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Zu
den bisherigen Portraits und Reportagen
2005
Der Visionär vom
Kap
von Erich
Grasdorf
Alexander Baron von Essen hat sich den Traum vom
eigenen Weingut erfüllt und keines gekauft ... sondern eins aus
dem Nichts geschaffen: Capaia am Kap der Guten Hoffnung.
"Da
hauen wir noch vier Hektar rein", sagt Alexander Baron
von Essen und zeigt auf ein Stück Land in bester Lage an
der Nordostflanke des 376 Meter hohen Koebergs. Damit sind
dann die rund 60 Hektar Rebfläche komplett, die er sich für
den Endausbau seines Weinguts vorgenommen hatte.
Noch nie von Koeberg gehört? Kein Wunder. Der Koeberg gehört
zur südafrikanischen Coastal Region, genauer zum Distrikt Tygerberg und darin wiederum zur Gemarkung Olifants Kop,
und liegt nördlich und in Sichtweite von Kapstadt und Tafelberg. Koeberg war bis zum August 2000 eine absolut weinfreie Zone. Angebaut wurde
hier nur Weizen. Doch dann kam der Baron aus Deutschland und alles wurde
hier ein wenig anders.
Großwildjäger
mit Rennfahrerblut
Zur Person: Alexander Baron von Essen hat Berg- und Rundstreckenrennen gefahren, was man seinem Fahrstil
noch immer anmerkt. Die Passion für schnelle Autos erbte er
vom Vater, und eine BMW-Generalvertretung in Baden-Baden dazu. Die
verkaufte er bereits vor Zeiten und verschaffte sich damit eine gewisse Bewegungsfreiheit. Als er 1974 seine ebenfalls nicht auf Dornen gebettete Frau Ingrid ehelichte, gingen
die beiden auf Hochzeitsreise nach Namibia und dem damaligen Rhodesien. Seitdem sind beide Afrikafans. Der Baron hat die Lizenz zur
Grosswildjagd, ist mit König Juan Carlos und "den Hohenzollern" durch afrikanisches Gelände gepirscht. 1987 wurde
dann am Tegernsee die Weinhandelsgesellschaft Selection Alexander von Essen gegründet – ein floriendes Unternehmen. Aber
von Essen hatte die Vision, nicht nur mit Wein zu handeln, sondern
selbst Wein zu erzeugen. Das wiederum wusste Jan "Boland"
Coetzee, einstiger südafrikanischer Rugby-Nationalheros und
Eigner des berühmten Weinguts Vriesenhof in Stellenbosch und
einer derjenigen, deren Weine Alexander von Essen in
Deutschland vertrieb. Coetzee machte den Baron auf das Weizenland am Koeberg und dessen Eignung
für den Weinbau aufmerksam. Denn eines war klar: Der Baron wollte kein bestehendes Weingut erwerben, sondern bei Nullkommazero beginnen.
Ungar
mit internationalen Erfahrungen
1996 wurden durch neuseeländische Spezialisten erste Bodenanalysen gemacht. Sie waren so
verheissungsvoll, dass der Baron zugriff: "Ich habe den Berg gekauft."
Der Berg, das war eine 140-Hektar-Farm. Von Essen ließ
ganze Geschwader von Erdbewegungsmaschinen anrücken,
Rebzeilen anlegen und einen Staudamm bauen. Nebenbei wurde das
alte viktorianische Gutshaus renoviert. Und der Baron gewann den ungarischen Önologen Tibor
Gal,
einst Chefönologe auf dem toskanischen Renommiertweingut
Ornellaia, für sein Projekt Capaia. Nach Gals Vorstellungen wurden die der Schwerkraft folgenden kellertechnischen Abläufe festgelegt. Herzstück der 2002 fertig gestellten Kellerei sind
acht riesige Gärbottiche aus Eichenholz die je 8.000 Liter
fassen, sowie 26 weitere mit je 5.000 Liter Fassungsvermögen. Tanks solcher Ausmasse passen
natürlich in keinen Container, und so mussten die Küfer
eben aus Frankreich eingeflogen werden. In 3.676 Mannstunden fügten sie das Holz von dreihundert
Alliereichen sowie dreieinhalb Tonnen galvanisiertes Eisen zusammen. Versteht sich, dass auch die Barriques
von einem französischen Küfer stammen. Ohne Beispiel ist die hängende Förderanlage, welche die Trauben in
Minicontainern bis zum Tank bringt. Erst über dessen Öffnung werden sie
entrappt - ein äußerst schonendes Vorgehen. Die ersten Trauben wurden im Februar 2003 gelesen. Daraus wurde
zunächst einmal der Zweitwein des Hauses gekeltert, ein
Cabernet-Merlot-Verschnitt namens Blue Grove Hill. Ein beachtlicher Wein – nicht nur in Anbetracht der erstmals in Ertrag stehenden Reben. Man spürt dass Wirken Tibor Gals. Neben dem roten Blue Grove Hill
wurde mit dem Jahrgang 2004 ein Sauvignon blanc gleichen
Namens erzeugt. Der Wein, der den Namen des Weingutes möglichst weltweit bekannt machen
soll, ist der Capaia, der 2003 zum ersten Mal gekeltert
wurde. Auch wenn es von allen Weinen bis dato nur Fassproben gibt: Chapeau! Die Erstausgabe des Sauvignon blanc ist
aromaintensiv und säurebetont - absolut holzfrei, der Capaia eine gekonnte Komposition aus Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet
franc, dem der Petit Verdot den letzten Kick gibt. Das Ziel, in vier, fünf Jahren – und mit entsprechend älteren Reben – einen der ganz
grossen Weine vom Kap der guten Weine zu erzeugen, scheint
in Anbetracht der ersten Resultate realistisch. Noch ist alles auf Zuwachs angelegt. Dabei muss der Baron bereits bis anhin gewaltige Summen in seine Vision investiert haben. Ein zweistelliger Millionenbetrag,
Euro versteht sich, ist es allemal. Präziser will der Baron nicht werden. Immerhin lässt er nebenbei verlauten, dass ihn allein der Bau der Arbeiterhäuser zwei Millionen gekostet hat. Wann sich die Einlagen einmal
auszahlen sollen, lässt er offen. Fünfzehn, zwanzig oder mehr Jahre?
Aber wer fragt bei einem Denkmal schon nach dem Return on Investment?
Unser Punktesystem:
Weine
| -- / ??
|
offen fehlerhafter oder nicht
zu beurteilender Wein (Flaschenproblem) |
| * |
zu einfacher, evtl.
auch leicht fehlerhafter Wein, nicht empfehlenswert |
| ** |
Wein mit einem Minimum
an Qualitäten, akzeptabel wenn im unteren Preisbereich |
| *** |
befriedigender,
ansatzweise typischer Wein, angenehm zu trinken |
| **** |
guter bis sehr guter Vertreter
seiner Art und seines Jahrgangs |
| *****
|
Spitzenwein
von internationalem Format |
| *****
|
Traumweine,
die kleine Elite 1) |
| *
- **** ?
|
nicht
eindeutig zu bewertender Wein |
Weinproben von Eno WorldWine werden
soweit wie möglich unter optimalen Bedingungen, wenn es geht blind
durchgeführt, um eine eventuelle Verfälschung der Resultate,
Voreingenommenheit und Irrtümer auszuschalten. Auch dann aber sind
Verkostungs-Urteile immer nur subjektive Momentaufnahmen und hängen
nicht zuletzt von der Authentizität der Proben ab, die uns präsentiert
werden. Die Redaktion lehnt deshalb jede Haftung für Weine ab, deren
geschmackliche Qualitäten nicht den hier geschilderten Eindrücken
entsprechen. Unsere Bewertungen stellen eine Synthese aus aromatischem
und geschmacklichem Volumen, Typizität, Alterungsfähigkeit und
Trinkgenuss dar. Eno-Verlag distanziert sich ausdrücklich vom Inhalt
aller evtl. in diesen Reports verlinkten Seiten und übernimmt keinerlei
Verantwortung für die Verfügbarkeit der Weine sowie
für den Geschäftsverkehr mit den jeweiligen Firmen wird keine Haftung
übernommen.
1) Die
Unterscheidung zwischen Spitzen- und Traumweinen wird erst in unseren
Verkostungsreports ab Januar 2003 getroffen. Im Datenbank-Archiv sind
diese Traumweine mit *****+ gekennzeichnet.
Unser Punktesystem:
Weingüter
Die große Zahl von Verkostungen, die wir
in den letzten Jahren durchführen konnten, erlaubt es uns, auf dieser Basis jetzt auch die
Erzeugerbetriebe insgesamt zu bewerten. Um
diese Wertung deutlich gegenüber der Weinbewertung abzusetzen, vergeben
wir für Erzeuger maximal drei Sterne (@,
in älteren Reports auch P),
allerdings mit Zwischenstufen. Diese Weingutsbewertungen sind natürlich nur dort möglich, wo
wir eine gewisse Mindestanzahl Weine bzw. Jahrgänge verkosten konnten und
stellen eine Langzeitbewertung auf Basis der letzten 10 - 15 Jahrgänge dar, die vom Eindruck eines
bestimmten Tastingreports, d. h. einer Momentaufnahme, abweichen kann. Um die aktuelle Leistungsfähigkeit
eines Erzeugers korrekt einschätzen zu können, sollten daher immer
sowohl die Langzeitbewertung als auch die konkreten
Verkostungsergebnisse berücksichtigt werden.
| @@@ |
Die kleine
Elite der Region und des Landes, gehört zu den Spitzenweingütern
der Welt |
| @@ |
Sehr gute
Erzeuger mit stabiler Qualität |
| @ |
Erzeuger mit
meist guten Weinqualitäten |
| @ |
halbe Sterne |
EWW-Weinkategorien:
Um unseren Lesern jenseits aller
Herkunftsbezeichnungen und Geschmacksangaben auf den Etiketten einen
Hinweis zu geben, zu welchem Geschmackstyp die verkosteten Weine
gehören, haben wir das Weinspektrum in 14 Kategorien
eingeteilt, die ab 2006 hin und wieder zusätzlich zu den Bewertungen angeführt werden:
| 1 |
Leichte,
trockene Weißweine |
| 2 |
Kräftige,
trockene Weißweine |
| 3 |
Roséweine |
| 4 |
Leichte,
fruchtbetonte Rotweine |
| 5 |
Fruchtbetonte,
kräftige Rotweine |
| 6 |
Tanninbetonte,
kräftige Rotweine |
| 7 |
Schwere,
alkoholreiche Rotweine |
| 8 |
Deutlich
restsüße bzw. süße Weißweine |
| 9 |
Liebliche
bzw. süße Rotweine |
| 10 |
Edelsüße
und Eis-/Strohweine |
| 11 |
Trockene Likörweine |
| 12 |
Süße Likörweine |
| 13 |
Perlweine |
| 14 |
Schaumweine |
Natürlich ist eine solche, grobe
Kategorisierung zwangsläufig immer unvollkommen. Innerhalb jeder
einzelnen Gruppe wären beispielsweise Untergruppen vorstellbar. Man
könnte bei den leichten, trockenen Weißen zwischen den aromatisch
neutraleren und den Bukettweinen mit ausgeprägtem Sortenduft
unterscheiden. Bei den Edelsüßen könnte man darüber streiten, ob
nicht eine Unterteilung in alkoholschwache und alkoholreiche Weine
sinnvoll wäre, und bei den alkoholreichen Roten darüber, ob ihr nur
spezielle Weintypen wie der italienische Amarone angehören oder
generell alle Rotweine aus heißen Anbaugebieten bzw. heißen Jahren,
wenn sie ebenfalls hohe Gradationen erreichen. Aber eine solche,
weitergehende Untergliederung würde dem wichtigsten Nutzen dieser
Einteilung zuwider laufen – dem nämlich, dem Verbraucher eine erste
Orientierung im Ozean der Weintypen zu bieten.
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