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Der Wein

Basiswissen für Einsteiger in 31 Folgen


von Eckhard Supp *

 

Folge 2: Was ist Wein? (2)

 


Alle Fotos: © Eckhard Supp

  

Wein in der Antike

Diese Art des Austauschs und der „Globalisierung" des Weingeschmacks ist in der Geschichte des Weinbaus jedoch nicht wirklich neu. Von ihren Ursprüngen im Kaukasus an waren Weinreben und Wein fast ständig Objekt und Vehikel des Austauschs zwischen den Kulturen. Rebsorten wurden von einem Land ins nächste, von einem Kontinent in den anderen verpflanzt, und mit ihnen die Kunst des Weinmachens, bestimmte Techniken der Weinbereitung und damit natürlich auch bestimmte Wein- oder Geschmackstypen.

Die Entwicklung des Weinbaus ist untrennbar mit der Geburt der vorderasiatischen und europäischen Zivilisationen verbunden. Obwohl Nomadenvölker bereits vor mehr als 7000 Jahren wilde Trauben zu Wein vergoren, im 8. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung im Nahen Osten erste, rudimentäre Rebpflanzungen angelegt wurden und die ältesten Funde von Werkzeugen im nördlichen Kaukasus, die dem Weinmachen gedient haben könnten, auf das 5. oder 6. Jahrtausend v. Chr. datiert werden, ist die Existenz von Rebkulturen wissenschaftlich erst für das 4. Jahrtausend in Ägypten und im Zweistromland, in der Ägäis für etwa 2500 v. Chr.
nachgewiesen.

Die Mönche des Zisterzienserklosters Cîteaux im 
Burgund legten rund um ihren Wirtschaftshof in 
Vougeot eine der bekanntesten Weinbergslagen 
der Welt an: Clos Vougeot.

 

Wahrscheinlich stammt der Begriff Wein selbst aus dem Armenischen, Hebräischen, Arabischen oder dem Sanskrit und gelangte über das griechische „oinos" und das lateinische „vinum" zu uns. Eine erste Blüte erlebte der Weinbau im Ägypten der Pharaonen. Unter ihnen entwickelte sich auch zum ersten Mal ein reger Weinhandel, und mancher Historiker vermutet gar, dass die Grundlagen unserer modernen Ökonomie – Geld, Verträge, Gerichte, Rechnungswesen und vielleicht sogar unser Zahlensystem und Zeitmaß – im Rahmen dieses (Wein-)Handels erfunden wurden.

Von Ägypten nach Griechenland

Griechenland war die erste europäische Etappe des Weinbaus, wobei die minoische Kultur Kretas als Brückenkopf diente. Bereits im 2. Jahrtausend war Wein ein fester Bestandteil der griechischen Kultur. Vor allem die meist mit Gewürzen, Honig, Harz oder Duftstoffen aromatisierten Produkte der Ägäisinseln Lesbos, Rhodos und Thasos genossen weit über die Region hinaus Ansehen. Chios, das Bordeaux der Antike, exportierte gar bis ins Gebiet des heutigen Russland. Wein gewann für die Griechen eine solche wirtschaftliche und soziale Bedeutung, dass sie ihm eine eigene Gottheit widmeten: Dionysos, den Gott der Fruchtbarkeit und der Ekstase.

  

   

Modeweine oder Modellweine?

Nicht jeder Modewein ist ein Modellwein, und leider haben sich die Erzeuger vieler Weinbauländer im Laufe der Geschichte immer wieder dazu verleiten lassen, es mit der Qualität nicht so genau zu nehmen. Das galt und gilt auch für viele Erzeuger von Modeweinen der letzten Jahrzehnte. In Deutschland – und nicht nur hier – musste ein Wein bis in die 1970er-Jahre ja einfach nur süß sein, und wenn er die Bezeichnung Spät- oder Auslese trug, galt er als besonders wertvoll. Wie fatal diese „Moderichtung" war, zeigte sich auf besonders drastische Weine im österreichischen Weinskandal Mitte der 1980er-Jahre, als eine Handvoll findiger Winzer entdeckten, dass man die Süße im Wein billig erzielen konnte, wenn man einfach Frostschutzmittel, Glykol, beimischte. Das diese Panscherei der Gesundheit der Kunden nicht eben zuträglich war, interessierte sie nur sekundär.

In die Hoch-Zeit des papp- und klebrigsüßen Weins fiel der Erfolg des französischen Edelzwickers. Vielen Weinfreunden galt er als der Inbegriff des sauber gemachten, trockenen Speisenbegleiters, aber dieses Renommée hielt nur, so lange die Erzeuger des beliebten „Elsässers" noch nicht entdeckt hatten, dass ihr Zwicker ein wahrer Goldesel war. Die Konsequenz dieser Erkenntnis: Immer größere Mengen immer schlechterer Weine überschwemmten den Markt und ruinierten nicht nur die Preise, sondern schließlich auch Gaumen und Mägen der Weinfreunde in aller Welt.

Auf der Welle von Weinmoden überschwemmt leider immer wieder viel zu oft schlechte Qualität den Markt. Wer deshalb phantasielos nur nach „Prosecco", „Beaujolais Nouveau", „Pinot grigio" oder „Grünem Veltliner" verlangt, weil das „in" ist und er vor den Tischnachbarn eine gute Figur abgeben will, der riskiert, daß ihm irgendwann nur noch minderwertige Qualität serviert wird.

Darüber hinaus passen Modeweine ja oft nur zu wenigen Anlässen – ein Prosecco beispielsweise eignet sich als Aperitif, ein Beaujolais Nouveau passt vielleicht zu einfachen, rustikalen Gerichten – und verderben in den restlichen Fällen eher den Brei, pardon, den Geschmack. Sicher ist es ein wenig anstrengender, für jede Gelegenheit den richtigen Wein zu wählen, aber der Genuss ist dafür auch um ein Vielfaches größer.


   

  

Die griechischen Siedler, die in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. neue Lebensräume im restlichen Mittelmeerraum eroberten, führten den Weinbau in den Kolonien ein: Sizilien, Süditalien und Südfrankreich wurden zu neuen Zentren der europäischen Weinkultur und lösten das alte Griechenland ab. Es blieb den Römern vorbehalten, den Weinbau zu einem vollwertigen Wirtschaftszweig zu entwickeln und ihn in Mitteleuropa einzuführen.

Dabei wirkte eine Katastrophe als Auslöser: Die Zerstörung der Stadt Pompeji durch den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 unserer Zeitrechnung führte dazu, dass das römische Imperium auch in den nördlicher gelegenen Provinzen Weinbau entwickeln musste. Im Kernland Roms, dem heutigen Latium, war schon bald das gesamte landwirtschaftlich nutzbare Land mit Reben bestockt. Dies zwang Kaiser Domitian sogar dazu, die Anlage neuer Weinbergsflächen im gesamten Reich zu verbieten, da er die übrige Lebensmittelproduktion durch die entstehende Monokultur gefährdet wähnte. Erst 200 Jahre später hob Marcus Aurelius Probus, der die Versorgung seiner Truppen in den germanischen und pannonischen Provinzen mit dem kostbaren Nass sicherstellen wollte, das Domitianische Edikt wieder auf und sorgte so für die Entstehung und Entwicklung der mittel- und westeuropäischen Weinbaugebiete.

Gallier, Kelten und Germanen

Im Zuge der Konsolidierung ihres Reiches und der Verdrängung oder Unterwerfung von Galliern, Kelten und Germanen legten die Römer in der Folge in jedem auch nur einigermaßen geeigneten Landstrich Rebkulturen an – es war eine Globalisierung von weitaus größerer Tragweite als in unseren Tagen. Dabei verbreiteten sie ihr Wissen vom Weinmachen und die dazugehörigen Instrumente wie die Kelter sowie – nach Ablösung der Amphore – das Holzfass. Mosel und Rheingau, Wachau, Burgund und die Pfalz, Rioja und natürlich die Region um Bordeaux wurden unter ihnen zu dem, was sie heute noch sind: Zentren der europäischen Weinkultur.

Holländer entdeckten, noch lange vor den Engländern, die Qualität der Weine aus dem Dourotal. Sie brachten 
sie zunächst flussabwärts in die Hafenstadt Porto, wo sie zu Portwein reiften, um dann nach Amsterdam und 
in die ganze Welt verschifft zu werden.

  
Der Zerfall des römischen Reiches führte zu einer Stagnation des Weinbaus. Zwar überlebte die Rebe diese schwierigste Zeit der europäischen Kulturgeschichte – selbst die lange arabische Herrschaft in Spanien mit ihrem strengen Alkoholverbot konnte ihren Kulturen letztlich nichts anhaben –, aber es sollte bis ins 7. und 8. Jahrhundert dauern, bis die Weinwirtschaft des Kontinents neuen Aufschwung erlebte. Merowinger und Karolinger – allen voran Karl der Große –, vor allem aber die mittelalterlichen Klöster gehörten zu ihren wichtigsten Förderern.

Im 12. Jahrhundert trat Bernard de Fontaine, bekannter als Bernhard von Clairvaux, in das kleine Kloster Cîteaux in der Nähe des Städtchens Nuits-Saint-Georges ein, wo er seine gegen den luxuriösen Lebensstil der berühmten Benediktinerabtei Cluny gerichteten, asketischen Glaubensgrundsätze predigte. Cîteaux und sein Wirtschaftshof in Vougeot wurden zum Zentrum des aufstrebenden Weinbaus der burgundischen Côte d’Or. Hier entstanden die Grundlagen für die noch heute gültige Klassifizierung der Weinbergslagen des Burgund und von hier aus trugen die Zisterzienser, der neue Orden Bernhards, die Kunst der Weinbereitung ins restliche Mitteleuropa: 1136 gründeten sie Kloster Eberbach im Rheingau, das schon bald zum größten Weinbaubetrieb Europas wurde und in seiner Blütezeit fast 200 eigene Handelsniederlassungen besaß.

Aufschwung im Mittelalter

Auch im Südwesten Frankreichs begann die Erfolgsgeschichte des Weinbaus im 12. Jahrhundert. 1152 hatte Aliénor von Aquitanien den späteren König von England und Herzog der Normandie, Heinrich II. Plantagenet, geheiratet: Die Gascogne geriet unter englische Herrschaft und konnte mit Hilfe großzügiger Zollprivilegien zum bedeutendsten Weinlieferanten des englischen Hofes und der Londoner Gesellschaft aufsteigen.

Nachdem Karl der Große der Kirche das Recht auf den Zehnten gewährt und ihr damit die Möglichkeit eröffnet hatte, in den Weinhandel einzusteigen, verwandelten Klöster nicht nur den Rheingau, sondern ganz Deutschland in ein Rebenmeer. Im 15. Jahrhundert wurde am Westhang des Schwarzwalds, in Franken und an der Nahe Weinbau betrieben. Mit 300.000 Hektar war die Rebfläche gut drei Mal so groß wie heute, und alleine die Kölner Weinhändler schlugen im Jahr 100.000 Hektoliter um – eine für die damalige Zeit beachtliche Menge.

In den Mittelmeerländern, wo die Geschichte der europäischen Weinkultur einst ihren Anfang genommen hatte, ließ der Aufschwung länger auf sich warten – in Spanien bis zur Rückeroberung des Landes von den Mauren im 15. Jahrhundert, wobei die iberische Halbinsel dann allerdings gleich in doppelter Hinsicht zu einem der Hauptschauplätze des Weltweinbaus wurde. Zum einen konnten Anbaugebiete wie die des Sherry in Andalusien oder des Portweins im Dourotal von der Schwäche anderer Länder und Regionen profitieren und die Einkäufer des wichtigsten Weinmarktes der Welt, England, für ihre Weine interessieren. Zum anderen sorgten die Spanier im 15. und 16. Jahrhundert dafür, dass europäische Weinreben zum ersten Mal auch den amerikanischen Kontinent erreichten: Im Zuge der spanischen Eroberungen und Koloniegründungen führte Hernando Cortez, der berühmteste spanische Eroberer, Setzlinge nach Mexiko ein, und Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden bereits im heutigen Chile die ersten Rebgärten, lange vor Nordamerika und den anderen Ländern der so genannten Neuen Welt.

Vom Weinhandel zum Welthandel

Eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung des Weltweinbaus kam auch den Holländern zu. Sie verluden zum ersten Mal Wein in Porto, ini-tiierten das Schnapsbrennen in der Gascogne (Armagnac) und der Charente (Cognac) und legten Anfang des 17. Jahrhunderts die Sümpfe des Médoc nördlich der Stadt Bordeaux trocken. Als Einkäufer füllten sie in Bordeaux die Lücke, welche die Engländer nach dem Verlust ihrer Herrschaft über die Gascogne in der Folge des Hundertjährigen Kriegs gelassen hatten. Dank ihrer Unterstützung konnten einheimische Familien wie die Pontacs oder die Lestonnacs mit einer Reihe von Châteaugründungen die Basis für den Bordeaux-Weinbau späterer Jahrhunderte legen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts errangen die Engländer auf Grund ihrer militärischen Schlagkraft wieder die Herrschaft über Weltmeere und Welthandel – eine Entwicklung, die der spanische Erbfolgekrieg noch akzentuierte. London wurde zum wichtigsten Weinhandelszentrum der Welt, und englische Familien avancierten zu neuen Herrschern in Bordeaux, wo sie dem Weinbau endgültig ihren Stempel aufdrückten.

Die Zeit zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert war von tiefgreifenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen geprägt – es war die Geburt der von Europa dominierten Weltwirtschaft und der demokratischen Staatsverfassungen. Englische Siedler und toskanischer Adel legten in Nordamerika erste Rebflächen an, Südafrika trat mit den berühmten Süßweinen von Constantia in Erscheinung, und auch in Europa tauchten neue Länder und Namen auf den Weinbaukarten auf, unter ihnen die Anbaugebiete von Tokaj, Madeira und Marsala, die mit den damals so beliebten Süß- und Likörweinen glänzten. (Forts. folgt)

  
* sämtliche Zahlenangaben in diesem Text stammen aus der Zeit von vor 2006. 
     Für aktuellere Angaben s. unsere Weltweinstatistik oder das Lexikon.

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Den vollständigen Text dieser Serie 
können Sie auch als Buch erwerben:


Inhalt 
 
 
Vorwort

Was ist Wein? (1)
Nahrungs- oder Genussmittel? - Ein vielseitiges Getränk

 

 
Was ist Wein? (2)
Wein in der Antike - Von Ägypten nach Griechenland - Gallier, Kelten und Germanen - Aufschwung im Mittel alter - Vom Weinhandel zum Welthandel

 
 
Was ist Wein? (3)
Die Reblauskatastrophe - Die Neue Welt setzt Maßstäbe - Das Erbe des Hippokrates - Phenole gegen Radikale
 
 
Was ist Wein?
(4)
Auf die Dosis kommt es an - Alte Weine zum Sammeln

Wie wird Wein gemacht? (1)
Europäer- und Amerikanerreben

 
 
Wie wird Wein gemacht?
(2)
Makroklima und Klein klima - Klima und Boden bestimmen den Geschmack - Chemie, Physik und Biologie
 
 
Wie wird Wein gemacht?
(3)
Die wichtigsten Boden arten - Sand, Kreide, Feuerstein - Was ist Terroir? - Ertrag nach drei Jahren
 
 
Wie wird Wein gemacht?
(4)
Wann sind die Trauben reif? - Die Weinlese Weißweinsorten und Rotweinsorten - Chardonnay und Riesling
 
 
Wie wird Wein gemacht?
(5)
Weißweinperlen - Pinot, Cabernet und Co. - Roter Weltherrscher - Die Wein bereitung - Die alkoholische Gärung
 
  
Wie wird Wein gemacht?
(6)
Stahl oder Holz? - Die Rotweinbereitung - Jedem Weintyp seinen Gärtyp - Prickler und Schäumer
 
  
Wie wird Wein gemacht?
(7)
Rütteln und Degorgieren - Süße Spezialitäten - Alkoholspritze
 
 
Wie wird Wein gemacht?
(8)
Wunderpilze - Chemische Hilfsmittel - Notwendig oder überflüssig?

Wie wählt man den richtigen Wein? (1)
Die Qualitätspyramide

 
  
Wie wählt man den richtigen Wein?
(2)
Bezeichnungswirrwarr - Geschmack und Qualität bleiben ein Geheimnis
 
   
Wie wählt man den richtigen Wein?
(3)
Ein Universum mit 14 Typen - Kraftvolle Weiße und Rosés - Rote Vielfalt und rote Klasse - Weinadel und Kultweine
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein?
(4)
Zuckerl - Süße Exotik - Aufgespritete Spezialitäten - Champagner und Co. - Jeder Anlass hat seinen Wein
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein?
(5)
Essen und Trinken - Die richtige Reihenfolge - Suppe und Schokolade - Leicht oder schwer - Fleisch und Geflügel satt
 
 
Wo wächst der Wein? (1)
Alte und Neue Welt - Deutschland, noch ein Weißweinparadies  - Steile Hänge an Mosel und Ahr - Burgen und Schlös ser
 
  
Wo wächst der Wein?
(2)
Qualitätsinseln im Rebenmeer - Kraft durch Wär me - Vom Ländle an den Main - Neues im Osten - Lebendige Traditionen
 
 
Wo wächst der Wein?