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Der Wein

Basiswissen für Einsteiger in 31 Folgen


von Eckhard Supp *

 

Folge 3: Was ist Wein? (3)

 


Alle Fotos: © Eckhard Supp

  

Die Reblauskatastrophe

Europas Weinbau stand in voller Blüte – in Frankreich sprach man von einem „âge d’or", einem goldenen Zeitalter, in Deutschland wurden die ersten Winzergenossenschaften und Weinbauschulen gegründet und Italien war mit Weinen wie Barolo oder Brunello auf den Zug des modernen Qualitätsweinbaus aufgesprungen –, als er von der wohl größten Plage seiner Geschichte heimgesucht wurde. Ihr Auslöser war ein kleines Insekt namens Reblaus, wissenschaftlich unter anderem unter dem bedrohlich klingenden Namen „Phylloxera vastatrix" bekannt.

Nur wenige Rebflächen entgingen im 19. Jh. der Vernichtung durch die Reblaus - darunter 
auch große Flächen in Südaustralien (im Bild der Weinberg Hill of Grace im Eden Valley), 
wo man heute noch ungepropfte, fast 150 Jahre alte Rebstöcke der französischen Sorte Syrah - 
für die Australier Shiraz - finden kann.

Nachdem bereits Mitte des 18. Jahrhunderts die Rebkrankheit Echter Mehltau aus Nordamerika nach Frankreich eingeschleppt worden war, trat das kleine Insekt, das die Wurzeln von Rebstöcken angreift, zum ersten Mal 1863 an der südlichen Rhône auf, wohin es ebenfalls über die Wurzeln amerikanischer Reben aus dem Nordosten der USA gelangt war, die sich ein sammel- und experimen-tierwütiger Winzer hatte schicken lassen. In wenigen Jahrzehnten zerstörte die gefräßige Laus nicht nur einen Großteil der europäischen Rebkulturen, sondern entfaltete ihr unheilvolles Werk auch zahlreiche Anbaugebiete der Neuen Welt, vor allem in Südafrika, an der Westküste der USA (Kalifornien) und Teilen Australiens. Obwohl man bereits 1868 im Prinzip wusste, wie die Plage bekämpft werden konnte – es reichte, die europäischen Qualitätsrebsorten auf reblausresistente amerikanische Wurzelstöcke, soge-nannte Unterlagsreben oder Unterlagen aufzupfropfen –, nahm der Schaden unvorstellbare Ausmaße an: Allein in Frankreich wurden 2,5 Mio. Hektar Rebfläche vernichtet, und die Weinproduktion des Landes ging in 15 Jahren um zwei Drittel zurück.

Auch nachdem Europas Rebstöcke wieder gesundet waren, standen weiterhin harte Zeiten an. Wirtschaftskrisen und Kriege des beginnenden 20. Jahrhunderts verhinderten einen wirklichen Aufschwung der Weinindustrie, und die Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkriegs erlebten den Siegeszug eines Weinbaumodells, das ausschließlich auf die Erzeugung größter Mengen, nicht aber hochwertiger Weine ausgerichtet war. Mechanisierung und Industrialisierung waren die Zauberworte der 1950er-, 1960er und 1970er-Jahre.

Die Neue Welt setzt Maßstäbe

Erst im letzten Vierteljahrhundert des Jahrtausends sollte das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlagen. Die Entwicklungsdynamik im Weltweinbau war seit den 1960er-Jahren schrittweise von der Alten auf die Neue Welt übergegangen, und von hier kamen in der Folge auch die entscheidenden Impulse zu einer breiten Qualitätsoffensive. Kalifornische Pioniere wie Bob Mondavi und Joe Heitz oder auch der Deutsch-Australier Max Schubert lehrten mit ihren Spitzenweinen selbst die renommiertesten Namen des europäischen, insbesondere des französischen Weinbaus das Fürchten.

Neue Welt oder Alte Welt? Wer glaubt, die so genannte Neue Welt besäße keine Weinbautra-
ditionen, vergisst in der Regel, dass beispielsweise in Chile (im Bild das historische Fasslager
der Kellerei Casa Silva im Valle de Colchagua) bereits seit Mitte des 16. Jh. Wein erzeugt
wird, in Südafrika seit 1655.

In Europa entstand etwa zur gleichen Zeit eine Gegenbewegung zum immer massiveren Einsatz von Chemie und Technik, der biologische oder ökologische Weinbau und seine „verschärfte" Form, der biodynamische Weinbau. Ihre Motivation bezogen die Anhänger dieser neuen Richtungen aus dem in der traditionellen Winzerschaft lange Zeit unverantwortlichen Umgang mit chemischen Unkraut- oder Schädlingsbekämpfungsmitteln, wobei ihnen naturschonende Produktionsmethoden in den ersten Jahren leider mehr am Herzen zu liegen schienen als die Qualität ihrer Weine.

Konventioneller wie ökologischer Weinbau brachten von Mitte der 1980er-Jahre an auf breiter Front Weine in einer Qualität hervor, wie man sie zuvor allenfalls von wenigen Spitzenerzeugern gekannt hatte. Auch Skandale – der Methanolskandal in Italien und die Glykolaffäre in Österreich fielen in diese Epoche – konnten den Elan der neuen Qualitätsbewegung nicht brechen. Bestärkt wurde sie vom internationalen Austausch unter den Kellermeistern und Önologen – die Figur des „flying winemaker", des nach den fliegenden Ärzten Australiens benannten Weinmachers, der Weingüter und Kellereien in den verschiedensten Anbaugebieten, Ländern und Kontinenten berät, war geboren.

Dass die Weine ob dieser Entwicklung immer uniformer wurden, war die Kehrseite dieser Medaille. Seit Ende der 1990er-Jahre aber ist vor allem in Europa quasi als Gegenbewegung wieder mehr Interesse an besonderen, charakteristischen und ausdrucksvollen Weinen regionaler Prägung entstanden, die geschmacklich unverwechselbar sind und das repräsentieren, was die Franzosen Terroir nennen: die Summe der natürlichen und kulturellen Parameter, die den Geschmack hochwertiger Weine prägen.

Das Erbe des Hippokrates

In all den Jahrtausenden galt Wein nicht nur als Nahrungs- und Genussmittel, sondern auch als Heilmittel. Schon der Begründer der wissenschaftlichen Heilkunde, der Grieche Hippokrates, hielt um 400 v. Chr. in seinen Schriften die medizinische Bedeutung des vergorenen Traubensafts fest. Er empfahl Wein zur Kräftigung und Beru-higung, zur Bekämpfung von bakteriellen und Vergiftungserkrankungen des Magen-Darm-Trakts sowie als Schlaf- oder Kopfschmerzmittel. Die berühmtesten Ärzte des Mittelalters, Savonarola und Paracelsus, knüpften an seine Lehren an, und die moderne medizinische Forschung hat, beginnend mit den Forschungen des Franzosen Louis Pasteur und des US-Amerikaners Raymond Pearl, die heilende Kraft des Weins in zahlreichen Untersuchungen nachgewiesen.

Ausgangspunkt der aktuellen medizinischen Beschäftigung mit dem Wein war eine vor allem US-Forschern widersprüchlich erscheinende Tatsache, die nicht zufällig „French paradox", französisches Paradoxon, genannt wird: Franzosen sterben deutlich seltener an Herz-Kreislauferkrankungen als Amerikaner, obwohl ihre Ernährungsgewohnheiten alles andere als von strengen Diätvorschriften bestimmt sind. Die Lösung des Rätsels glaubten diese Wissenschaftler im Wein-, insbesondere Rotweinkonsum gefunden zu haben. Weltweit wurden mehr als 120 Studien durchgeführt, von denen etwa 35 als wirklich hieb- und stichfest gelten, und deren Resultate in eine gemeinsame Richtung weisen: Moderater Alkohol- bzw. Weinkonsum kann als eine Form der Risikominderung (Prävention) für eine Vielzahl von Krankheitsbildern gelten.

Phenole gegen Radikale

Dabei unterscheidet man zwischen Effekten, die allein auf das Konto des Alkohols gehen, und solchen, die auf die besonderen Inhaltsstoffen des Weins zurückzuführen sind. Zu ersteren gehört der Einfluss des Alkohols auf Herz-Kreislauferkrankungen: Alkohol senkt das Niveau der schädlichen, cholesterinhaltigen Eiweißstoffe namens LDL (low density lipoproteins) und erhöht die Werte des „guten" HDL (high density lipoproteins), das vor Arte-riosklerose schützt. Er beschleunigt den Fettstoffwechsel und sorgt für eine Erweiterung der Blutgefäße, was die Ablagerung von Cholesterin an den Gefäßwänden verhindert. Das Herzinfarktrisiko moderater Trinker sinkt gegenüber Abstinenzlern um 20 bis 60 Prozent, was die amerikanische Kardiologenvereinigung American College of Cardiology dazu veranlasste, vollständige Alkoholabstinenz als Gesundheitsrisiko zu betrachten.

In den Häuten der Rotweintrauben sitzen die Substanzen, die für die positiven 
gesundheitlichen Effekte moderaten Weinkonsums verantwortlich sind. Sie 
werden bei der Maischegärung vom entstehenden Alkohol aus den Beerenhäuten 
gelöst. Vor allem beim Erzeugen von Weinen aus der Rebsorte Spätburgunder 
alias Pinot noir findet diese Maischegärung noch häufig im traditionellen 
offenen Bottich statt, so auch im südafrikanischen Weingut Grangehurst.

Alkohol senkt den Blutzucker und verbessert den Zuckerstoffwechsel – dadurch werden das Diabetesrisiko gemindert und die Sterblichkeit von Diabetikern gesenkt. Deutlich positive Auswirkungen hat moderater Alkoholkonsum einigen Untersuchungen zu Folge auch auf das Risiko des ischämischen, das heißt durch Blutgerinnsel ausgelösten Schlaganfalls, auf die Neigung zur Thrombosebildung – Alkohol hemmt die Gerinnungsneigung des Blutes – und auf die Auflösung von Blutgerinnseln. Laut einer amerikanischen Studie verringert er auch das Osteoporoserisiko bei Frauen. Andere positive Effekte moderaten Alkoholkonsums betreffen die Lungenfunktion, das Risiko der Bildung von Gallen- und Nierensteinen und die Gefahr der Altersdemenz (z. B. Alzheimer-Krankheit) bei den Männern.

Neben dem Alkohol besitzt Wein aber eine Reihe weiterer Substanzen, die gesundheitsfördernd wirken können. Zu ihnen gehören so genannte Polyphenole, die schon in den Weintrauben vorhanden sind und der Rebe zum Schutz gegen äußere Einflüsse und Schädlinge dienen. Polyphenole wirken im Körper als so genannte Antioxidantien, das heißt sie übertragen Wasserstoffatome an aggressiv reagierende Sauerstoffradikale und reduzieren so deren Fähigkeit, Körperzellen zu schädigen. Schon in geringsten Konzentrationen hemmen sie Entzündungen und verhindern das Verfetten der Arterien.

Andere Substanzen zeigen antikanzerogene Wirkung, insbesondere hinsichtlich Dickdarm-, Brust- und Hautkrebses. Last but not least besitzt Wein bei Salmonellen und Kolibakterien eine drei bis vier Mal schnellere antibakterielle Wirkung als einschlägige Medikamente. Eine umfangreiche australische Studie kam deshalb, in Auswertung vieler Einzeluntersuchungen, auch zu dem Ergebnis, dass regelmäßiger, moderaterWeinkonsum eine signifikant längere Lebenserwartung zur Folge haben kann. (Forts. folgt)

* sämtliche Zahlenangaben in diesem Text stammen aus der Zeit von vor 2006. 
     Für aktuellere Angaben s. unsere Weltweinstatistik oder das Lexikon.

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Den vollständigen Text dieser Serie 
können Sie auch als Buch erwerben:


Inhalt 
 
 
Vorwort

Was ist Wein? (1)
Nahrungs- oder Genussmittel? - Ein vielseitiges Getränk

 

 
Was ist Wein? (2)
Wein in der Antike - Von Ägypten nach Griechenland - Gallier, Kelten und Germanen - Aufschwung im Mittel alter - Vom Weinhandel zum Welthandel

 
 
Was ist Wein? (3)

Die Reblauskatastrophe - Die Neue Welt setzt Maßstäbe - Das Erbe des Hippokrates - Phenole gegen Radikale
 
 
Was ist Wein? (4)
Auf die Dosis kommt es an - Alte Weine zum Sammeln

Wie wird Wein gemacht? (1)
Europäer- und Amerikanerreben

 
 
Wie wird Wein gemacht? (2)
Makroklima und Kleinklima - Klima und Boden bestimmen den Geschmack - Chemie, Physik und Biologie
 
 
Wie wird Wein gemacht? (3)
Die wichtigsten Bodenarten - Sand, Kreide, Feuerstein - Was ist Terroir? - Ertrag nach drei Jahren
 
 
Wie wird Wein gemacht? (4)
Wann sind die Trauben reif? - Die Weinlese -  Weißweinsorten und Rotweinsorten - Chardonnay und Riesling
 
 
Wie wird Wein gemacht? (5)
Weißweinperlen - Pinot, Cabernet und Co. - Roter Weltherrscher - Die Wein bereitung - Die alkoholische Gärung
 
  
Wie wird Wein gemacht? (6)
Stahl oder Holz? - Die Rotweinbereitung - Jedem Weintyp seinen Gärtyp - Prickler und Schäumer
 
  
Wie wird Wein gemacht? (7)
Rütteln und Degorgieren - Süße Spezialitäten - Alkoholspritze
 
 
Wie wird Wein gemacht? (8)
Wunderpilze - Chemische Hilfsmittel - Notwendig oder überflüssig?

Wie wählt man den richtigen Wein? (1)
Die Qualitätspyramide

 
  
Wie wählt man den richtigen Wein? (2)
Bezeichnungswirrwarr - Geschmack und Qualität bleiben ein Geheimnis
 
   
Wie wählt man den richtigen Wein? (3)
Ein Universum mit 14 Typen - Kraftvolle Weiße und Rosés - Rote Vielfalt und rote Klasse - Weinadel und Kultweine
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein? (4)
Zuckerl - Süße Exotik - Aufgespritete Spezialitäten - Champagner und Co. - Jeder Anlass hat seinen Wein
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein? (5)
Essen und Trinken - Die richtige Reihenfolge - Suppe und Schokolade - Leicht oder schwer - Fleisch und Geflügel satt
 
 
Wo wächst der Wein? (1)
Alte und Neue Welt - Deutschland, noch ein Weißweinparadies  - Steile Hänge an Mosel und Ahr - Burgen und Schlös ser
 
  
Wo wächst der Wein? (2)
Qualitätsinseln im Rebenmeer - Kraft durch Wär me - Vom Ländle an den Main - Neues im Osten - Lebendige Traditionen
 
 
Wo wächst der Wein? (3)
Zwischen Pannonien und den Alpen - Burgenland und Steiermark - Weinbau dreisprachig - Vorreiter des Weltweinbaus - Zehn Regionen
 
  
Wo wächst der Wein? (4)
Grands Crus und Terroirs - Von den Alpen zum Mittel meer - Aufschwung in Okzitanien - Adel verpflichtet
 
 
Wo wächst der Wein? (5)
 Gallier und Römer - Konkurrenz für die Champagne - Die Adriaküste - Das Reich des Sangiovese - Der Süden und die Inseln - Iberische Klasse
 
  
Wo wächst der Wein? (6)
Starrebe Tempranillo - Ein Vino Unico - Nicht nur Porto - Die Zukunft wartet
 
 
Wo wächst der Wein? (7)
Die Wiege des Weinbaus - Vorderasien und Afrika - Weinbau am Kap - Neue Welt mit alten Traditionen - Von Carmenère zu Malbec
 
  
Wo wächst der Wein? (8)
Das restliche Südamerika - California oder Kalifornien - Ein Modell für die Welt - Weinbau im kalten Norden - Bei den Antipode
 
 
Wo wächst der Wein? (9)
Finessenreiche Weine - Fernöstliche Gestade - m Reich der Mitte

Wie erkennt man guten Wein? (1)
Der Preis ist heiß

 
 
Wie erkennt man guten Wein? (2)
Führer und Verführer - Die Kunst des Verkostens - Die richtigen Bedingungen - COS - Guter Wein ist schön
 
  
Wie erkennt man guten Wein? (3)
Die Farbe kann täuschen - Ein Universum voller Aromen - Weniger ist mehr - Primär, sekundär oder tertiär - Weinfehler und -krankheiten
 
 
Wie erkennt man guten Wein? (4)
Echte Geschmackseindrücke - Metamorphosen - Geschmacksbeschreibungen - Ein Abgang mit Stil - Weine bewerten
 
  
Über den richtigen Umgang mit Wein (1)
Vertrauen ist gut … - Wie der Wein reist - Im Regal - Verkosten beim Händler
 
 
Über den richtigen Umgang mit Wein (2)
Versteckspiel mit Weinkarte - Wer bietet mehr? - Überschaubarer Grundstock - Jeder Wein reift anders - Stehend oder liegend?
 
  
Über den richtigen Umgang mit Wein (3)
Ordnung im Keller - Nicht zu kalt und nicht zu warm - Kork oder nicht Kork?
 
 
Über den richtigen Umgang mit Wein (4)
Umstrittenes Dekantieren - Welches Glas für welchen Wein?