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Zu
den bisherigen Portraits und Reportagen
2002
Weine von der
Hütt'
von Eckhard Supp
Wenn
ein Weingut von den Einheimischen die "Hütt“ genannt wird,
ist das an sich schon ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher als
dieser Name aber, der mit Weinbau wenig zu tun haben scheint, sind
die feinen Rieslinge und Silvaner, die Alexander Michalsky mit
tatkräftiger Unterstützung seiner Frau Ute auf Sankt Antony im
rheinhessischen Nierstein aus den Trauben der besten Lagen von der
Rheinfront keltert.
Es gibt
Leute, die glauben nicht an Zufälle oder das Schicksal, aber bei
den Michalskys hat das Schicksal wohl doch von Zeit zu Zeit mitgewürfelt.
Oder war es vielleicht kein schicksalhafter Zufall, dass sich
Alexander Michalsky und seine Frau Ute beim Studium in Gießen
kennen lernten – sie in Ernährungswissenschaft, er in
Landwirtschaft eingeschrieben –, obwohl sie sich, wie er betont,
„lange aus dem Weg gingen“? Immerhin teilten sie ja eine
gemeinsame Leidenschaft für Wein, wie sich herausstellen sollte!
Alexander
und Ute Michalsky in ihrem Keller "auf der Hütt'", dem
Weingut St. Antony in Nierstein. (Firmenfoto)
Reiner Zufall vielleicht auch, dass sich die Gutehoffnungshütte
1912 für den Kalkabbau in Nierstein, in direkter Nachbarschaft der
berühmten Weinberge des sogenannten Rotliegenden, entschied? Dass
man hier nach dem Ersten Weltkrieg ein eigenes Weingut gründete,
welches bei den Einheimischen den Namen „Die Hütt‘“ bekam?
Nun, immerhin sind die kalkhaltigen Böden besonders geeignet für
die Produktion feiner Weine, und dass es nach dem Krieg besser war,
die Leute im Weinberg zu beschäftigen, als sie auf der Straße zu
lassen, liegt ebenso auf der Hand.
Natürlich
war es Zufall, dass kurz nach der Übernahme des Betriebs durch die
beiden im Jahre 1977 – Ute Michalsky, die Autodidaktin, wollte die
Weinanalysen machen, um im Betrieb „mitreden zu können“ – der
Inhaber eines bekannten Niersteiner Labors verstarb, und eine Marktlücke
freiwurde? Wahrscheinlich waren aber auch in diesem Fall eher
Tatkraft und Entschlossenheit die wirklichen Ursachen dafür, dass
sie in die Lücke hineinstieß und ihr Weinlabor schnell zu einem
der angesehensten in Rheinhessen machte. Selbst die Konkurrenten
Ihres Mannes vertrauen heute ihren Ratschlägen und Analysen –
„Wie macht denn der seine Weine?“ – und er profitiert genauso
von der engen Zusammenarbeit. „Manchmal gehn wir uns schon auf die
Nerven mit dem ständigen „Probier‘ mal!“ an den andern, wenn
der gar nicht in der Stimmung ist“, bekennen beide allerdings. Das
Schmunzeln ist nicht zu übersehen!
Spezialist
für trockenen Riesling
Mit Sicherheit kein
Zufall ist es, dass der Betrieb der Michalskys – mit der
Einverleibung der Gutehoffnungshütte in den MAN-Konzern 1995 wurde
er nach der ältesten Eisenhütte des Ruhrgebiets, Sankt Antony,
benannt – heute als eines der drei besten Güter Rheinhessens
gilt. Seine Kompetenz – nach dem Studium in Gießen studierte
Alexander Michalsky noch an der Weinbauschule in Geisenheim – und
beider geübte Zungen wie auch Fähigkeit zur Selbstkritik sorgen
dafür, dass die Weine seit Jahren so sortentypisch und reintönig
sind, wie man es hier nur selten findet.
Nicht jedem Weinpapst gefallen sie, die Michalski'schen Weine, vor
allem, seit „trocken“ bei den Kritikern wieder passé,
„halbtrocken“ und „lieblich“ angesagt zu sein scheint. Denn
Michalskys Gewächse sind zu 90 Prozent trocken. Vier, fünf,
manchmal auch sieben oder acht Gramm Restsüße läßt er ihnen
maximal, um der Säure die störende Spitze zu nehmen. Gelegentlich
greift er sogar zum Mittel des biologischen Säureabbaus, um die
Weine auch für empfindliche Mägen verträglicher zu machen. Dass
bei den niedrigen Erträgen, auf die sich Michalsky beschränkt –
50, 55 Hektoliter pro Hektar, in Spitzenlagen auch nur 35, statt der
üblichen 110 –, die Weine extraktreich und geschmacksintensiv
geraten, versteht sich von selbst.
Vor
allem kommt es ihm darauf an, die Charakteristika seiner besten
Lagen herauszuarbeiten, allesamt Teil des sogenannten Rotliegenden.
Das ist eine in von der Saar bis an die Saale, quer zum
Rhein-Grabenbruch verlaufende Tonschiefer-Schicht, die sich nur hier
an der Oberfläche zeigt und dem Riesling hervorragende Bedingungen
bietet. Süd- und Südosthänge sind es meist, wie der Orbel und der
Oelberg, aber auch Pettenthal, die nördlichste Niersteiner Lage,
bringt trotz ihrer eigentlich ungünstigen Ostlage hervorragende
Weine hervor. „Der Wärmespeicher Rhein sorgt für das richtige
Klima und am Steilhang geraten die Rieslinge fast moselartig“,
erklärt Michalsky.
Silvaner
und Rote im Riesling-Land
Ungewöhnliche
Vorlieben hat Michalsky ansonsten. Für den Silvaner beispielsweise.
„Der wird meist unterschätzt und stiefmütterlich behandelt, kann
aber in guten Lagen manchmal fast rassiger werden, als der Riesling.
Dazu braucht er vor allem Kalk im Boden. Löß läßt ihn breiter
und plumper werden, genauso, wie die zu späte Lese.“ Noch ungewöhnlicher,
hier an der Rheinfront, dem Renommierstück Rheinhessens, ist die
Aufmerksamkeit, die den Roten gilt. Der Dornfelder ist so
blitzsauber und fruchtbetont, wie man es hier nicht erwarten würde.
Natürlich
ruhen sich die Michalskys nicht auf ihren Lorbeeren aus. Mehr Rote
wollen sie produzieren, bei den Rieslingen nur noch die Top-Weine
unter dem Lagennamen verkaufen, diese dann offensiv als „Erste Gewächse“
vermarkten, was bislang nur schüchtern in einer Fußnote der
Preisliste geschieht. Dem Zufall jedenfalls, so sehr der vielleicht
gelegentlich seine Hand im Spiel haben mag, überlassen die beiden
kaum etwas! Schon gar nicht ihre Weine!
Unser Punktesystem:
Weine
| -- / ??
|
offen fehlerhafter oder nicht
zu beurteilender Wein (Flaschenproblem) |
| * |
zu einfacher, evtl.
auch leicht fehlerhafter Wein, nicht empfehlenswert |
| ** |
Wein mit einem Minimum
an Qualitäten, akzeptabel wenn im unteren Preisbereich |
| *** |
befriedigender,
ansatzweise typischer Wein, angenehm zu trinken |
| **** |
guter bis sehr guter Vertreter
seiner Art und seines Jahrgangs |
| *****
|
Spitzenwein
von internationalem Format |
| *****
|
Traumweine,
die kleine Elite 1) |
| *
- **** ?
|
nicht
eindeutig zu bewertender Wein |
Weinproben von Eno WorldWine werden
soweit wie möglich unter optimalen Bedingungen, wenn es geht blind
durchgeführt, um eine eventuelle Verfälschung der Resultate,
Voreingenommenheit und Irrtümer auszuschalten. Auch dann aber sind
Verkostungs-Urteile immer nur subjektive Momentaufnahmen und hängen
nicht zuletzt von der Authentizität der Proben ab, die uns präsentiert
werden. Die Redaktion lehnt deshalb jede Haftung für Weine ab, deren
geschmackliche Qualitäten nicht den hier geschilderten Eindrücken
entsprechen. Unsere Bewertungen stellen eine Synthese aus aromatischem
und geschmacklichem Volumen, Typizität, Alterungsfähigkeit und
Trinkgenuss dar. Eno-Verlag distanziert sich ausdrücklich vom Inhalt
aller evtl. in diesen Reports verlinkten Seiten und übernimmt keinerlei
Verantwortung für die Verfügbarkeit der Weine sowie
für den Geschäftsverkehr mit den jeweiligen Firmen wird keine Haftung
übernommen.
1) Die
Unterscheidung zwischen Spitzen- und Traumweinen wird erst in unseren
Verkostungsreports ab Januar 2003 getroffen. Im Datenbank-Archiv sind
diese Traumweine mit *****+ gekennzeichnet.
Unser Punktesystem:
Weingüter
Die große Zahl von Verkostungen, die wir
in den letzten Jahren durchführen konnten, erlaubt es uns, auf dieser Basis jetzt auch die
Erzeugerbetriebe insgesamt zu bewerten. Um
diese Wertung deutlich gegenüber der Weinbewertung abzusetzen, vergeben
wir für Erzeuger maximal drei Sterne (@,
in älteren Reports auch P),
allerdings mit Zwischenstufen. Diese Weingutsbewertungen sind natürlich nur dort möglich, wo
wir eine gewisse Mindestanzahl Weine bzw. Jahrgänge verkosten konnten und
stellen eine Langzeitbewertung auf Basis der letzten 10 - 15 Jahrgänge dar, die vom Eindruck eines
bestimmten Tastingreports, d. h. einer Momentaufnahme, abweichen kann. Um die aktuelle Leistungsfähigkeit
eines Erzeugers korrekt einschätzen zu können, sollten daher immer
sowohl die Langzeitbewertung als auch die konkreten
Verkostungsergebnisse berücksichtigt werden.
| @@@ |
Die kleine
Elite der Region und des Landes, gehört zu den Spitzenweingütern
der Welt |
| @@ |
Sehr gute
Erzeuger mit stabiler Qualität |
| @ |
Erzeuger mit
meist guten Weinqualitäten |
| @ |
halbe Sterne |
EWW-Weinkategorien:
Um unseren Lesern jenseits aller
Herkunftsbezeichnungen und Geschmacksangaben auf den Etiketten einen
Hinweis zu geben, zu welchem Geschmackstyp die verkosteten Weine
gehören, haben wir das Weinspektrum in 14 Kategorien
eingeteilt, die ab 2006 hin und wieder zusätzlich zu den Bewertungen angeführt werden:
| 1 |
Leichte,
trockene Weißweine |
| 2 |
Kräftige,
trockene Weißweine |
| 3 |
Roséweine |
| 4 |
Leichte,
fruchtbetonte Rotweine |
| 5 |
Fruchtbetonte,
kräftige Rotweine |
| 6 |
Tanninbetonte,
kräftige Rotweine |
| 7 |
Schwere,
alkoholreiche Rotweine |
| 8 |
Deutlich
restsüße bzw. süße Weißweine |
| 9 |
Liebliche
bzw. süße Rotweine |
| 10 |
Edelsüße
und Eis-/Strohweine |
| 11 |
Trockene Likörweine |
| 12 |
Süße Likörweine |
| 13 |
Perlweine |
| 14 |
Schaumweine |
Natürlich ist eine solche, grobe
Kategorisierung zwangsläufig immer unvollkommen. Innerhalb jeder
einzelnen Gruppe wären beispielsweise Untergruppen vorstellbar. Man
könnte bei den leichten, trockenen Weißen zwischen den aromatisch
neutraleren und den Bukettweinen mit ausgeprägtem Sortenduft
unterscheiden. Bei den Edelsüßen könnte man darüber streiten, ob
nicht eine Unterteilung in alkoholschwache und alkoholreiche Weine
sinnvoll wäre, und bei den alkoholreichen Roten darüber, ob ihr nur
spezielle Weintypen wie der italienische Amarone angehören oder
generell alle Rotweine aus heißen Anbaugebieten bzw. heißen Jahren,
wenn sie ebenfalls hohe Gradationen erreichen. Aber eine solche,
weitergehende Untergliederung würde dem wichtigsten Nutzen dieser
Einteilung zuwider laufen – dem nämlich, dem Verbraucher eine erste
Orientierung im Ozean der Weintypen zu bieten.
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