ENO WorldWine
  

WorldWine Reportage

 

Homepage
Basiswissen
Editorial
EWW-News
Das Dokument

Gewinnspiel
Lexikon K&K

Modern Cooking
Neue Produkte

Portraits
Reportagen

Veranstaltungen
Verkostungen
Weinhighlights
Weinreisen
Weinwissen
Weltstatistik

Service/Archiv
EWW mobile
Fotoarchiv
Kartensuche EU

Kartensuche NAm
Kartensuche Oze
Kartensuche SAm

Leserbriefe
Linkpartner
Magazinarchiv
Newsarchiv
RSS Feeds
Terminplaner
Verkostungsarchiv
Volltextsuche
Weingutsdaten

Verlag
Anzeigenpreise
Mediastatistik

ENO-Bücher
Eno-Verlag

© 1997 - 2008 by
ENO-Verlag
GmbH

Postadresse:
Perckentinweg 27a

D - 22455 Hamburg
Tel: +49-40-47193475
Fax:+49-40-47193556 

info@enobooks.de
 

Geschäftsführer + 
verantw gem.§ 6 MDSV
Dr. Eckhard Supp
Firmensitz:
D - 63069 Offenbach
Amtsgericht OF
H-Reg. 5 HRB 842
U-ID: DE 114377683

Der ENO-Verlag hat auf die Gestaltung und den Inhalt der auf seinen Seiten verlinkten Fremdangebote keinen Einfluss und distanziert sich ausdrücklich von ihnen. Sobald uns rechts- bzw. sittenwidrige Elemente zur Kenntnis gelangen, werden die betreffenden Links entfernt.

PageRank Checker

Zu den bisherigen Portraits und Reportagen     

 

2002 

Krieg der Stile

von Eckhard Supp

Leidenschaftlich, oft sogar heftig, tobte die Auseinandersetzung, die in den vergangenen 15 Jahren das italienische Piemont erschütterte. Dabei ging es "nur" um Wein, besser gesagt, um die Frage, wer den besten, den "echtesten" und authentischsten Wein erzeugte. Schauplatz der Auseinandersetzungen war das Gebiet um die Stadt Alba, Anbaugebiet von Barolo und Barbaresco.

  
Herbst im Barolo-Gebiet: Zeit der Ernte und der Kellerarbeit
(Fotos: E. Supp) 

Die Verkostung in den Räumen des italienischen Spitzenrestaurants Poletto in Hamburg war für alle Teilnehmer denkwürdig. Auf dem Tisch standen jüngere und ausgereifte Barolos, Weine von insgesamt 14 verschiedenen Erzeugern und  unterschiedlichen Macharten. Kaum einen der Teilnehmer erstaunte die Tatasche, dass gleich drei Flaschen des außergewöhnlichen 90er Jahrgangs an der Spitze der Wertungen rangierten, eher schon verblüffte, dass weder geschmacklich noch in den Beurteilungen ein einschneidender Unterschied zwischen den Vertretern der unterschiedlichen Stilrichtungen auszumachen war.

Gewinner der Probe war ein Wein des Altmeisters Bruno Giacosa, viel zitierte Referenz von Weinmachern, für die das traditionelle, althergebrachte Bild des Barolo der Maßstab ihrer eigenen Arbeit ist. Aber schon auf dem zweiten Platz folgte ein Wein, der in seiner Machart deutlich moderner, internationaler wirkte. Giacosas Barolo der Lage Rionda zeigte in der Farbe reifes Rubin, anregenden Duft von Schokolade und am Gaumen dichte, filigrane und weiche Tannine mit samtener Textur. Der Ornato von Pio Cesare dagegen wirkte fast noch frisch in der Farbe, bestach mich einem tiefgründigen Teer-und-Rosen-Bukett, in dem auch kandierte Früchte mitklangen, und wirkte mit seiner Fülle und Frische, seinen noch festen Tanninen wie ein Wein, der noch Jahre der Entwicklung vor sich hat. Hinter den beiden Siegern wechselten die Stilrichtungen in regelmäßigem Rhythmus. Auf zwei Weine traditionell orientierter Erzeuger folgten drei der modernen Richtung, dann wieder zwei Klassiker und immer so weiter.

Verschiedene Stilrichtungen

Dass die Verkostungsrunde überhaupt bemüht war, unter den zwanzig Weinen verschiedene Stilrichtungen fest zu machen, war dabei einzig dem Wissen um eine der heftigsten Diskussionen im italienischen Weinbau der vergangenen zwei Jahrzehnte geschuldet. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war es, als sich im Piemont eine Gruppe junger Winzer daran machte, das Erbe ihrer Väter auf den Kopf zu stellen. Ihre Motive waren meist sehr pragmatischer Natur, denn Mitte der siebziger Jahre war das Qualitäts- und Preisniveau der Weine aus Barolo und Barbaresco auf einem Tiefststand angelangt, der auf dem sich entwickelnden Welt-Weinmarkt definitiv ins Hintertreffen zu geraten drohte und nicht einmal mehr das nackte Überleben sicherte. Warum, so lautete die Frage der Jungen, war es nicht möglich, mit Weinen von historischem Renommée und unbestreitbarem qualitativem Potenzial Erfolg zu haben wie Franzosen und seit Neuestem auch Kalifornier.


Die Türme der Trüffelstadt Alba und der Blick von La Morra hinüber auf die Höhenzüge von Castiglione Falletto und Serralunga d'Alba. In dieser beschaulichen Landschaft spielte sich in den letzten eineinhalb Jahrzehnten eine der
heftigsten Auseinandersetzungen der italienischen Weinbaugeschichte ab.

  
Wie schon im 19. Jahrhundert, als Barolo und Barbaresco nach dem Muster der großen Bordeaux-Roten zu einem trockenen, kräftigen Gewächs gestaltet wurden – übrigens von einem französischen Weinmacher namens Oudart –, wandten sie sich wieder nach Frankreich, diesmal allerdings ins nahe Burgund. Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre unternahmen viele der heutigen Winzerstars der Region ausgedehnte Studienfahrten in die Weinbauorte der Côte d’Or, um hier zu lernen, wie man qualitativ hochwertige Weine erzeugen und diese gewinnbringend verkaufen konnte.

Was sie an Erkenntnissen aus dem Burgund mitbrachten, war tatsächlich revolutionär. Wenn man gute Weine erzeugen wollte, so die wichtigste Lehre, musste man im Weinberg radikal auf niedrige und niedrigste Erträge setzten, musste die Vinifizierung der Weine ändern, musste diese einem systematischen Säureabbau unterziehen und durfte sie nicht mehr in den traditionellen, meist auch schlecht gepflegten, alten Holzfässern ausbauen.

Mitte der achtziger Jahre hatte sich eine kleine Gruppe so genannter Modernisierer herausgebildet, der Namen wie Angeolo Gaja in Barbaresco, Altare, Scavino, Clerico oder Voerzio im Barolo-Gebiet und Giacomo Bologna in den Barbera-Lagen um Asti angehörten. Jahr für Jahr setzten sie mehr von ihrem neugewonnenen Wissen in die Praxis um, sammelten eigene Erfahrungen und stellten im Laufe von weniger als einem halben Jahrzehnt die gesamte Weinbergs- und Kellerarbeit der Region auf den Kopf.

Revolution in Weinberg und Keller

Dass die Erträge für große Weine niedriger liegen mussten, als in der Vergangenheit praktiziert, wurde dabei zumindest als Lippenbekenntnis noch von den meisten ihrer Kollegen akzeptiert. Schwieriger wurde es schon bei den Fragen der Vinifizierung und des Ausbaus der Weine. Während die traditionell orientierten Winzer an der althergebrachten, oft mehr als einen Monat langen Standzeit festhielten und die Weine anschließend in die klassichen, großen und vielfach benutzten Holzfässer legten, setzten die Modernisierer auf teilweise extrem verkürzte Maischung – der eine oder andere Barolo gärt heute nicht länger als zwei, drei Tage auf den Schalen – und ließen die Weine anschließend ein bis zwei Jahre in kleinen Fässchen aus neuem, französischem Eichenholz, den so genannten Barriques, reifen. Der Krieg zwischen Traditionalisten und Modernisten war eröffnet!

Wie schon bei der Entwicklung hin zum kräftigen, trockenen Roten und bei der Füllung von Einzellagen-Weine, waren die "barolisti" auch diesmal wieder Vorreiter von Ideen und Konzepten, die auch den benachbarten Barbaresco und später das gesamte Weinbau-Piemont erfassen sollten. Statt wie bisher auf maximales Ausschöpfen der vom Gesetz erlaubten Höchsterträge zu setzen, schnitten sie ihre Reben im Winter stark an und dünnten im Sommer das Traubenmaterial radikal aus, um Konzentration und Geschmacksintensität ihrer Weine zu erhöhen. Statt der erlaubten 80 Hektoliter für jeden Hektar Weinbergsfläche, erzielen die Konsequentesten unter ihnen heute manchmal nur noch 30, 35 oder 40 Hektoliter. „Eine Flasche pro Rebstock“ ist die Menge, die sich beispielsweise Roberto Voerzio, einer der besten der jungen Generation, zum Maß seiner Arbeit gesetzt hat.


Zwei Große des Piemont, Bruno Giacosa (li) und Angelo Gaja, die nicht nur zu den besten Erzeugern der Region gehören, sondern auch mehr als viele andere für das Renommée des Gebiets taten. Während Gaja den Modernisierern als Referenz diente, zitierten die Traditionalisten gerne Giacosa. Der Wahrheit wurde beides nicht ganz gerecht.

Zu den Praktiken, die sie in ihrer Kellerarbeit änderten, gehörten systematisches Entrappen der Trauben vor dem Maischen, bis zum Extrem verkürzte Maischezeiten, kurzfristiges Erhitzen der Maische vor dem Gären, Ausbau in neuen Barriques statt in den alten, großen Holzfässern und relativ frühzeitiges Abfüllen der Weine. Gründe für diese Maßnahmen gab es reichlich. Vor allem durch die Veränderung der Maischezeiten wollte man dafür sorgen, dass zwar Farb- und Geschmacksstoffe, nicht aber die beim Nebbiolo oft harten oder gar bitteren Tannine aus den Schalen ausgelöst wurden, was jahrelanges Reifen der Weine notwendig machte, bevor diese zugänglich und trinkreif waren.

Kürzere Standzeit und Barriques

Einer der Wortführer und Theoretiker dieser Bewegung, Elio Altare aus La Morra, trieb die Verkürzung der Standzeiten so weit auf die Spitze, dass er an Stelle der früher üblichen ein bis eineinhalb Monate den Most nur noch zwei oder drei, maximal aber fünf Tage auf der Maische ließ und dann abzog, um die Gärung ohne Schalenkontakt zu vollenden. Sein Credo lautet, dass moderne Weine schneller trinkreif, weicher und fruchtiger sein müssen als in der Vergangenheit, ohne dadurch an Kraft, Komplexität und Alterungsfähigkeit zu verlieren, was allerdings seiner Meinung nach nur zutrifft, wenn das Ausgangsmaterial maximale Konzentration und volle physiologische Reife mitbringt.

Gerade hier setzte die Kritik der Traditionalisten ein, die überzeugt waren, dass nur der auf althergebrachte Weise gemachte Barolo wirklich Jahrzehnte überdauern konnte. Sie beriefen sich auf die großen Weine der Vergangenheit wie den Monfortino Giacomo Conternos, den Monprivato Mauro Mascarellos, auf die großen Lagenweine von Bruno Giacosa oder die Klassiker von Prunotto und Fontanafredda. Ihr Vorwurf an die Adresse der Modernisierer lautete, dass diese den Charakter und das Geschmacksbild des Barolo verfälschten, aus ihm einen verwechselbaren, internationalen Wein ohne eigenes Profil gemacht hätten.


Blick auf Barbaresco mit seinem charakteristischen Turm 

  
Dass diese Kritik der Problematik nicht wirklich gerecht wird, zeigte auch die erwähnte Verkostung, in der gealterte, trinkreife Weine der beiden „Schulen“ nebeneinander standen. Unabhängig von Vinifizierung und Ausbau zeigte sich bei den wirklich großen Weinen – und das waren auch nach fünfzehn Jahren noch immer die, die bereits in den ersten Monaten Struktur und Komplexität gezeigt hatten – dass sich Charakter und Persönlichkeit des Nebbiolo in Bukett und am Gaumen immer  wieder durchsetzte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Weine aus wirklich ausgereiften Trauben großer Jahrgänge stammten. Kleine Weine, nur mit ein wenig Vanille vom neuen Holz „aufgepäppelt“ oder von unnötig langen Lagerzeiten in großen Fässern ausgezehrt, sind nicht nur in der Jugend unscheinbar und unharmonisch, sondern auch im Alter.

Bei Blindproben im Barolo-Gebiet, an denen vor einiger sowohl Anhänger des modernen wie des traditionellen Lagers teilnahmen, war fast keiner der Erzeuger in der Lage, anhand der gereiften Weine mit Sicherheit zu sagen, ob es sich um ein Produkt des eigenen oder des Stils der gegnerischen Seite handelte.      

 
Das Castello der Marchesa Falletti in Barolo war im 19. Jahrhundert Geburtsort des gleichnamigen 
Weins. Bis dahin hatte man den Nebbiolo meist süß und für den raschen Verzehr ausgebaut.

   
Wie so oft in großen Glaubenskriegen hatten am Ende der Schlacht – besser, am Ende der fünfzehnjährigen Entwicklung – beide Seiten ein wenig Recht. Nicht nur, dass viele der Traditionalisten inzwischen weitgehende Zugeständnisse an den modernen Stil gemacht haben. Sie vinifizieren mit deutlich kürzeren Maischezeiten – zehn bis zwanzig Tage an Stelle der ursprünglichen vier bis sechs Wochen – und bauen ihre Weine in deutlich kleineren und deutlich neueren Holzfässern aus als früher. Auch viele der Modernisierer haben den radikalsten Ideen abgeschworen wie Roberto Voerzio, der seine Weine heute wieder bis zu 15 Tage auf der Maische gären lässt, weil er glaubt, dass sie dadurch doch alterungsfähiger würden.

All das beweist, dass beim Wein letztlich nur die Qualität aus dem Weinberg zählt, und dass der Einfluss des Weinmachens immer nur konservierenden, nie kreierenden Charakter haben kann. Immerhin aber hat der heftige Glaubenskrieg, den die Modernisierer Mitte der achtziger Jahre losgetreten hatten, ein Resultat gezeitigt, von dem heute alle Weinfreunde, ganz gleich ob Anhänger des traditionellen oder des internationalen Stils, profitieren: Die Qualität der Weine hat sich dramatisch verbessert und das Gebiet erzeugt Spitzenweine in einer Dichte und Breite, wie kaum ein anderes Anbaugebiet der Erde. Dass dabei auch Wohlstand in diese einst arme Region einzog, ist eine Folge dieser Entwicklung, mit der ihre Initiatoren ganz gewiss nicht unzufrieden sind.

Die bisherigen Reportagen und Portraits

Ein Teil der älteren Artikel ist nur zu mit Acrobat Reader zu öffnen. Sie können hier ihn kostenlos herunter laden.

Get Acrobat Reader 

Verzeichnis nach Ländern

Allgemeines Bio allein macht keinen guten Wein (2003)
Die Gesundheitsdebatte (2003)
Verkannte Neuzüchtungen (2002)
Kork - Die unendliche Geschichte (2002)
 
Australien Neue Welt mit Charme - Hunter Valley (2003)
Weinbau in den Roaring Fourties - Tasmanien (2002)
Edle Tropfen in down under - Südaustralien (2001)
 
Chile Die Erben der Konquistatoren (2002)
  
Deutschland Weingut direkt ... aus dem Internet (2004)
Der Bioprofessor vom Mittelrhein (2004)
Weinberg in Not - Homburger Kallmuth (2002)
Aufbruch in der Südpfalz (2002)

Weine von der Hütt' - St. Antony (2002)
Frankreich Klein und begehrt - Les-Baux-de-Provence (2003)
Champagne-sur-Loire - Bouvet Ladubay (2003)

Charles Philipponnat (2003)

Elsass von gestern? (2003)
Chablis - Der andere Chardonnay (2002)

Bordeaux-Connection (2002)

Ein Württemberger im Bordelais (2002)

Monsieur BiB - Bernard Ducourt (2002)

Achterbahn am Rhein - Das Elsass (2002)

Dom Pérignon und die Witwe - Champagne-Story (2000)

Tannat kommt von Tannin - Weine der Gascogne (2000)
Päpste, Händler, Genossen - Das Rhônetal (1999)
Süße, wilde Orchidee - Vanille auf Réunion (1999)
Kleiner Bruder mit Pfiff - Unbekannter Armagnac (1999)
Scharfes Handwerk - Das schönste Messer der Welt (1998)
Neuer Anlauf für Villages - Côtes-du Rhône auf dem deutschen Markt (1998)
Abschied vom deutschen Markt? - Das Elsaß übt sich im freien Fall (1998)
Der schüchterne Superstar - Syrah-Weine an der Rhône (1998)
Das Salz des Lebens - Guérande und seine Salzgärten (1998)
Großbritannien:  Whisky trails - Auf den Spuren der Schnapsbrenner in Schottland (1997)
 
Italien Ureinwohner - Südtirol (2003)
Neuer Wind - La Stoppa (2002)

Mode und Wein - Vittorio Giulini (2002)

Krieg der Stile - Barolo (2002)

Der Kämpfer von La Morra - Elio Altare (2002)

Marketing-Frühling in Südtirol - wein.kaltern (2002)

Im Schatten der Toskana - Die mittelitalienischen Regionen (2000)

Weinkarriere am Brenner - Das Trentino (1999)
Der Erfolg geht weiter - Italiens Prosecco sucht Identität (1998)
Die Revolution auf samtenen Füßen - Das Piemont auf dem Weg in die Moderne (1998)
Karriere mit Grenzen - Franciacorta - Italiens kleine Champagne (1998)
Der schlafende Riese - Das Piave-Gebiet (1998)
Die ideale Weinreise - Portrait des toskanischen Lebensgefühls (1997)
 
Kanada Okanagan - Kanadas Napa Valley (2006) 
Österreich Ambitionierte Genossen - Zantho (2002)
Gestörter Dornröschenschlaf - Stefan Köstenbauer (2002)

Viel Glück gehabt - Willi Bründlmayer (2002)

Miniatur-Toskana - Die Steiermark (1999)
 
Portugal Der Portwein, der keiner ist (2003)
 
Schweiz Energie pur: Marie-Thérèse Chappaz (2002)
 
Spanien Fino, Amontillado oder Oloroso - Jerez sucht seine Zukunft (2002)
Rioja 2002 - zwischen Tradition und Moderne (2002)
Das Jahrzehnt nach der Krise - Rioja wieder im Aufwind (1998)
 
Südafrika Der Visionär vom Kap - Alexander von Essen (2005)
Künstler am Kap - Christoph Dornier (2002)

Ein Land hat Hoffnung - Südafrika Teil 1 (2002)
, Teil 2 (2002)
Ästhet mit Mantra - Hamilton Russel (2002)
  
USA Der alte Mann und der Wein - Mondavi 90 (2003)
Verwöhnter Nordwesten - Washington (2002)

Burgunder-Träume in Carneros (2002)

Gallo - Ein Gigant macht sich schön (2002)

Großes Kalifornien-Dossier - Trends, Betriebe, Sorten, Export (1999)

It never rains in Southern California (1998)

Nicht nur Napa und Sonoma - Weinbau außerhalb Kaliforniens (1998)

 

eine Seite zurück
zwei Seiten zurück

Weinberg in Not
Der Homburger Kallmuth 

von Stephan Reinhardt

Der Homburger Kallmuth gehört zu den ältesten und beeindruckendsten terrassierten Weinbergslagen Deutschlands. Seinen 900. Geburtstag feiert man nicht sorglos, denn seine Mauern bröckeln und müssen umfassend und nachhaltig saniert werden. 

Mächtig und urwüchsig schroff erhebt sich der Kallmuth über die hügelige Landschaft bei Wertheim am Untermain. Wie eine antike Zuschauertribüne steigt der Gebirgsstock zwischen Lengfurt und Homburg am linken Ufer des Mains bis auf 285 Meter Höhe herauf. In seinem unteren Drittel befindet sich eine einmalige Weinbergslage, die - wie in den Jahren 2000 und 2001 - fulminante Rieslinge und Silvaner hervorbringen kann.

Seit 1200 Jahren

Bereits seit dem 8. Jahrhundert, so wird vermutet, werden im Kallmuth Reben kultiviert. Der erste urkundliche Nachweis stammt aus dem Jahre 1102. In diesem Jahr feiert daher das Weingut Fürst Löwenstein in Kreuzwertheim, seit 1957 alleiniger Besitzer der Urlage, 900 Jahre Homburger Kallmuth. Nicht ohne Sorgen, denn dem seit 1981 unter Denkmalschutz gestellten Weinberg droht der Verfall, wenn er nicht mit erheblichen finanziellen Mitteln umfassend saniert wird.

Um an den steilen Hängen Weinreben kultivieren zu können, wurden über die Jahrhunderte zahlreiche schmale Terrassen angelegt. Aus handgemeißelten, leuchtend roten Buntsandsteinen gebaut, haben sie  insgesamt eine Länge von 12 Kilometern. Mit den Jahrzehnten sammelte sich durch fortlaufende Erosion in den Ritzen der trocken aufeinander geschichteten Sandsteinmauern Feinerde an. Im Winter, wenn der Sand nass war und nicht mehr trocknete, gefror er, presste die Steine auseinander und sprengt so mit der Zeit das stabile Gefüge. Einige Passagen der unteren Mauern sind bereits zusammengefallen, und auch weiter oben ist der Zustand äußerst kritisch.

Passion und Verantwortung

Eine umfassende Instandsetzung der auf Buntsandstein- und Muschelkalkböden errichteten Anlage ist daher dringend notwendig. Sie ist jedoch enorm kostspielig und von einem mittelständischen Betrieb wie Löwenstein nicht alleine zu finanzieren. Schon der arbeitsintensive Weinanbau ist wirtschaftlich nicht rentabel. Es ist die Passion für die einzigartigen, vom spezifischen Kallmuth-Terroir geprägten Weine und die kulturhistorische Verantwortung, die den Fürsten und seinen Betriebsleiter und Weinmacher Robert Haller antreiben, den Kallmuth nicht verloren zu geben.

Die Kosten für die Gesamtsanierung schätzt Haller grob auf 4,8 Mio. Euro. Ein Drittel der Summe kann das Fürstenhaus selbst übernehmen, ein Teil übernimmt das Bayerische Landesdenkmalamt in München.

Weil aber ein Gesamtfinanzierungsplan nicht existiert, verhandelt das Fürstenhaus jedes Jahr aufs Neue mit möglichen Co-Finanziers: Ein zäher bürokratischer Prozess mit zahlreichen Anträgen, der vielleicht nicht gerade froh, aber doch immerhin ein wenig Hoffnung macht. In diesem Jahr übernimmt die private Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Bonn einen Anteil. „In etwa fünf Jahren“, hofft Haller, „werden wir vielleicht ein Drittel der historischen Mauern wiederhergestellt haben“. Es ist ein bescheidener Anfang, aber immerhin: es ist einer.