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Zu den bisherigen Portraits und Reportagen     

  

2003 

Herr im einstmals eigenen Hause

Charles Philipponnat

von Erich Grasdorf

 

Es ist Samstag. Die Türen des ehemaligen Stammsitzes der Vicomtes de Mareuil sind geschlossen und bleiben es vorerst auch. Vergeblich sucht Charles Philipponnat nach einer Anleitung, um die Alarmanlage auszuschalten. Erst nach drei Telefonaten erreicht er einen Mitarbeiter, der weiß, wie es geht. Jetzt erst ist der Weg frei in die beeindruckenden Gewölbekeller und zu den eleganten Interieurs eines der renommiertesten Champagnerhäuser: Philipponnat in Mareuil-sur-Aÿ im Osten der Champagner-Hochburg Épernay.

     

Charles Philipponnat ist hier der Herr im Hause. Und das, obwohl das Unternehmen seit geraumer Zeit nicht mehr seiner Familie gehört, sondern der Gruppe Boizel Chanoine, die auch die bekannte Marke Champagne De Venoge besitzt. An die Spitze von Champagne Philipponnat war der Erbe der Philipponnat-Dynastie denn auch nur auf Umwegen gelangt. Viele Jahre lang war der graduierte Jurist für den Konkurrenten Moët & Chandon im nahen Épernay tätig und baute nach Zwischenstationen in Australien und New York die Bodegas Chandon im argentinischen Mendoza auf. Hier erreichte ihn 1998 der Ruf aus der Heimat, der für ihn, seine Frau und die vier Kinder den fünfzehnten Umzug in nur dreizehn Jahren zur Folge hatte.

Eigenständige Produkte

So zurückhaltend Philipponnat auftritt und so kurz sein Engagement im Hause seiner Vorfahren erst ist, der Stolz auf das Unternehmen, seine Geschichte und seine Erzeugnisse ist deutlich spürbar und auch durchaus berechtigt, vor allem was die Produkte betrifft. Philipponnat-Champagner sind sehr eigenständige Kreationen, die nichts mit der Masse der Markenchampagner zu tun haben. In der Fachsprache bezeichnet man sie meist als körperreich und fleischig.
 


Charles Philipponnat, stolzer Chef im Hause, das einst seiner Familie gehörte. Der Firmensitz ist im Stammsitz der Vicomtes de Mareuil untergebracht. (Firmenfotos)


"Was wir produzieren, sind Weine, die wie Champagner gemacht sind", erklärt Phlipponnat, und deshalb eignen Philipponnat-Champagner sich auch besonders gut als Speisenbegleiter, eine Qualität, die sie mit denen von Krug teilen, die ebenfalls kaum als Aperitif gedacht sind. Liebhaber dekantieren die Weine, deren Opulenz von einem Pinot-noir-Anteil von bis zu 70 Prozent stammt, sogar.

Schwierige Lage

Ausnahme von dieser Regel ist der Blanc de Blancs. Er zeigt eine deutliche Toastnote, die allerdings nicht vom Holzausbau sondern vom Hefelager stammt, und ist mit imposanter Fülle und klarer Struktur gesegnet - weltweit wohl einer der besten "unwooded" Chardonnay-Schaumweine überhaupt. "So wie ein Mädchen burschikos wird, wenn es unter lauter Jungen aufwächst, hat unser Chardonnay gewisse Züge des Pinot noir angenommen", lautet Charles Philipponnats nicht unbedingt Ernst gemeinte Erklärung dieses Charakters.

Was für Krug der "Clos du Mesnil" ist für Philiponnat der "Clos des Goisses", eine ummauerte Spitzenlage, die für Jahrgangs-Lagenchampagner von Spitzenniveau gut ist. Während aber der Clos du Mesnil an der Côte des Blancs ausschließlich mit Chardonnay bestockt ist, wachsen im Clos des Goisses (mehr) Rot und (wenig) Weiß nebeneinander.  
 


Die alten Gewölbekeller und die Weinberge von Philipponnat 


Goisses ist der alte Dialektausdruck für "schwierig", und tatsächlich handelt es sich bei diesem Hang um ein sehr schwer zu bearbeitendes Stück Rebland mit speziellem Mikroklima. Die am Rande von Mareuil-sur-Aÿ aufragende Steillage hat eine Neigung von 25 bis 45 Prozent, und ihre Wärme speichernden Kreideböden sind exakt nach Süden ausgerichtet.

Das beste Drittel dessen, was im Clos des Goisses gelesen wird, ergibt die 15.000 bis 20.000 Flaschen des Champagners gleichen Namens, der seine erste Gärung in Eichenholzfässern absolviert. Und zwar getrennt nach den fünfzehn Parzellen des Clos. Die Auswahl für die endgültige Komposition wird erst später getroffen.

Riesige Kellerkapazität 

Auch der Pinot-Anteil für die Prestige-Cuvée Le Reflet stammt von diesem Weinberg, und in manchen Jahren findet sich selbst in der Royal Reserve Brut, die 80 Prozent der Gesamtproduktion von Philipponnat stellt, noch Wein von hier. Neben dem Clos des Goisses besitzt das Haus noch weitere knapp zwölf Hektar eigenes Rebland, das weit verstreut in der Umgebung von Épernay liegt.

Um auf die jährliche Gesamtproduktion von 500.000 Flaschen zu kommen, müssen jedoch gut zwei Drittel der verarbeiteten Trauben von anderen Winzern zugekauft werden. Mit dieser halben Million Flaschen gehört die Firma dabei eindeutig zu den kleineren Erzeugern. Zum Vergleich: Moët & Chandon, Charles Philipponnats alter Arbeitgeber, liefert jährlich 20 Millionen Flaschen aus.

Auch ein kleines Haus benötigt aber viel Kellerkapazität, wenn die Champagner zwischen zwei und zehn Jahren auf der Hefe reifen sollen. In den Gewölben von Philipponnat lagern ständig rund 2,5 Millionen Flaschen, davon alleine 400.000 direkt unter dem Verwaltungsgebäude in Mareuil, dem so genannten Clos-des-Goisses-Keller.

Lagern können die Weine von Philipponnat auch, wenn sie einmal degorgiert und verkauft worden sind. Vor dem gerade erst trinkreifen 1990er Jahrgangs-Champagner liegt noch so manch gutes Jahr, und der 1980er macht auch heute noch Spass. Noch viel mehr gilt das für den 1985er mit seiner enormen Pinot-noir-Konzentration.

Charles Philipponnat jedenfalls weiß, warum er den Wein zu seinem Beruf gemacht hat: "Eigentlich bin ich faul. Also habe ich mir eine Arbeit gesucht, die so viel Spass macht, dass sie mir nicht schwer fällt." Auch das war aber wohl nicht allzu Ernst gemeint.
 

Champagne Philipponnat, 13 rue du Pont, Mareuil, F - 51160 Aÿ, Tel: +33-(0)326569300, Fax: +33-(0)326569318, e-mail: info@champagnephilipponnat.com, Website: www.champagnephilipponnat.com 

Unser Punktesystem: Weine
 
-- / ?? offen fehlerhafter oder nicht zu beurteilender Wein (Flaschenproblem)
* zu einfacher, evtl. auch leicht fehlerhafter Wein, nicht empfehlenswert
** Wein mit einem Minimum an Qualitäten, akzeptabel wenn im unteren Preisbereich 
*** befriedigender, ansatzweise typischer Wein, angenehm zu trinken
**** guter bis sehr guter Vertreter seiner Art und seines Jahrgangs
***** Spitzenwein von internationalem Format
***** Traumweine, die kleine Elite 1)
* - **** ? nicht eindeutig zu bewertender Wein

Weinproben von Eno WorldWine werden soweit wie möglich unter optimalen Bedingungen, wenn es geht blind durchgeführt, um eine eventuelle Verfälschung der Resultate, Voreingenommenheit und Irrtümer auszuschalten. Auch dann aber sind Verkostungs-Urteile immer nur subjektive Momentaufnahmen und hängen nicht zuletzt von der Authentizität der Proben ab, die uns präsentiert werden. Die Redaktion lehnt deshalb jede Haftung für Weine ab, deren geschmackliche Qualitäten nicht den hier geschilderten Eindrücken entsprechen. Unsere Bewertungen stellen eine Synthese aus aromatischem und geschmacklichem Volumen, Typizität, Alterungsfähigkeit und Trinkgenuss dar. Eno-Verlag distanziert sich ausdrücklich vom Inhalt aller evtl. in diesen Reports verlinkten Seiten und übernimmt keinerlei Verantwortung für die Verfügbarkeit der Weine sowie für den Geschäftsverkehr mit den jeweiligen Firmen wird keine Haftung übernommen.

1) Die Unterscheidung zwischen Spitzen- und Traumweinen wird erst in unseren Verkostungsreports ab Januar 2003 getroffen. Im Datenbank-Archiv sind diese Traumweine mit *****+ gekennzeichnet.

Unser Punktesystem: Weingüter

Die große Zahl von Verkostungen, die wir in den letzten Jahren durchführen konnten, erlaubt es uns, auf dieser Basis jetzt auch die Erzeugerbetriebe insgesamt zu bewerten. Um diese Wertung deutlich gegenüber der Weinbewertung abzusetzen, vergeben wir für Erzeuger maximal drei Sterne (@, in älteren Reports auch P), allerdings mit Zwischenstufen. Diese Weingutsbewertungen sind natürlich nur dort möglich, wo wir eine gewisse Mindestanzahl Weine bzw. Jahrgänge verkosten konnten und stellen eine Langzeitbewertung auf Basis der letzten 10 - 15 Jahrgänge dar, die vom Eindruck eines bestimmten Tastingreports, d. h. einer Momentaufnahme, abweichen kann. Um die aktuelle Leistungsfähigkeit eines Erzeugers korrekt einschätzen zu können, sollten daher immer sowohl die Langzeitbewertung als auch die konkreten Verkostungsergebnisse berücksichtigt werden.

@@@ Die kleine Elite der Region und des Landes, gehört zu den Spitzenweingütern der Welt
@@ Sehr gute Erzeuger mit stabiler Qualität
@ Erzeuger mit meist guten Weinqualitäten 
@ halbe Sterne 

EWW-Weinkategorien:

Um unseren Lesern jenseits aller Herkunftsbezeichnungen und Geschmacksangaben auf den Etiketten einen Hinweis zu geben, zu welchem Geschmackstyp die verkosteten Weine gehören, haben wir das Weinspektrum in 14 Kategorien eingeteilt, die ab 2006 hin und wieder zusätzlich zu den Bewertungen angeführt werden:

1 Leichte, trockene Weißweine 
2 Kräftige, trockene Weißweine
3 Roséweine
4 Leichte, fruchtbetonte Rotweine
5 Fruchtbetonte, kräftige Rotweine
6 Tanninbetonte, kräftige Rotweine
7 Schwere, alkoholreiche Rotweine
8 Deutlich restsüße bzw. süße Weißweine
9 Liebliche bzw. süße Rotweine
10 Edelsüße und Eis-/Strohweine
11 Trockene Likörweine
12 Süße Likörweine
13 Perlweine
14 Schaumweine

Natürlich ist eine solche, grobe Kategorisierung zwangsläufig immer unvollkommen. Innerhalb jeder einzelnen Gruppe wären beispielsweise Untergruppen vorstellbar. Man könnte bei den leichten, trockenen Weißen zwischen den aromatisch neutraleren und den Bukettweinen mit ausgeprägtem Sortenduft unterscheiden. Bei den Edelsüßen könnte man darüber streiten, ob nicht eine Unterteilung in alkoholschwache und alkoholreiche Weine sinnvoll wäre, und bei den alkoholreichen Roten darüber, ob ihr nur spezielle Weintypen wie der italienische Amarone angehören oder generell alle Rotweine aus heißen Anbaugebieten bzw. heißen Jahren, wenn sie ebenfalls hohe Gradationen erreichen. Aber eine solche, weitergehende Untergliederung würde dem wichtigsten Nutzen dieser Einteilung zuwider laufen – dem nämlich, dem Verbraucher eine erste Orientierung im Ozean der Weintypen zu bieten.

Die bisherigen Reportagen und Portraits

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Verzeichnis nach Ländern

Allgemeines Bio allein macht keinen guten Wein (2003)
Die Gesundheitsdebatte (2003)
Verkannte Neuzüchtungen (2002)
Kork - Die unendliche Geschichte (2002)
 
Australien Neue Welt mit Charme - Hunter Valley (2003)
Weinbau in den Roaring Fourties - Tasmanien (2002)
Edle Tropfen in down under - Südaustralien (2001)
 
Chile Die Erben der Konquistatoren (2002)
  
Deutschland Weingut direkt ... aus dem Internet (2004)
Der Bioprofessor vom Mittelrhein (2004)
Weinberg in Not - Homburger Kallmuth (2002)
Aufbruch in der Südpfalz (2002)

Weine von der Hütt' - St. Antony (2002)
Frankreich Klein und begehrt - Les-Baux-de-Provence (2003)
Champagne-sur-Loire - Bouvet Ladubay (2003)

Charles Philipponnat (2003)

Elsass von gestern? (2003)
Chablis - Der andere Chardonnay (2002)

Bordeaux-Connection (2002)

Ein Württemberger im Bordelais (2002)

Monsieur BiB - Bernard Ducourt (2002)

Achterbahn am Rhein - Das Elsass (2002)

Dom Pérignon und die Witwe - Champagne-Story (2000)

Tannat kommt von Tannin - Weine der Gascogne (2000)
Päpste, Händler, Genossen - Das Rhônetal (1999)
Süße, wilde Orchidee - Vanille auf Réunion (1999)
Kleiner Bruder mit Pfiff - Unbekannter Armagnac (1999)
Scharfes Handwerk - Das schönste Messer der Welt (1998)
Neuer Anlauf für Villages - Côtes-du Rhône auf dem deutschen Markt (1998)
Abschied vom deutschen Markt? - Das Elsaß übt sich im freien Fall (1998)
Der schüchterne Superstar - Syrah-Weine an der Rhône (1998)
Das Salz des Lebens - Guérande und seine Salzgärten (1998)
Großbritannien:  Whisky trails - Auf den Spuren der Schnapsbrenner in Schottland (1997)
 
Italien Ureinwohner - Südtirol (2003)
Neuer Wind - La Stoppa (2002)

Mode und Wein - Vittorio Giulini (2002)

Krieg der Stile - Barolo (2002)

Der Kämpfer von La Morra - Elio Altare (2002)

Marketing-Frühling in Südtirol - wein.kaltern (2002)

Im Schatten der Toskana - Die mittelitalienischen Regionen (2000)

Weinkarriere am Brenner - Das Trentino (1999)
Der Erfolg geht weiter - Italiens Prosecco sucht Identität (1998)
Die Revolution auf samtenen Füßen - Das Piemont auf dem Weg in die Moderne (1998)
Karriere mit Grenzen - Franciacorta - Italiens kleine Champagne (1998)
Der schlafende Riese - Das Piave-Gebiet (1998)
Die ideale Weinreise - Portrait des toskanischen Lebensgefühls (1997)
 
Kanada Okanagan - Kanadas Napa Valley (2006) 
Österreich Ambitionierte Genossen - Zantho (2002)
Gestörter Dornröschenschlaf - Stefan Köstenbauer (2002)

Viel Glück gehabt - Willi Bründlmayer (2002)

Miniatur-Toskana - Die Steiermark (1999)
 
Portugal Der Portwein, der keiner ist (2003)
 
Schweiz Energie pur: Marie-Thérèse Chappaz (2002)
 
Spanien Fino, Amontillado oder Oloroso - Jerez sucht seine Zukunft (2002)
Rioja 2002 - zwischen Tradition und Moderne (2002)
Das Jahrzehnt nach der Krise - Rioja wieder im Aufwind (1998)
 
Südafrika Der Visionär vom Kap - Alexander von Essen (2005)
Künstler am Kap - Christoph Dornier (2002)

Ein Land hat Hoffnung - Südafrika Teil 1 (2002)
, Teil 2 (2002)
Ästhet mit Mantra - Hamilton Russel (2002)
  
USA Der alte Mann und der Wein - Mondavi 90 (2003)
Verwöhnter Nordwesten - Washington (2002)

Burgunder-Träume in Carneros (2002)

Gallo - Ein Gigant macht sich schön (2002)

Großes Kalifornien-Dossier - Trends, Betriebe, Sorten, Export (1999)

It never rains in Southern California (1998)

Nicht nur Napa und Sonoma - Weinbau außerhalb Kaliforniens (1998)

 

  

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