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Weingastlichkeitsarchiv
Napa im Kraichgau
Heitlingers Weinforum
von
André Liebe
Wer von Baden und seinen Weinen spricht, denkt
fast immer an Kaiserstuhl, Markgräfler Land oder Ortenau, Gebiete,
in denen nicht nur die meisten, sondern auch die bekanntesten Winzer
der Region zu Hause sind. Dabei wird der Kraichgau meist übersehen,
jener Landstrich zwischen Karlsruhe und Heidelberg, der erst seit
1996 als eigenständiger Bereich des Weinbaugebietes Baden anerkannt
ist. Auch hier aber haben in jüngster Zeit engagierte und qualitätsbewusste
Winzer von sich reden gemacht – unter ihnen Ehrhard Heitlinger aus
Östringen-Tiefenbach.
Ein Hauch von Napa Valley empfängt
die Besucher im Herzen des Kraichgaus, einem der am wenigsten
bekannten Bereiche des Weinbaugebiets Baden. Erhard Heitlinger hat
hier mit seinem Weinforum Maßstäbe gesetzt. (Firmenfoto)

Wer sich dem verschlafenen Flecken von Norden her nähert, muss erst
einmal dichte Nadelwälder durchqueren, bevor sich die sanften,
Reben bestandenen Hügel vor ihm ausbreiten. Hier herrscht tiefste
Weinprovinz – keine Spur von den noblen Bürgerhäusern und Adelsgütern,
wie sie an Rhein und Mosel oder auch in der benachbarten Pfalz zu
finden sind. Auch Erhard Heitlinger fügte sich lange Zeit nahtlos
in dieses verschlafene Bild ein und gab den fidelen Winzer, der
abends in der Gaststube die Gitarre hervorholt und Schunkellieder
anstimmt. Fidel ist es bei Heitlinger auch heute noch. Ansonsten
aber ist von dem einstigen Muff nicht mehr viel geblieben.
Wie ein Raumschiff steht das Weingut mit seiner gewagten
Architektur, die so gar nicht in die nordbadische Häuslebauerwelt
passt, am Ortsausgang. Man denkt eher an Kalifornien, an die Neue
Welt, wo Weingüter gleich reihenweise Spitzen-Designer unter
Vertrag nehmen, auf dass sie ihnen extravagante Traumschlösser in
die Landschaft setzen. Nichts anderes hat auch Heitlinger getan, als
er sein “Weinforum“ schuf, einen Hort der Gastlichkeit und viel
beachteten kulturellen Treffpunkt, an dem der Wein nicht einmal
immer die erste Geige spielen muss.
Erhard
Heitlinger, einer der dynamischsten Winzer Badens, ist besonders
stolz auf seine Weinklassifizierung in Form von vier
"Etagen" - von Basic bis zur Grand Etage. (Firmenfoto)
Es war im September 1997, als Erhard Heitlinger seine blaue
Kellerschürze an den Nagel hängte und sein “Forum“ eröffnete.
Bis dahin war sein Weingut eines der vielen hundert oder tausend in
Deutschland gewesen, in dessen kleiner Besenwirtschaft die
klassische Vesper auf den Tisch kam. “Irgendwann hatte ich aber
genug vom Konventionellen. Ich wollte, dass auf der Ebene des
Weinguts etwas mit Zeitgeist passiert“, betont der dynamische
Winzer. Zum frommen Wunsch gesellte sich auch eine gehörige Portion
Glück. Denn Erhard Heitlinger wusste seine beiden Söhne auf
gleicher Wellenlänge, und hatte einen potenten Freund und Gönner:
Klaus Tschira, Mitbegründer des EDV-Riesen SAP im nahen Walldorf
und ausgewiesener Liebhaber feiner Genüsse.
Perfektes
Gesamtkonzept 
Der sorgte im Hintergrund dafür, dass Heitlinger rund 7,5 Mill.
Euro in ein neues Kelterhaus und ein Gastgebäude investieren
konnte, wo heute unter einem Dach das Bistro, eine Kulturbühne
mitsamt Saal für 120 Gäste und natürlich auch die klassische
Probiertheke untergebracht sind. Auf seiner Bühne bietet Heitlinger
zwei Mal im Monat ein Programm, das von Kleinkunst bis zur
Dichterlesung reicht. Dazu finden in der modernen Showküche regelmäßig
Kochveranstaltungen mit Prominenten statt.

Nicht die Architektur nämlich, die gewagt rustikale Elemente mit
modernem Design verbindet, unterscheidet diesen Betrieb so
wesentlich von anderen. Es ist vielmehr das bis ins kleinste Detail
durchdachte Gesamtkonzept. Für die Küche hat Heitlinger
beispielsweise ein junges, experimentierfreudiges Team engagiert,
das alle erdenklichen Freiheiten genießt. Auf die Teller kommt
heute eine “Landhaus-Küche“, die sich von mediterranen, fernöstlichen
und badischen Ideen inspirieren lässt. Kartoffel-Steinpilzsuppe,
Wachtelkotellete auf Ruccolasalat oder Apfeltarte mit Kokosparfait
heißen die Kreationen. Dazu wird getrunken, was schmeckt, und
bezahlt wird, was getrunken wurde. Statt des klassischen Schoppens
kommt hier die Flasche auf den Tisch – abgerechnet wird nach der
Menge dessen was tatsächlich konsumiert wurde.
Auch im Service setzt sich das Konzept fort. Unter der Leitung
von Bernd Schöpker agiert eine junge Mannschaft, die mit ihrer
vielleicht nicht immer perfekten, dafür aber stets fröhlichen Art
die Kraichgauer Provinz fast vergessen lässt. Da ist er dann
wieder, dieser Hauch von Napa Valley.
Eigenwillige Klassifzierung

Natürlich hatte auch Heitlinger seine Startschwierigkeiten und
“am Anfang mehr Personal als Gäste“, wie er sich heute
schmunzelnd erinnert. Diese Zeiten gehören freilich längst der
Vergangenheit an; heute wird alleine die Gastronomie von 50.000 Gästen
im Jahr besucht und was die Weinproduktion des 45-Hektar-Betriebs
angeht, so werden zwischen drei und vier Prozent davon alleine im
Weinforum ausgeschenkt, weitere 30 Prozent direkt ab Hof verkauft.
Dabei macht es Erhard Heitlinger seinen Kunden nicht leicht, denn
der extravagante Winzer schert bei der Bezeichnung seiner Weine ganz
bewusst aus dem deutschen Klassifizierungssystem aus und setzt seine
eigene “Qualitätspyramide“ dagegen. Die beginnt mit der
“Etage Basic“ für den täglichen Genuss, worunter ausschließlich
trockene, im Edelstahl vergorene und sortentypisch ausgebaute Weine
zu verstehen sind. Als “unsere besonders Leidenschaft“ preist
Winzer Heitlinger die “Etage d’Amour“ an, eine Weinlinie mit
trockenen Cuvées, die alle im Barrique reifen. Darüber folgt die
“Master Etage“ für so anspruchsvolle Rebsorten wie Grau- oder
Spätburgunder, die sortenrein im Barrique ausgebaut werden und
deren Hektarhöchstertrag auf 40 Hektoliter begrenzt ist. Ganz oben
schließlich, an der Spitze der Pyramide, steht die “Grand
Etage“, die nur in Spitzenjahrgängen erzeugt wird und deren Weine
über großes Alterungspotenzial verfügen. “Das ist schon ein
wenig gewöhnungsbedürftig, aber es entspricht eben unserer
Philosophie“, so Heitlinger.
Heitlinger weiß dabei die Zeit auf seiner Seite. “Für uns ist
der Einsatz von Barrique-Fässern zur Reife und Veredelung der Weine
keine Modeerscheinung. Wir beweisen, dass deutsche Weiß- und
Rotweine durch gekonnt gesteuerte Reife im Barrique-Fass veredelt
werden können“, ist er sich sicher. Und in der Tat gelingt ihm
dies von Jahr zu Jahr besser. “Weniger ist mehr, ist Beschränkung
auf das Wesentliche.“
Weingut und Weinforum Heitlinger, Am Mühlberg,
D - 76684 Östringen-Tiefenbach, Tel: +49-(0)7259-91120, info@heitlinger-wein.de,
Website: www.heitlinger-wein.de
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