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Zu
den bisherigen Portraits und Reportagen
2002
Krieg der Stile
von Eckhard Supp
Leidenschaftlich,
oft sogar heftig, tobte die Auseinandersetzung, die in den
vergangenen 15 Jahren das italienische Piemont erschütterte.
Dabei ging es "nur" um Wein, besser gesagt, um die
Frage, wer den besten, den "echtesten" und
authentischsten Wein erzeugte. Schauplatz der Auseinandersetzungen
war das Gebiet um die Stadt Alba, Anbaugebiet von Barolo und
Barbaresco.

Herbst im Barolo-Gebiet: Zeit der Ernte und
der Kellerarbeit
(Fotos: E. Supp)
Die Verkostung in den Räumen des
italienischen Spitzenrestaurants Poletto in Hamburg war für alle
Teilnehmer denkwürdig. Auf dem Tisch standen jüngere und
ausgereifte Barolos, Weine von insgesamt 14 verschiedenen Erzeugern
und unterschiedlichen Macharten. Kaum einen der Teilnehmer
erstaunte die Tatasche, dass gleich drei Flaschen des außergewöhnlichen
90er Jahrgangs an der Spitze der Wertungen rangierten, eher schon
verblüffte, dass weder geschmacklich noch in den Beurteilungen ein
einschneidender Unterschied zwischen den Vertretern der
unterschiedlichen Stilrichtungen auszumachen war.
Gewinner der Probe war ein Wein des
Altmeisters Bruno Giacosa, viel zitierte Referenz von Weinmachern, für
die das traditionelle, althergebrachte Bild des Barolo der Maßstab
ihrer eigenen Arbeit ist. Aber schon auf dem zweiten Platz folgte
ein Wein, der in seiner Machart deutlich moderner, internationaler
wirkte. Giacosas Barolo der Lage Rionda zeigte in der Farbe reifes
Rubin, anregenden Duft von Schokolade und am Gaumen dichte,
filigrane und weiche Tannine mit samtener Textur. Der Ornato von Pio
Cesare dagegen wirkte fast noch frisch in der Farbe, bestach mich
einem tiefgründigen Teer-und-Rosen-Bukett, in dem auch kandierte Früchte
mitklangen, und wirkte mit seiner Fülle und Frische, seinen noch
festen Tanninen wie ein Wein, der noch Jahre der Entwicklung vor
sich hat. Hinter den beiden Siegern wechselten die Stilrichtungen in
regelmäßigem Rhythmus. Auf zwei Weine traditionell orientierter
Erzeuger folgten drei der modernen Richtung, dann wieder zwei
Klassiker und immer so weiter.
Verschiedene
Stilrichtungen
Dass die Verkostungsrunde überhaupt
bemüht war, unter den zwanzig Weinen verschiedene Stilrichtungen
fest zu machen, war dabei einzig dem Wissen um eine der heftigsten
Diskussionen im italienischen Weinbau der vergangenen zwei
Jahrzehnte geschuldet. Ende der siebziger, Anfang der achtziger
Jahre war es, als sich im Piemont eine Gruppe junger Winzer daran
machte, das Erbe ihrer Väter auf den Kopf zu stellen. Ihre Motive
waren meist sehr pragmatischer Natur, denn Mitte der siebziger Jahre
war das Qualitäts- und Preisniveau der Weine aus Barolo und
Barbaresco auf einem Tiefststand angelangt, der auf dem sich
entwickelnden Welt-Weinmarkt definitiv ins Hintertreffen zu geraten
drohte und nicht einmal mehr das nackte Überleben sicherte. Warum,
so lautete die Frage der Jungen, war es nicht möglich, mit Weinen
von historischem Renommée und unbestreitbarem qualitativem
Potenzial Erfolg zu haben wie Franzosen und seit Neuestem auch
Kalifornier.
 
Die Türme der Trüffelstadt Alba und der Blick von La Morra
hinüber auf die Höhenzüge von Castiglione Falletto und Serralunga
d'Alba. In dieser beschaulichen Landschaft spielte sich in den
letzten eineinhalb Jahrzehnten eine der
heftigsten
Auseinandersetzungen der italienischen Weinbaugeschichte ab.
Wie schon im 19. Jahrhundert, als Barolo und Barbaresco nach dem
Muster der großen Bordeaux-Roten zu einem trockenen, kräftigen Gewächs
gestaltet wurden – übrigens von einem französischen Weinmacher
namens Oudart –, wandten sie sich wieder nach Frankreich, diesmal
allerdings ins nahe Burgund. Ende der siebziger und Anfang der
achtziger Jahre unternahmen viele der heutigen Winzerstars der
Region ausgedehnte Studienfahrten in die Weinbauorte der Côte
d’Or, um hier zu lernen, wie man qualitativ hochwertige Weine
erzeugen und diese gewinnbringend verkaufen konnte.
Was sie an Erkenntnissen aus dem
Burgund mitbrachten, war tatsächlich revolutionär. Wenn man gute
Weine erzeugen wollte, so die wichtigste Lehre, musste man im
Weinberg radikal auf niedrige und niedrigste Erträge setzten,
musste die Vinifizierung der Weine ändern, musste diese einem
systematischen Säureabbau unterziehen und durfte sie nicht mehr in
den traditionellen, meist auch schlecht gepflegten, alten Holzfässern
ausbauen.
Mitte der achtziger Jahre hatte sich
eine kleine Gruppe so genannter Modernisierer herausgebildet, der
Namen wie Angeolo Gaja in Barbaresco, Altare, Scavino, Clerico oder
Voerzio im Barolo-Gebiet und Giacomo Bologna in den Barbera-Lagen um
Asti angehörten. Jahr für Jahr setzten sie mehr von ihrem
neugewonnenen Wissen in die Praxis um, sammelten eigene Erfahrungen
und stellten im Laufe von weniger als einem halben Jahrzehnt die
gesamte Weinbergs- und Kellerarbeit der Region auf den Kopf.
Revolution in
Weinberg und Keller
Dass die Erträge für große Weine
niedriger liegen mussten, als in der Vergangenheit praktiziert,
wurde dabei zumindest als Lippenbekenntnis noch von den meisten
ihrer Kollegen akzeptiert. Schwieriger wurde es schon bei den Fragen
der Vinifizierung und des Ausbaus der Weine. Während die
traditionell orientierten Winzer an der althergebrachten, oft mehr
als einen Monat langen Standzeit festhielten und die Weine anschließend
in die klassichen, großen und vielfach benutzten Holzfässer
legten, setzten die Modernisierer auf teilweise extrem verkürzte
Maischung – der eine oder andere Barolo gärt heute nicht länger
als zwei, drei Tage auf den Schalen – und ließen die Weine
anschließend ein bis zwei Jahre in kleinen Fässchen aus neuem,
französischem Eichenholz, den so genannten Barriques, reifen. Der
Krieg zwischen Traditionalisten und Modernisten war eröffnet!
Wie schon bei der Entwicklung hin zum
kräftigen, trockenen Roten und bei der Füllung von
Einzellagen-Weine, waren die "barolisti" auch diesmal
wieder Vorreiter von Ideen und Konzepten, die auch den benachbarten
Barbaresco und später das gesamte Weinbau-Piemont erfassen sollten.
Statt wie bisher auf maximales Ausschöpfen der vom Gesetz erlaubten
Höchsterträge zu setzen, schnitten sie ihre Reben im Winter stark
an und dünnten im Sommer das Traubenmaterial radikal aus, um
Konzentration und Geschmacksintensität ihrer Weine zu erhöhen.
Statt der erlaubten 80 Hektoliter für jeden Hektar Weinbergsfläche,
erzielen die Konsequentesten unter ihnen heute manchmal nur noch 30,
35 oder 40 Hektoliter. „Eine Flasche pro Rebstock“ ist die
Menge, die sich beispielsweise Roberto Voerzio, einer der besten der
jungen Generation, zum Maß seiner Arbeit gesetzt hat.
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Zwei Große des Piemont, Bruno Giacosa (li) und Angelo Gaja, die
nicht nur zu den besten Erzeugern der Region gehören, sondern auch
mehr als viele andere für das Renommée des Gebiets taten. Während
Gaja den Modernisierern als Referenz diente, zitierten die
Traditionalisten gerne Giacosa. Der Wahrheit wurde beides nicht ganz
gerecht.
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Zu den Praktiken, die sie in ihrer
Kellerarbeit änderten, gehörten systematisches Entrappen der
Trauben vor dem Maischen, bis zum Extrem verkürzte Maischezeiten,
kurzfristiges Erhitzen der Maische vor dem Gären, Ausbau in neuen
Barriques statt in den alten, großen Holzfässern und relativ frühzeitiges
Abfüllen der Weine. Gründe für diese Maßnahmen gab es reichlich.
Vor allem durch die Veränderung der Maischezeiten wollte man dafür
sorgen, dass zwar Farb- und Geschmacksstoffe, nicht aber die beim
Nebbiolo oft harten oder gar bitteren Tannine aus den Schalen ausgelöst
wurden, was jahrelanges Reifen der Weine notwendig machte, bevor
diese zugänglich und trinkreif waren.
Kürzere
Standzeit und Barriques
Einer der Wortführer und Theoretiker
dieser Bewegung, Elio Altare aus La Morra, trieb die Verkürzung der
Standzeiten so weit auf die Spitze, dass er an Stelle der früher üblichen
ein bis eineinhalb Monate den Most nur noch zwei oder drei, maximal
aber fünf Tage auf der Maische ließ und dann abzog, um die Gärung
ohne Schalenkontakt zu vollenden. Sein Credo lautet, dass moderne
Weine schneller trinkreif, weicher und fruchtiger sein müssen als
in der Vergangenheit, ohne dadurch an Kraft, Komplexität und
Alterungsfähigkeit zu verlieren, was allerdings seiner Meinung nach
nur zutrifft, wenn das Ausgangsmaterial maximale Konzentration und
volle physiologische Reife mitbringt.
Gerade hier setzte die Kritik der
Traditionalisten ein, die überzeugt waren, dass nur der auf
althergebrachte Weise gemachte Barolo wirklich Jahrzehnte überdauern
konnte. Sie beriefen sich auf die großen Weine der Vergangenheit
wie den Monfortino Giacomo Conternos, den Monprivato Mauro
Mascarellos, auf die großen Lagenweine von Bruno Giacosa oder die
Klassiker von Prunotto und Fontanafredda. Ihr Vorwurf an die Adresse
der Modernisierer lautete, dass diese den Charakter und das
Geschmacksbild des Barolo verfälschten, aus ihm einen
verwechselbaren, internationalen Wein ohne eigenes Profil gemacht hätten.

Blick auf Barbaresco mit seinem charakteristischen Turm
Dass diese Kritik der Problematik nicht wirklich gerecht wird,
zeigte auch die erwähnte Verkostung, in der gealterte, trinkreife
Weine der beiden „Schulen“ nebeneinander standen. Unabhängig
von Vinifizierung und Ausbau zeigte sich bei den wirklich großen
Weinen – und das waren auch nach fünfzehn Jahren noch immer die,
die bereits in den ersten Monaten Struktur und Komplexität gezeigt
hatten – dass sich Charakter und Persönlichkeit des Nebbiolo in
Bukett und am Gaumen immer wieder durchsetzte. Voraussetzung
ist allerdings, dass die Weine aus wirklich ausgereiften Trauben großer
Jahrgänge stammten. Kleine Weine, nur mit ein wenig Vanille vom
neuen Holz „aufgepäppelt“ oder von unnötig langen Lagerzeiten
in großen Fässern ausgezehrt, sind nicht nur in der Jugend
unscheinbar und unharmonisch, sondern auch im Alter. Bei
Blindproben im Barolo-Gebiet, an denen vor einiger sowohl Anhänger
des modernen wie des traditionellen Lagers teilnahmen, war fast
keiner der Erzeuger in der Lage, anhand der gereiften Weine mit
Sicherheit zu sagen, ob es sich um ein Produkt des eigenen oder des
Stils der gegnerischen Seite handelte.
Das Castello der Marchesa Falletti in Barolo war im 19. Jahrhundert
Geburtsort des gleichnamigen
Weins. Bis dahin hatte man den Nebbiolo
meist süß und für den raschen Verzehr ausgebaut.
Wie so oft in großen Glaubenskriegen hatten am Ende der Schlacht
– besser, am Ende der fünfzehnjährigen Entwicklung – beide
Seiten ein wenig Recht. Nicht nur, dass viele der Traditionalisten
inzwischen weitgehende Zugeständnisse an den modernen Stil gemacht
haben. Sie vinifizieren mit deutlich kürzeren Maischezeiten –
zehn bis zwanzig Tage an Stelle der ursprünglichen vier bis sechs
Wochen – und bauen ihre Weine in deutlich kleineren und deutlich
neueren Holzfässern aus als früher. Auch viele der Modernisierer
haben den radikalsten Ideen abgeschworen wie Roberto Voerzio, der
seine Weine heute wieder bis zu 15 Tage auf der Maische gären lässt,
weil er glaubt, dass sie dadurch doch alterungsfähiger würden.
All das beweist, dass beim Wein
letztlich nur die Qualität aus dem Weinberg zählt, und dass der
Einfluss des Weinmachens immer nur konservierenden, nie kreierenden
Charakter haben kann. Immerhin aber hat der heftige Glaubenskrieg,
den die Modernisierer Mitte der achtziger Jahre losgetreten hatten,
ein Resultat gezeitigt, von dem heute alle Weinfreunde, ganz gleich
ob Anhänger des traditionellen oder des internationalen Stils,
profitieren: Die Qualität der Weine hat sich dramatisch verbessert
und das Gebiet erzeugt Spitzenweine in einer Dichte und Breite, wie
kaum ein anderes Anbaugebiet der Erde. Dass dabei auch Wohlstand in
diese einst arme Region einzog, ist eine Folge dieser Entwicklung,
mit der ihre Initiatoren ganz gewiss nicht unzufrieden sind.
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