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Weingastlichkeitsarchiv
Weißer Rabe,
mitten im Nichts
von Jan Brinkmann

Mitten
im gastronomischen Nichts, ganz in der Nähe der Welthauptstadt
der Schützenfeste und der (kulinarischen) Langeweile, in dem
kleinen Dörfchen Thönse bei Hannover, öffnet sich die Tür zu
einem Gasthof, wie es ihn nördlich der Mainlinie eigentlich nicht
geben dürfte. Im Gasthaus Lege, so der Name des Hauses, wird
nicht nur sehr fein gekocht - auch dem Wein und dem Gast wird
liebevollste Aufmerksamkeit entgegengebracht. Wir
haben einen weißen Raben gefunden!
Dass es in diesem Dorfkrug so ausgesprochen liebevoll zugeht,
kommt natürlich nicht von ungefähr: Hausherr und Koch Hinrich
Schulze arbeitete einst bei Bertold Siber am schönen Bodensee,
lernte dort eine hübsche Claudia kennen, heiratete sie und
verschleppte sie 1994 - mit Zwischenetappen in Baden-Baden, der
Schweiz und im Sauerland - in sein niedersächsisches Heimatdorf.
Vermutlich blieb ihm dann einfach nichts anderes als wundervoll zu
kochen, um jeglicher Fluchttendenz seiner (Boden-)Seejungfrau zu
begegnen. Dem Gast des Weißen Raben kann das nur Recht sein, sehr
Recht sogar! Der wird von Frau Claudia herzlich umsorgt und genießt
das unprätentiöse Gasthof-Ambiente ebenso wie die immer noch
bodenständigen Preise.
Mitten im kulinarischen Nichts öffnet sich die
Tür zu einem weißen Raben (alle Fotos: J. Brinkmann) |
Dass Herr Schulze mit seiner ehelichen Strategie Erfolg hatte,
liegt daran, dass er wirklich ganz exzellent kocht. Kaum ein
Kollegen der näheren Umgebung - das große Hannover eingeschlossen
- geht beispielsweise mit Fisch so subtil um wie er. Gerichte wie
Welsfilet auf Parmesansauce oder mit Kräutern gebratener Seeteufel
- eigentlich ja ein Langweiler sondergleichen - gelingen ihm mit
meisterlicher Selbstverständlichkeit.
Für ganze 40 Euro stellt Schulz seinen Gästen ein Fünf-Gang-Menü
auf den hübsch gedeckten Tisch. Darin enthalten sind so nette
Schmankerln wie die Terrine vom Stör mit Koriandersauce, eine
Taubenkraftbrühe mit würzigen Ravioli, ein Steinbuttsoufflé nebst
Riesengarnelenragout und Rinderfilets mit Rotweinschalotten und Gemüsestrudel.
Das Dessert, Birnenkompott mit Zitronengraseis, probiert den Spagat
zwischen bäuerlichem Sonntagstisch und ein wenig (leicht
angestaubter) Moderne. Aber der anspruchsvolle Gast darf stattdessen
ja auch die Käseauswahl probieren.

Im unprätentiösen Gasthof-Ambiente erfährt der Gast
liebevolle Aufmerksamkeit.
Auch die Weinkarte gibt sich ausgesprochen Gast-freundlich mit neun
Weinen im offenen Ausschank - fünf weiße, drei rote und ein Weißherbst
-, die zu Preisen zwischen vier und fünf Euro das 0,2-l-Glas
angeboten werden. Ganz offensichtlich ist Schulzes Vorliebe zu
deutschen Gewächsen, deren Auswahl Freude macht. Klar, dass Baden
dominiert - weil die Flaschen aus den Kellern von K.H. Johner,
Salwey oder den Gebrüdern Bercher kommen, dürfte das kaum jemanden
stören, der sich hier laben möchte. Aber auch Dönnhoff und das
Gut Königswingert von der Nahe, Fritz Haag und Reichsrat von Buhl
von der Mosel finden sich auf der Karte.
International geht es nach Frankreich (ein 97er Chassagne
Montrachet „Les Ruchottes“ von Ramonet krönt die Weinliste mit
seinen 113 Euro zumindest preislich mit 113 Euro), aber auch Spanien
(so ein Mas la Plana Gran Coronas für 76 Euro), Italien, Österreich
und die neue Welt sind gut vertreten.
Bleibt eigentlich nur, Thönse ins Navigationssystem zu tippen!
Gasthaus Lege, Hinrich und Claudia Schulze, Engenser Str.
2, E - 30938 Burgwedel-Thönse. Tel / Fax: -49-(0)5139-82 33, e-mail:
GasthausLege@aol.com, Mittags außer Samstag und Sonntag sowie
Dienstags geschl.. Hauptgerichte 12 bis 22,50 Euro.
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