können. - Die Redaktion.

Die bisherigen Reportagen und Portraits

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Verkannte Neuzüchtungen (2002)
Kork - Die unendliche Geschichte (2002)
 
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Weinbau in den Roaring Fourties - Tasmanien (2002)
Edle Tropfen in down under - Südaustralien (2001)
 
Chile Die Erben der Konquistatoren (2002)
  
Deutschland Weingut direkt ... aus dem Internet (2004)
Der Bioprofessor vom Mittelrhein (2004)
Weinberg in Not - Homburger Kallmuth (2002)
Aufbruch in der Südpfalz (2002)

Weine von der Hütt' - St. Antony (2002)
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Charles Philipponnat (2003)

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Chablis - Der andere Chardonnay (2002)

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Dom Pérignon und die Witwe - Champagne-Story (2000)

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Päpste, Händler, Genossen - Das Rhônetal (1999)
Süße, wilde Orchidee - Vanille auf Réunion (1999)
Kleiner Bruder mit Pfiff - Unbekannter Armagnac (1999)
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Neuer Anlauf für Villages - Côtes-du Rhône auf dem deutschen Markt (1998)
Abschied vom deutschen Markt? - Das Elsaß übt sich im freien Fall (1998)
Der schüchterne Superstar - Syrah-Weine an der Rhône (1998)
Das Salz des Lebens - Guérande und seine Salzgärten (1998)
Großbritannien:  Whisky trails - Auf den Spuren der Schnapsbrenner in Schottland (1997)
 
Italien Ureinwohner - Südtirol (2003)
Neuer Wind - La Stoppa (2002)

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Krieg der Stile - Barolo (2002)

Der Kämpfer von La Morra - Elio Altare (2002)

Marketing-Frühling in Südtirol - wein.kaltern (2002)

Im Schatten der Toskana - Die mittelitalienischen Regionen (2000)

Weinkarriere am Brenner - Das Trentino (1999)
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Karriere mit Grenzen - Franciacorta - Italiens kleine Champagne (1998)
Der schlafende Riese - Das Piave-Gebiet (1998)
Die ideale Weinreise - Portrait des toskanischen Lebensgefühls (1997)
 
Kanada Okanagan - Kanadas Napa Valley (2006) 
Österreich Ambitionierte Genossen - Zantho (2002)
Gestörter Dornröschenschlaf - Stefan Köstenbauer (2002)

Viel Glück gehabt - Willi Bründlmayer (2002)

Miniatur-Toskana - Die Steiermark (1999)
 
Portugal Der Portwein, der keiner ist (2003)
 
Schweiz Energie pur: Marie-Thérèse Chappaz (2002)
 
Spanien Fino, Amontillado oder Oloroso - Jerez sucht seine Zukunft (2002)
Rioja 2002 - zwischen Tradition und Moderne (2002)
Das Jahrzehnt nach der Krise - Rioja wieder im Aufwind (1998)
 
Südafrika Der Visionär vom Kap - Alexander von Essen (2005)
Künstler am Kap - Christoph Dornier (2002)

Ein Land hat Hoffnung - Südafrika Teil 1 (2002)
, Teil 2 (2002)
Ästhet mit Mantra - Hamilton Russel (2002)
  
USA Der alte Mann und der Wein - Mondavi 90 (2003)
Verwöhnter Nordwesten - Washington (2002)

Burgunder-Träume in Carneros (2002)

Gallo - Ein Gigant macht sich schön (2002)

Großes Kalifornien-Dossier - Trends, Betriebe, Sorten, Export (1999)

It never rains in Southern California (1998)

Nicht nur Napa und Sonoma - Weinbau außerhalb Kaliforniens (1998)

 

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Rioja 2002 - zwischen Tradition und Moderne 

von Dagmar Ehrlich

Moderne und Tradition im Rioja - ein Widerspruch   Mit modern vinifizierten Terroir-Weinen kehrte La Rioja zurück in die Phalanx der spanischen Topregionen. Dennoch blieben bis heute einige, auch renommierte Weingüter dem traditionellen Rioja-Ausbau treu. Wie seit über 100 Jahren reifen ihre Weine je nach Qualität lange bis sehr lange im kleinen Holzfäßchen. Für Eleganz und Kompexität, sagen sie. Die neue Winzergeneration hingegen setzt auf Konzentration und Terroir. Beide Stilrichtungen, so konträr sie auch erscheinen mögen, nebeneinander zu probieren, ist für jeden Weinfreund eine echte sensorische Herausforderung.

Süße Tannine

Die Moderne kam vor gut zehn Jahren. Damals entwickelten einige Weingüter Alternativen zum lang gepflegten Weinstil. Nicht nur im Weinberg suchten sie neue Wege, auch im Ausbau wandten sich die „bodegueros“ zeitgemäßeren Methoden zu. Sie reduzierten den Ertrag und selektierten nur die besten und reifsten Trauben. Vergoren wird heute nur noch der Vorlaufmost, also der Mostanteil, der ohne Druck aus der Presse läuft. Der wird dann nicht mehr in alten Steinwannen oder riesen, hölzernen Bottichen, sondern temperaturkontrolliert in Stahltanks vergoren.


Herbstliche Stimmung bei El Villar de Arnedo 
(Fotos: E. Supp)

Auf der anderen Seite stehen die Traditionsgüter. Sie sehen sich als Bewahrer eines Stils, der 1890 vom französischen Önologen Jean Pineau, Gründer des Weingutes Rioja Alta, eingeführt wurde. Als erster verwendete er statt großer Holzfässer Barriques alias „barricas“. Klassische barricas sind aus amerikanischer Eiche gefertigt und nur halb so teuer wie französische Fässer, die allerdings dem dem Wein jene süßen Holznoten verleihen, die zum Rioja moderner Stilrichtung und seiner beerigen Frucht so gut passen.  Ein solcher Rioja erstrahlt in der Regel bald nach dem Öffnen der Flasche, der traditionelle Wein hingegen braucht Zeit. Nur sehr langsam öffnet er sich, zeigt manchmal erst nach Stunden seine imposante Länge und bleibt dabei doch frisch.

Ob nun traditionell oder modern gemacht, für alle Vinos de Rioja gelten amtlich festgelegte Qualitätsstufen, denen die Reifezeit im Fass und auf der Flasche zugrunde liegt. Ein junger Rioja, der Joven wird bereits im Jahr nach der Ernte als einfachster Rioja verkauft. Die Bezeichnung Garantía de origen auf dem Rückenetikett regelt seine Herkunft. Damit ein Rotwein die Bezeichnung Crianza führen darf, muss er mindestens zwölf Monate  im 225 Liter-Fass reifen. Verkauft werden darf er erst im dritten Jahr nach der Ernte.

Kürzere Lagerzeiten

Eine Reserva dagegen reift wenigstens zwölf Monate im Fass, anschließend noch zwei Jahre in der Flasche und kommt frühestens im vierten Jahr nach der Lese in den Handel. Eine Gran Reserva wiederum bleibt sogar 24 Monate im Holzfass und weitere 36 Monate in der Flasche. Das bedeutet für die höchste Qualitätsstufe mindestens fünf Jahre Reife, die von Traditionsgütern oft sogar noch überschritten werden. Eine lange Lagerzeit, so meinen sie, stärkt die Tanninstruktur und verfeinert die Frucht des Weins. Erst dadurch entwickele ein Rioja seine Komplexität und Tiefe.
Calahorra, eines der regionalen Zentren der Rioja-Produktion

Modern geführte Weingüter dagegen verzichten bewusst auf die Angabe der Qualitätsstufe Reserva oder Gran Reserva. Sie füllen ihre Weine als Crianza, die besten zusätzlich noch unter dem Namen der Lage ab und geben sie früher für den Verkauf frei als die Klassiker.

Auch in der Rebsorten-Zusammensetzung der Weine hat sich Einiges getan. Zwar ist die wichtigste Sorte immer noch Tempranillo, gefolgt vom Mengenführer Garnacha, von Mazuelo und Graciano, aber in der Cuvée der modernen Weine findet man immer häufiger auch Cabernet Sauvignon und sogar Merlot.

Neues Geschmacksbild

Nur wenige Weinfreunde nehmen sich heute noch die Zeit abzuwarten, bis sich ein Wein entwickelt hat. Mit einer Mischung aus Ungeduld und Lust auf guten und schnellen Genuß wird der Korken immer schneller gehoben. Tiefdunkel sollte der Wein sein, und nicht hell wie ein alter Gran Reserva im Glas stehen. Nach voller Beerenfrucht, edlem Holz und reifen Tanninen soll er duften und schmecken: ganz im Stile der Rotweine hochgerühmter Pioniere aus Ribera del Duero oder Priorato, deren Pioniere Alejandro Fernández, Peter Sisseck, Telmo Rodriguez und Alvaro Palacios Spanien in den neunziger Jahren ein neues Geschmacksbild verpassten – ein Geschmacksbild, das ankommt.

Parallelen zur Entwicklung in Italien, zu Chianti Classico, Brunello di Montalcino und Barolo drängen sich auf. Insgesamt gesehen hat Rioja an Qualität und Image gewonnen. Oder hat er doch verloren? Einen Hauch von Charakter, Authenzität und Eigenwilligkeit vielleicht?