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Weingastlichkeitsarchiv

 

Der Wein-Adler
Balanceakt im Süddeutschen
  von Wolfgang Fassbender

  

Ein ländlicher Gasthof wie so viele in Süddeutschland. Einer von unzähligen “Adlern”. Und ganz gewiss kein Grund, in die touristisch kaum erschlossene Provinz zwischen Ellwangen, Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd zu reisen.

Genau das werden unzählige Genießer gedacht haben, denen man den “Adler” im unscheinbaren Rosenberg als Gourmet-Tipp nahegelegt hatte. Am Eingang der ehemaligen Poststation aus dem 14. Jahrhundert lasen sie einen bescheidenen Auszug der Speisenkarte, entdeckten Gaisburger Marsch oder schwäbisches Rahmschnitzel. Manchem kamen an diesem Punkt ernsthafte Zweifel und er kehrte entmutigt um.
   

Blau lackierte Bänke und helle Tische bilden die Schwerpunkte in der 
ländlich-modernen Gaststube des Adler von Rosenberg. (Firmenfoto) 

 
Marie-Luise und Josef Bauer schaffen, was so viele Wirte vergeblich versuchen: den Spagat zwischen Tradition und Kreativität. Deshalb kehren wie vor Jahrhunderten die Rosenberger auf Bier und Maultaschensuppe im “Adler” ein, die Kinder bekommen ein paniertes Schnitzel und Vanille-Eis mit heißer Schokoladensauce. Sie sitzen in der Gaststube auf blau lackierten Bänken an weißen Holztischen und werden von der Chefin ebenso zuvorkommend behandelt wie die von weither anreisenden Gourmets, die sich dann doch hinein getraut haben. Eine schicke, moderne Theke, farbenfrohen Obst- und Gemüsebilder an den Wänden und eine Batterie perfekter Weingläser lassen aufmerken. Das hätte man in diesem familiären Haus nicht erwartet!

Familiärer Charme schließt Weinkultur nicht aus. Marie-Luise Bauer setzt auf Franken und Württemberg und hier auf wenige, aber für Qualität bekannte Winzer. Wer sagt denn, dass immer so viele Erzeuger wie möglich auf den Weinkarten verzeichnet sein müssen? Ellwanger und Dautel heißen die beiden Württemberger Vorzeige-Weinmacher des Adlers, Johann Ruck und Paul Fürst die fränkischen. Und von denen ist alles da: süffiger Schoppen-Riesling wie hochwertige Rotwein-Cuvées. Dautels “Kreation”, der Ellwangersche “Nicodemus” oder die unschlagbaren Spätburgunder von Fürst lagern im “Adler”-Keller auch in reiferen Jahrgängen. Zu ihren Regionalia haben die Bauers ein fulminantes Sortiment an Bordeaux und Burgundern zusammengetragen. Auffallend häufig lesen sich die Jahrgangszahlen 1990 und 1989 auf der Karte und statt überteuerter Renommier-Namen diejenigen günstigerer Geheimtipps.
 

Einer von unzähligen "Adlern" in Süddeutschland. Der Adler in Rosenberg, zwischen Ellwangen, Schwäbisch Hall und Schwäbisch Gmünd schafft die perfekte Balance zwischen ländlicher Familien-Atmosphäre und gediegenem Gourmet-Lokal. (Firmenfoto)

 
Über den 300 Positionen der Weinkarte sollte man die Speisen nicht vergessen. Josef Bauers Ideenreichtum am Herd wird auch von den kritischsten Restaurantführern gewürdigt. Sogar der fürs Polemische bekannte GaultMillau spendiert 18 von 20 möglichen Punkten, während der zweite Michelinstern wohl nur am fehlenden Schnickschnack in Gastraum und Service scheitert. Der bescheidene Küchenchef ohne Drang zum Rampenlicht kombiniert mediterrane und regionale Zutaten wie kaum ein zweiter in Deutschland. Das Gelee von Schweinsbäckle und Entenstopfleber serviert er mit süßer Senfsauce, die Cremesuppe von jungem Knoblauch wird mit Weinbergschnecken angereichert und der Kaisergranat mit einer Weißwurst vom Bachsaibling veredelt. Fisch- und Fleischgerichte sind ausgetüftelte Geschmacks-Highlights. Wie der geangelte Wolfsbarsch mit Bärlauchcouscous oder die Hirschlende mit kaltgerührten Preiselbeeren und Pastinakencreme.

Was noch zu erwähnen wäre? Die fabelhaften Desserts à la gratinierte Grießschnitte mit Dörraprikosenragout und Sauerrahmeis. Die kleine, aber perfekt gereifte Käseauswahl vom Elsässer Affineur Bernard Anthony. Oder der selbst gebrannte Zwetschgenschnaps. Übernachten lässt sich in rustikalen Zimmern mit viel Komfort und neuen Designermöbeln. Und frühstücken mit hausgemachten Wurstwaren und Laugengebäck. Auch hier schafft es der “Adler”, Ländlichkeit auf moderne Art zu interpretieren.

Landgasthof Adler, Ellwanger Straße 15, D - 73494 Rosenberg, Tel: +49-(0)7967-513, Fax: 710300, Mittags und abends geöffnet, Donnerstag und Freitag geschlossen, Hauptgerichte um 19 Euro, Doppelzimmer um 90 Euro. 

Die bisherigen Reiseartikel - Verzeichnis nach Ländern

Deutschland:  Unter der Veste - Goldene Traube in Coburg (2003)
Weißer Rabe, mitten im Nichts - Gasthaus Lege in Thönse (2003)

Hof mit Winzern - Salischer Hof in der Südpfalz (2002)

Kulinarisches im norddeutschen Niemandsland (2002)

Balanceakt im Süddeutschen - Adler in Rosenberg (2002)

Napa im Kraichgau - Heitlingers Weinforum (2002)
 
Italien Brunello-Himmel - Poggio Antico (2002)
Brotsuppe im Weinhimmel - La Clusaz (2002) 
 
Österreich: Kaiserlicher Wienerwald - Kronprinz (2002)
Burgenländische Schmankerln - Paulis Stuben (2002)
 
Spanien: Binissalem im Paradies - Mallorcas Ca'x Xorc (2003)
Kochen wie Muttern - El Faro del Puerto (2003)
 
Südafrika

Kapholländische Idylle - Grande Roche in Paarl (2002)

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