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Zu
den bisherigen Portraits und Reportagen
2002
Mode und Wein
von André Liebe
Er ist, zusammen mit seiner Schwester
Fernanda,
Inhaber des Mode-Unternehmens Liolà mit weltweit 110 Filialien. Er
ist zugleich Präsident des italienischen Textilverbandes. Und er
ist Winzer. Vittorio Giulini, Ende fünfzig, Spross eines alten Mailänder
Adelsgeschlechtes und mehrfacher Millionär, baut bereits seit
Jahrzehnten Wein an: in Gavi auf der Tenuta La Marchesa von Novi
Ligure und in Frascati auf der Tenuta di Pietra Porzia vor den Toren
der ewigen Stadt Rom. Die beiden Güter sind in der Weinwelt noch
nicht sehr bekannt, werden vom italienischen Weinführer Gambero
Rosso aber immerhin erwähnt. World Wine Magazine sprach mit Giulini
über seine Doppelrolle als Mode- und Weinmacher, seine Philosophie
und den Stil seiner gekelterten Erzeugnisse.

Vittorio Giulini, Chef eines Modeimperiums von 110
Filialen und Winzer aus Familientradition und Leidenschaft. ( Fotos:
A. Liebe)
Schauspieler, Regisseure, Architekten,
Wirtschaftsbosse, kurz: Fast der ganze Geldadel kauft sich
mittlerweile sein eigenes Weingut. Sie haben gleich zwei davon. Wie
wurden Sie zum Winzer?
Das liegt an der Familie. Die Eltern meiner Mutter
lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts lange Zeit in Ägypten,
wollten Italien aber nie ganz verlassen. Im Sommer aber ist das
Klima in Nordafrika unerträglich. Fast so wie in Rom. Und weil sie
auch in Italien nicht völlig auf Ägypten verzichten wollten, haben
sie die Tenuta di Pietra Porzia bei Frascati gekauft. Das war
vor rund 100 Jahren. Sie sehen also, bei uns in der Familie hat der
Weinbau sehr wohl Tradition.
Und wann sind Sie dann ins Gavi-Gebiet gekommen?
Vor 40 Jahren etwa. Ich hatte gerade großen
Gefallen am Weinbau gefunden und wollte unbedingt einen weiteren
Betrieb aufbauen. Da hat meine Mutter gesagt: Einverstanden, aber es
muss etwas in der Nähe von Mailand sein. Schließlich befand sich
dort der Sitz unseres Unternehmens. Es ist eben ganz praktisch, wenn
man nur eine knappe Stunde mit dem Auto bis zum Weingut fährt.
Trotzdem bleibt die gewaltige Entfernung zwischen
Novi Ligure und Frascati. Wie schaffen Sie es da, Ihre Tätigkeit an
der Spitze eines Mode-Unternehmens und den Weinbau unter einen Hut
zu bringen?
Wann immer es sich einrichten lässt, bin ich in den
beiden Betrieben vor Ort, wo natürlich jeweils eigene Kellermeister
beschäftigt sind. Und mit Donato Lanati verfüge ich zudem über
einen äußerst renommierten önologischen Berater, der mir in allen
fachlichen Belangen zur Seite steht.
Giulini vor seinen Weinbergen im Gavi-Gebiet
Ihre beiden Weingüter befinden sich in
klassischen Weißwein-Zonen. Absicht oder Zufall? Immerhin gibt es
im Umkreis von Mailand auch sehr attraktive Rotwein-Gebiete.
Nein, das war keine Absicht. Das hat sich einfach so ergeben. Wir
haben uns für die Tenuta La Marchesa vor allem deshalb entschieden,
weil das gesamte Anwesen meinen ganzheitlichen Vorstellungen von
Weinbau sehr nahe kommt. Der Palazzo wurde zu Zeiten von Napoleon
errichtet und gehörte einer der reichsten Familien der damaligen
unabhängigen Republik Genua. Deshalb findet man dort auch viele
architektonische Elemente, die für Italien eher untypisch sind,
aber deutlich französische Einflüsse erkennen lassen.
Also quasi ein Chateau in Italien?
Richtig. Ich verfolge in beiden Weingütern ganz bewusst das
Konzept der französischen Chateaux. Das bedeutet für mich eine
bestechende Architektur in Verbindung mit bester Qualität beim
Wein. Ein harmonisches Ganzes also, das noch durch Wälder und Seen
abgerundet wird. Auf der Tenuta di Pietra Porzia etwa, die im 18.
Jahrhundert im Besitz von Papst Clemens XI war, wurden erst vor
kurzem bei Ausgrabungen Katakomben aus römischer Zeit entdeckt. Und
die Azienda dort erinnert in ihrer Lage an ein großes Amphitheater.
Bleiben wir aber bei der Qualität der Weine! Wein
ist ein natürliches Produkt und muss es auch bleiben. Das heißt,
dass wir den reinen Geschmack bewahren wollen, beim Gavi wie beim
Frascati. Wir streben keine Internationalität, sondern Typizität
an. Dazu gehört sorgfältiges und gewissenhaftes Arbeiten im
Weinberg und im Keller. Nur ein Beispiel: Sie werden in unseren
Weinen außer dem natürlichen nicht ein Gramm Zucker finden. Außerdem
verzichten wir auf den Einsatz von Schwefel.
Wie sieht ihre Arbeit im Weinberg denn konkret aus?
In beiden Betrieben werden ausschließlich Trauben aus unserem
eigenen Besitz verwendet. Wir verzichten, so weit dies möglich ist,
auf den Einsatz von chemischen Spitzmitteln. Außerdem haben wir auf
der Tenuta La Marchesa eine Mess-Station errichtet, damit wir
beispielsweise im Hinblick auf einen möglichen Pilzbefall wichtige
Informationen über die Luftfeuchtigkeit, den Wind und die
Niederschlagsmengen erhalten. Da sich diese Anlage auf dem höchsten
Punkt der gesamten Region befindet, stellen wir die dort gesammelten
Daten auch den übrigen Winzern der Umgebung zur Verfügung.
Und was geschieht im Keller? Mit Ausnahme unseres
Premium-Gavi, der zum Teil im Barrique ausgebaut wird, setzen wir
ausschließlich auf Vinifizierung im Stahltank. Ferner arbeiten wir
nur mit pneumatischen Pressen, um die Aromenvielfalt unserer
wichtigsten Weine, des Gavi und des Frascati, zu erhalten. Außerdem
haben wir vor ein paar Jahren eine neue Technik für das Umpumpen
des vergorenen Traubenmostes eingeführt. Damit lässt sich nicht
nur die Häufigkeit des Umpumpens, sondern auch die Sauerstoffzufuhr
individuell regeln, so dass wir eine intensivere Farbausbeute
erzielen.
Wir wirkt sich das in der Praxis aus?
Man merkt das vor allem beim Gavi. Dessen Besonderheit ist ja der
trockene Geschmack auf der einen Seite, aber auf der anderen Seite
die fruchtige, elegante und leicht süßliche Note. Diesen Kontrast
muss ein guter Gavi haben, und das erreichen wir mit der Technik
besonders gut.
Bei Liolà, Ihrem Modekonzern, verfolgen Sie die Philosophie,
dass vom Garn bis zur fertigen Bluse alles “Made in Italy"
ist. Funktioniert diese fast schon anachronistische Konsequenz auch
beim Wein? Oh ja, da lege ich großen Wert drauf. Ich
glaube, dass wir in dieser Hinsicht in Frascati sogar Pionierarbeit
leisten, vor allem was die Auswahl der Rebsorten betrifft. Auf der
Tenuta di Pietra Porzia hegen und pflegen wir die beinahe achtzig
Jahre alten Rebstöcke der heute kaum mehr angebauten Sorten
Malvasia del Lazio, Bombino und Grechetto. Die sind zwar niedriger
im Ertrag und treiben somit die Kosten nach oben. Aber das Ergebnis
ist ein Frascati mit intensiven Fruchtaromen, wie man ihn eigentlich
kaum mehr bekommt.
Und das, obwohl der Frascati heute fast ausschließlich von
Trebbiano dominiert wird?
Leider, denn Trebbiano liefert halt ein plattes und uniformes
Ergebnis. Deshalb wird er bei uns auch so wenig wie möglich
kultiviert.
Tragen Sie sich denn mit dem Gedanken, auch den
Rotwein-Bereich auszubauen?
In Frascati sicher nicht. In Novi Ligure bauen wir aber seit etwa
fünf Jahren auf vier Hektar Barbera und Merlot an, wobei wir hier
die Entscheidung getroffen haben, keinen Ausbau im Holzfass
durchzuführen. Auch hier gilt: Typizität geht vor Internationalität.
Darüber hinaus würde wir gerne etwas mehr Rosé produzieren. Das
ist in Italien aber äußerst schwierig, weil wir keine so Rosé-Nation
sind wie etwa die Franzosen.
Bei all der Mode und Ihren weltweiten Filialen
ist da der Wein für Sie mittlerweile ebenfalls ein reines Business
oder immer noch die große Passion?
Ich würde das als eine In-between-Situation bezeichnen. Beides,
die Mode und der Wein, sind zweifelsohne meine große Leidenschaft,
die sich unterm Strich aber auch rechnen muss. Und doch gibt es
einen grundlegenden Unterschied: Das Vergnügen, wenn man eine
Flasche Wein öffnet, kann man mit anderen Menschen teilen. Das ist
eine ganz besondere Faszination.
Az. Agr. La Marchesa, Novi
Ligure, Tel: 0143-743362
Az. Agr. Pietra Porzia, Frascati, Tel: 06-9464392
Unser Punktesystem:
Weine
| -- / ??
|
offen fehlerhafter oder nicht
zu beurteilender Wein (Flaschenproblem) |
| * |
zu einfacher, evtl.
auch leicht fehlerhafter Wein, nicht empfehlenswert |
| ** |
Wein mit einem Minimum
an Qualitäten, akzeptabel wenn im unteren Preisbereich |
| *** |
befriedigender,
ansatzweise typischer Wein, angenehm zu trinken |
| **** |
guter bis sehr guter Vertreter
seiner Art und seines Jahrgangs |
| *****
|
Spitzenwein
von internationalem Format |
| *****
|
Traumweine,
die kleine Elite 1) |
| *
- **** ?
|
nicht
eindeutig zu bewertender Wein |
Weinproben von Eno WorldWine werden
soweit wie möglich unter optimalen Bedingungen, wenn es geht blind
durchgeführt, um eine eventuelle Verfälschung der Resultate,
Voreingenommenheit und Irrtümer auszuschalten. Auch dann aber sind
Verkostungs-Urteile immer nur subjektive Momentaufnahmen und hängen
nicht zuletzt von der Authentizität der Proben ab, die uns präsentiert
werden. Die Redaktion lehnt deshalb jede Haftung für Weine ab, deren
geschmackliche Qualitäten nicht den hier geschilderten Eindrücken
entsprechen. Unsere Bewertungen stellen eine Synthese aus aromatischem
und geschmacklichem Volumen, Typizität, Alterungsfähigkeit und
Trinkgenuss dar. Eno-Verlag distanziert sich ausdrücklich vom Inhalt
aller evtl. in diesen Reports verlinkten Seiten und übernimmt keinerlei
Verantwortung für die Verfügbarkeit der Weine sowie
für den Geschäftsverkehr mit den jeweiligen Firmen wird keine Haftung
übernommen.
1) Die
Unterscheidung zwischen Spitzen- und Traumweinen wird erst in unseren
Verkostungsreports ab Januar 2003 getroffen. Im Datenbank-Archiv sind
diese Traumweine mit *****+ gekennzeichnet.
Unser Punktesystem:
Weingüter
Die große Zahl von Verkostungen, die wir
in den letzten Jahren durchführen konnten, erlaubt es uns, auf dieser Basis jetzt auch die
Erzeugerbetriebe insgesamt zu bewerten. Um
diese Wertung deutlich gegenüber der Weinbewertung abzusetzen, vergeben
wir für Erzeuger maximal drei Sterne (@,
in älteren Reports auch P),
allerdings mit Zwischenstufen. Diese Weingutsbewertungen sind natürlich nur dort möglich, wo
wir eine gewisse Mindestanzahl Weine bzw. Jahrgänge verkosten konnten und
stellen eine Langzeitbewertung auf Basis der letzten 10 - 15 Jahrgänge dar, die vom Eindruck eines
bestimmten Tastingreports, d. h. einer Momentaufnahme, abweichen kann. Um die aktuelle Leistungsfähigkeit
eines Erzeugers korrekt einschätzen zu können, sollten daher immer
sowohl die Langzeitbewertung als auch die konkreten
Verkostungsergebnisse berücksichtigt werden.
| @@@ |
Die kleine
Elite der Region und des Landes, gehört zu den Spitzenweingütern
der Welt |
| @@ |
Sehr gute
Erzeuger mit stabiler Qualität |
| @ |
Erzeuger mit
meist guten Weinqualitäten |
| @ |
halbe Sterne |
EWW-Weinkategorien:
Um unseren Lesern jenseits aller
Herkunftsbezeichnungen und Geschmacksangaben auf den Etiketten einen
Hinweis zu geben, zu welchem Geschmackstyp die verkosteten Weine
gehören, haben wir das Weinspektrum in 14 Kategorien
eingeteilt, die ab 2006 hin und wieder zusätzlich zu den Bewertungen angeführt werden:
| 1 |
Leichte,
trockene Weißweine |
| 2 |
Kräftige,
trockene Weißweine |
| 3 |
Roséweine |
| 4 |
Leichte,
fruchtbetonte Rotweine |
| 5 |
Fruchtbetonte,
kräftige Rotweine |
| 6 |
Tanninbetonte,
kräftige Rotweine |
| 7 |
Schwere,
alkoholreiche Rotweine |
| 8 |
Deutlich
restsüße bzw. süße Weißweine |
| 9 |
Liebliche
bzw. süße Rotweine |
| 10 |
Edelsüße
und Eis-/Strohweine |
| 11 |
Trockene Likörweine |
| 12 |
Süße Likörweine |
| 13 |
Perlweine |
| 14 |
Schaumweine |
Natürlich ist eine solche, grobe
Kategorisierung zwangsläufig immer unvollkommen. Innerhalb jeder
einzelnen Gruppe wären beispielsweise Untergruppen vorstellbar. Man
könnte bei den leichten, trockenen Weißen zwischen den aromatisch
neutraleren und den Bukettweinen mit ausgeprägtem Sortenduft
unterscheiden. Bei den Edelsüßen könnte man darüber streiten, ob
nicht eine Unterteilung in alkoholschwache und alkoholreiche Weine
sinnvoll wäre, und bei den alkoholreichen Roten darüber, ob ihr nur
spezielle Weintypen wie der italienische Amarone angehören oder
generell alle Rotweine aus heißen Anbaugebieten bzw. heißen Jahren,
wenn sie ebenfalls hohe Gradationen erreichen. Aber eine solche,
weitergehende Untergliederung würde dem wichtigsten Nutzen dieser
Einteilung zuwider laufen – dem nämlich, dem Verbraucher eine erste
Orientierung im Ozean der Weintypen zu bieten.
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