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Zu den bisherigen Portraits und Reportagen

 

2002 

Energie pur: Marie-Thérèse Chappaz

von Christian Wenger

Im größten Weinbaukanton der Schweiz, dem Wallis, gab es 1983 einen gewaltigen Knall: Mit einer gewaltigen Weinschwemme hatten die Erzeuger der Region ihr eigenes Profit-Kartenhaus von anspruchslosen, harmlos-süffigen Weinen – fast ausnahmslos Fendant und Dôle - zum Einsturz gebracht. Der Schock war heilsam und führte seither zu deutlicher Qualitätsverbesserung und größerer Sortenvielfalt. Eine der Protagonistinnen der aktuellen Qualitätsbewegung ist Marie-Thérèse Chappaz aus dem Weiler La Liaudisaz bei Fully.


In den Weinberg statt in den Kreissaal: Marie-Thérèze Chappaz ist Winzerin aus Leidenschaft ( Fotos: Firmenfotos)

     

Ohne ihr melodiöses, halb gesungenes, langezogenes „mais non“, aber nein!, hätten wir sie nicht wieder erkannt. Noch wenige Stunden zuvor hatte sich Marie-Thérèse Chappaz mit derber Arbeitskleidung, schweren Schuhen präsentiert und die flinken, grünen Augen hinter ihrer Brille mit den kreisrunden Gläsern versteckt. Im langen, eleganten Blümchenkleid stand sie jetzt, ohne Brille, dafür aber diskret geschminkt, vor der Käsetheke von Philippe Blanc, Verbiers bestem Käsehändler, und lehnte dankend das angebotene Glas Wein ab. „Ich habe endlich Ferien und möchte nur meinen Käse“, insistierte sie.

Energiebündel kreiert Gaumenfreuden

Als wir an diesem Sommermorgen bei Marie-Thérèses Weingut vorfahren, erwartet uns die temperamentvolle, energiegeladene Winzerin schon ungeduldig. Ein Gang ums Haus, hier der Fendant, da die Petite Arvine und oben am Fels, in 520 Metern Höhe, die berühmte Lage „Combe d’Enfer“, der Pinot noir auf dieser Seite, denn auf der anderen ist es zu heiß – Marie Thérèse erzählt, sprudelt und beantwortet Fragen, die noch gar nicht gestellt wurden. „1988 fing hier alles an. Vorher hatte der Keller 10 Jahre lang leer gestanden“, erklärt sie. Ihrem Onkel, dem legendären Walliser Staatsrat Maurice Troillet, hatten die bis zu 80 Jahre alten Stöcke auf den insgesamt vier Hektar Rebfläche gehört, aus denen Chappaz im Schnitt 30.000 Flaschen keltert. 

Die Fendants, Pinot noir, Gamay und eine Reihe weiterer Spezialitäten wie Petite Arvine und Grain Noble dürfen wir wenig später im angemieteten Keller in Charrat, auf der Schattenseite des Tals, aus dem Fass probieren. Nicht nur der Ermitage, der mit 197 oOechsle aus dem Weinberg kam, umschmeichelt dabei die Geschmackspapillen und lässt sie vor Wohlgefühl vibrieren. Marie-Thérèses Weine sind durch die Bank absolute Gaumenfreuden. Nicht umsonst hat sie bereits zum dritten Mal die alljährliche Walliser Top-Degustation „Vin de Passion“ zu ihren Gunsten entschieden.

 
Die blaugrünen Augen, Markenzeichen von Marie-Thérèse, leuchten auch vom Etikett 
ihrer seltenen, bei Weinfreunden heiss begehrten Süßweine.

Auch wenn sie es sich in ihrer bescheidenen Art nicht anmerken lässt, hat sie sich über diese Auszeichnungen doch enorm gefreut, weil sie ihre kompromisslos-konsequente Arbeit honorierten. „Man darf sich nicht scheuen, die Reben, die Blätter und die Trauben zwei oder gar drei Mal zu schneiden“, erklärt sie. Ertragsbegrenzung, Konzentration und Qualität sind ihre Schlüsselworte, die erklären, warum ihr die gesamte Produktion heute buchstäblich aus der Hand gerissen wird. Gerade zwei oder drei Flaschen ihrer seltenen Spezialitäten bekommt der, der sich ebenso viele Jahre zuvor angemeldet hat, und nur ihre treuesten Stammkunden dürfen mit einem Kontingent von sechs Flaschen rechnen. „Das ist leider nicht zu ändern“, zuckt sie mit den Achseln und saugt mit der Pipette die nächste Köstlichkeit aus dem Fass.

Handwerk, Kunst und Genie

Zufrieden mit dem Erreichten ist die Chappaz dabei noch lange nicht. „Einen schönen Roten, einen Pinot möchte ich noch machen, und noch etwas größer werden – aber nur ganz wenig.“ Und jemanden finden, der sich um das lästige Geschäftliche kümmert: „Zwei oder drei Monate gehen dafür drauf, gar nicht zu reden von den vielen Anrufern oder den Besuchern, die sonntags unangemeldet vor der Türe stehen.“


An den Steilhängen der Sonnenseite des oberen Rhônetals wachsen die Trauben für Marie-Thérèses Weine. Ihr gehören Flächen in den Parzellen Liaudisaz, Planche Billon und Les Claives.

Dieser Produktionsweise, einer faszinierenden Mischung aus Handwerk, Kunst und Genie, haben sich neben Marie-Thérèse Chappaz, die eigentlich Hebamme werden wollte und erst über das Erbe ihres Onkels mit Weinbau und Weinen in Berührung kam, noch eine Reihe weiterer Namen des oberen Rhônetals verschrieben. Zu ihnen gehören Denis Mercier, Maurice Zufferay, Axel Maye und Marie-Bernard Gillioz, aber auch die riesige Genossenschaft Provins und große Négociants wie Bonvin, Germanier, Rouvinez und Orsat. Sie alle treffen sich regelmäßig im Käseladen von Philippe Blanc, der auch ein geachteter und geschätzter Weinverkoster ist, auch wenn Marie-Thérèze Chappaz an ihrem ersten Urlaubstag den angebotenen Pinot gris von Mercier verschmäht hat. Im Unterschied zu Weinfreunden, die sich in die lange Schlange der Anwärter einreihen müssen, wenn sie eines der begehrten neuen Walliser Gewächse erstehen möchten, kann es sich leisten, auch einmal dankend abzulehnen. Immerhin sitzt sie an der Quelle!

Domaine La Liaudisaz - Marie-Thérèse Chappaz, La Liaudisaz, CH - 1926 Fully, Tel: 027-7463537, Fax: 027-7463529, e-mail: mtchappaz@freesurf.ch  

 

Unser Punktesystem: Weine
 
-- / ?? offen fehlerhafter oder nicht zu beurteilender Wein (Flaschenproblem)
* zu einfacher, evtl. auch leicht fehlerhafter Wein, nicht empfehlenswert
** Wein mit einem Minimum an Qualitäten, akzeptabel wenn im unteren Preisbereich 
*** befriedigender, ansatzweise typischer Wein, angenehm zu trinken
**** guter bis sehr guter Vertreter seiner Art und seines Jahrgangs
***** Spitzenwein von internationalem Format
***** Traumweine, die kleine Elite 1)
* - **** ? nicht eindeutig zu bewertender Wein

Weinproben von Eno WorldWine werden soweit wie möglich unter optimalen Bedingungen, wenn es geht blind durchgeführt, um eine eventuelle Verfälschung der Resultate, Voreingenommenheit und Irrtümer auszuschalten. Auch dann aber sind Verkostungs-Urteile immer nur subjektive Momentaufnahmen und hängen nicht zuletzt von der Authentizität der Proben ab, die uns präsentiert werden. Die Redaktion lehnt deshalb jede Haftung für Weine ab, deren geschmackliche Qualitäten nicht den hier geschilderten Eindrücken entsprechen. Unsere Bewertungen stellen eine Synthese aus aromatischem und geschmacklichem Volumen, Typizität, Alterungsfähigkeit und Trinkgenuss dar. Eno-Verlag distanziert sich ausdrücklich vom Inhalt aller evtl. in diesen Reports verlinkten Seiten und übernimmt keinerlei Verantwortung für die Verfügbarkeit der Weine sowie für den Geschäftsverkehr mit den jeweiligen Firmen wird keine Haftung übernommen.

1) Die Unterscheidung zwischen Spitzen- und Traumweinen wird erst in unseren Verkostungsreports ab Januar 2003 getroffen. Im Datenbank-Archiv sind diese Traumweine mit *****+ gekennzeichnet.

Unser Punktesystem: Weingüter

Die große Zahl von Verkostungen, die wir in den letzten Jahren durchführen konnten, erlaubt es uns, auf dieser Basis jetzt auch die Erzeugerbetriebe insgesamt zu bewerten. Um diese Wertung deutlich gegenüber der Weinbewertung abzusetzen, vergeben wir für Erzeuger maximal drei Sterne (@, in älteren Reports auch P), allerdings mit Zwischenstufen. Diese Weingutsbewertungen sind natürlich nur dort möglich, wo wir eine gewisse Mindestanzahl Weine bzw. Jahrgänge verkosten konnten und stellen eine Langzeitbewertung auf Basis der letzten 10 - 15 Jahrgänge dar, die vom Eindruck eines bestimmten Tastingreports, d. h. einer Momentaufnahme, abweichen kann. Um die aktuelle Leistungsfähigkeit eines Erzeugers korrekt einschätzen zu können, sollten daher immer sowohl die Langzeitbewertung als auch die konkreten Verkostungsergebnisse berücksichtigt werden.

@@@ Die kleine Elite der Region und des Landes, gehört zu den Spitzenweingütern der Welt
@@ Sehr gute Erzeuger mit stabiler Qualität
@ Erzeuger mit meist guten Weinqualitäten 
@ halbe Sterne 

EWW-Weinkategorien:

Um unseren Lesern jenseits aller Herkunftsbezeichnungen und Geschmacksangaben auf den Etiketten einen Hinweis zu geben, zu welchem Geschmackstyp die verkosteten Weine gehören, haben wir das Weinspektrum in 14 Kategorien eingeteilt, die ab 2006 hin und wieder zusätzlich zu den Bewertungen angeführt werden:

1 Leichte, trockene Weißweine 
2 Kräftige, trockene Weißweine
3 Roséweine
4 Leichte, fruchtbetonte Rotweine
5 Fruchtbetonte, kräftige Rotweine
6 Tanninbetonte, kräftige Rotweine
7 Schwere, alkoholreiche Rotweine
8 Deutlich restsüße bzw. süße Weißweine
9 Liebliche bzw. süße Rotweine
10 Edelsüße und Eis-/Strohweine
11 Trockene Likörweine
12 Süße Likörweine
13 Perlweine
14 Schaumweine

Natürlich ist eine solche, grobe Kategorisierung zwangsläufig immer unvollkommen. Innerhalb jeder einzelnen Gruppe wären beispielsweise Untergruppen vorstellbar. Man könnte bei den leichten, trockenen Weißen zwischen den aromatisch neutraleren und den Bukettweinen mit ausgeprägtem Sortenduft unterscheiden. Bei den Edelsüßen könnte man darüber streiten, ob nicht eine Unterteilung in alkoholschwache und alkoholreiche Weine sinnvoll wäre, und bei den alkoholreichen Roten darüber, ob ihr nur spezielle Weintypen wie der italienische Amarone angehören oder generell alle Rotweine aus heißen Anbaugebieten bzw. heißen Jahren, wenn sie ebenfalls hohe Gradationen erreichen. Aber eine solche, weitergehende Untergliederung würde dem wichtigsten Nutzen dieser Einteilung zuwider laufen – dem nämlich, dem Verbraucher eine erste Orientierung im Ozean der Weintypen zu bieten.

Die bisherigen Reportagen und Portraits

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Verzeichnis nach Ländern

Allgemeines Bio allein macht keinen guten Wein (2003)
Die Gesundheitsdebatte (2003)
Verkannte Neuzüchtungen (2002)
Kork - Die unendliche Geschichte (2002)
 
Australien Neue Welt mit Charme - Hunter Valley (2003)
Weinbau in den Roaring Fourties - Tasmanien (2002)
Edle Tropfen in down under - Südaustralien (2001)
 
Chile Die Erben der Konquistatoren (2002)
  
Deutschland Weingut direkt ... aus dem Internet (2004)
Der Bioprofessor vom Mittelrhein (2004)
Weinberg in Not - Homburger Kallmuth (2002)
Aufbruch in der Südpfalz (2002)

Weine von der Hütt' - St. Antony (2002)
Frankreich Klein und begehrt - Les-Baux-de-Provence (2003)
Champagne-sur-Loire - Bouvet Ladubay (2003)

Charles Philipponnat (2003)

Elsass von gestern? (2003)
Chablis - Der andere Chardonnay (2002)

Bordeaux-Connection (2002)

Ein Württemberger im Bordelais (2002)

Monsieur BiB - Bernard Ducourt (2002)

Achterbahn am Rhein - Das Elsass (2002)

Dom Pérignon und die Witwe - Champagne-Story (2000)

Tannat kommt von Tannin - Weine der Gascogne (2000)
Päpste, Händler, Genossen - Das Rhônetal (1999)
Süße, wilde Orchidee - Vanille auf Réunion (1999)
Kleiner Bruder mit Pfiff - Unbekannter Armagnac (1999)
Scharfes Handwerk - Das schönste Messer der Welt (1998)
Neuer Anlauf für Villages - Côtes-du Rhône auf dem deutschen Markt (1998)
Abschied vom deutschen Markt? - Das Elsaß übt sich im freien Fall (1998)
Der schüchterne Superstar - Syrah-Weine an der Rhône (1998)
Das Salz des Lebens - Guérande und seine Salzgärten (1998)
Großbritannien:  Whisky trails - Auf den Spuren der Schnapsbrenner in Schottland (1997)
 
Italien Ureinwohner - Südtirol (2003)
Neuer Wind - La Stoppa (2002)

Mode und Wein - Vittorio Giulini (2002)

Krieg der Stile - Barolo (2002)

Der Kämpfer von La Morra - Elio Altare (2002)

Marketing-Frühling in Südtirol - wein.kaltern (2002)

Im Schatten der Toskana - Die mittelitalienischen Regionen (2000)

Weinkarriere am Brenner - Das Trentino (1999)
Der Erfolg geht weiter - Italiens Prosecco sucht Identität (1998)
Die Revolution auf samtenen Füßen - Das Piemont auf dem Weg in die Moderne (1998)
Karriere mit Grenzen - Franciacorta - Italiens kleine Champagne (1998)
Der schlafende Riese - Das Piave-Gebiet (1998)
Die ideale Weinreise - Portrait des toskanischen Lebensgefühls (1997)
 
Kanada Okanagan - Kanadas Napa Valley (2006) 
Österreich Ambitionierte Genossen - Zantho (2002)
Gestörter Dornröschenschlaf - Stefan Köstenbauer (2002)

Viel Glück gehabt - Willi Bründlmayer (2002)

Miniatur-Toskana - Die Steiermark (1999)
 
Portugal Der Portwein, der keiner ist (2003)
 
Schweiz Energie pur: Marie-Thérèse Chappaz (2002)
 
Spanien Fino, Amontillado oder Oloroso - Jerez sucht seine Zukunft (2002)
Rioja 2002 - zwischen Tradition und Moderne (2002)
Das Jahrzehnt nach der Krise - Rioja wieder im Aufwind (1998)
 
Südafrika Der Visionär vom Kap - Alexander von Essen (2005)
Künstler am Kap - Christoph Dornier (2002)

Ein Land hat Hoffnung - Südafrika Teil 1 (2002)
, Teil 2 (2002)
Ästhet mit Mantra - Hamilton Russel (2002)
  
USA Der alte Mann und der Wein - Mondavi 90 (2003)
Verwöhnter Nordwesten - Washington (2002)

Burgunder-Träume in Carneros (2002)

Gallo - Ein Gigant macht sich schön (2002)

Großes Kalifornien-Dossier - Trends, Betriebe, Sorten, Export (1999)

It never rains in Southern California (1998)

Nicht nur Napa und Sonoma - Weinbau außerhalb Kaliforniens (1998)

 

  

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Die Entdeckung des Monats
Gestörter Dornröschenschlaf

von André Liebe
  

Mit seinen grellen Fotos hat Stefan Köstenbauer die verschlafene Thermenregion aufgerüttelt. (Firmenfotos)

Von überschwänglicher Herzlichkeit waren die ersten Kontakte mit Gumpoldskirchen nicht geprägt. „Hier sind die Menschen eher vorsichtig, schroff. Fast wie ein Spätrot-Rotgipfler“, erinnert sich Stefan Köstenbauer. Inzwischen, ein paar Jahre nach dem Start des Jungwinzers in der traditionsbeladenen Weinbaugemeinde am Hang des Wienerwalds, südlich der Kapitale, hat sich die anfängliche Distanz jedoch längst in eine innige Beziehung verwandelt.

Köstenbauer zählt heute in Sachen Wein zu den Hoffnungsträgern von Gumpoldskirchen. Mit seinem unkonventionellen Auftritt, seinen schrillen Etiketten und Weinen, die den Rahmen des Üblichen sprengen, hat er den traditionsreichen Ort der Thermenregion, in dem noch immer weithin behäbige Heurigen-Mentalität herrscht, aus seinem Dornröschenschlaf gerüttelt. Nur wenig mehr als eine Handvoll Winzer hatte es vor ihm geschafft, die Aufmerksamkeit der Weinwelt auf sich zu ziehen wie Gottfried Schellmann, die Bieglers, Zierer, Grill, Thiel, Krug oder das Freigut Thallern.

Der gebürtige Grazer Köstenbauer ist ein klassischer Seiteneinsteiger. „Ich habe mich zwar schon früh mit Wein befasst, aber eben nur als Konsument“, bekennt er. Während des Studiums der Verfahrenstechnik in Wien kam er irgendwann auch nach Gumpoldskirchen, wurde hier schließlich mit Frau Sonja und den beiden Söhnen sesshaft. Ermuntert durch Gottfried Schellmann begann er dann vor drei Jahren – zunächst als Hobbywinzer – eigenen Wein zu keltern. Der Erfolg war so durchschlagend, dass er das Weinmachen nach nur zwei Ernten zum Hauptberuf erkor und auf der jüngsten Weinmesse VieVinum in der Wiener Hofburg als eine der großen Entdeckungen gefeiert wurde.


Der gebürtige Grazer Köstenbauer ist in kurzer Zeit an der Südbahn ihn Gumpoldskirchen heimisch geworden.

Dabei konnte Köstenbauer frei von jeglichen Rücksichten experimentieren. „Da es in meiner Familie keine Weinbau-Tradition gibt, gab es auch keine Tabus“, Worte, denen er Taten folgen lässt. Etwa, wenn er die Weißen bis zu sechs Wochen vergärt, oder sämtliche hochwertigen Weine mindestens sechs Monate auf der Hefe reifen. „Der wichtigste Faktor beim Ausbau meiner Weine ist die Zeit“, erklärt er, „und deshalb brauche ich auch kaum einmal zu schönen. Geschwefelt wird bei mir ohnehin nicht."

Derzeit bewirtschaftet Köstenbauer sieben Hektar, allesamt in der Gemeinde Gumpoldskirchen gelegen, die er für eines der „weltweit besten Terroirs für Weißweine“ hält. Deshalb setzt er auch voll und ganz auf die Stärken des Gebiets: Mehr als 50 Prozent der Produktion entfallen auf die authochthonen Sorten Zierfandler und Rotgipfler. „Mein Ziel ist es, beide als Spitzensorten auf den internationalen Märkten zu etablieren“, betont er selbstbewusst. Die Qualität seiner Weine jedenfalls stimmt schon, wie man unschwer an der „Gumpoldskirchner Doppelconference“ sehen kann, zwei Cuvées, von denen die spritzige „Classic“-Version im Stahltank ausgebaut wird, während die „Reserve“ zehn Monate in 500-Liter-Fässern reift, um einen dicht strukturierte Wein mit üppiger Würze und dezenten Röstaromen zu erhalten.

Köstenbauers Ziel ist nicht möglichst intensive Frucht, sondern das Herausarbeiten des individuellen Terroir-Charakters der Weine. Besonders gut gelingt ihm das bei seinem „Bricha“, einem mineralischen Verschnitt aus Welschriesling und Neuburger, sowie beim „Bricha Nr. 2“, einem tiefgründigen und eleganten Zierfandler aus dem Barrique. Seiner Vision am nächsten aber kommt für ihn der Goldknöpfel/Oberer Badnerweg, der nach 27 Monaten auf der Hefe enorme Finesse mit Zitrusaromen und große Länge im Abgang zeigt. „Die Möglichkeit, solche Weine zu produzieren, gibt es nur hier bei uns, und sonst nirgendwo auf der Welt“, insistiert er in überzeugtem Patriotismus für seine neue Heimat.

Angaben zu den Rebsorten macht Köstenbauer, entgegen österreichischen Gepflogenheiten, auf keinem seiner Etiketten. „Nicht die Sorte, sondern das Terroir steht für mich im Vordergrund“, betont er und ergänzt, dass er in Zukunft auf biologischen Weinbau umstellen will, um den Terroir-Charakter noch deutlicher zum Ausdruck bringen zu können.

Weinbau Stefan Köstenbauer, Badnerstraße 13, A - 2352 Gumpldskirchen, Tel: 0699-10839369, e-mail. stefan.koestenbauer@eunet.at, Internet: www.weinbau.koestenbauer.at 

Unsere Verkostungsnotizen zu den Köstenbauerschen Weinen finden Sie im großen Österreich-Report der nächsten Ausgabe des WorldWine Magazins.