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Der Wein

Basiswissen für Einsteiger in 31 Folgen


von Eckhard Supp *

 

 

Folge 1: Vorwort

 


Alle Fotos: © Eckhard Supp

  
Bereits vor mehreren tausend Jahren wurde im Gebiet des Kaukasus und in Kleinasien Wein gekeltert. Im antiken Griechenland und im römischen Reich galt er als Göttertrank; dem auch eigene Gottheiten – Dionysos und Bacchus – gewidmet waren. Für das aufkommende Christentum war Wein das Symbol des Blutes Christi und diese Symbolik lebt in der Eucharistie bis auf den heutigen Tag fort. Aus der europäischen Zivilisationsgeschichte ist Wein nicht wegzudenken: Er war lange Zeit eines der wichtigsten Nahrungs- und Heilmittel, ein bedeutendes Wirtschaftsgut, ein Insprirationsquell für Dichtung und Gesang und immer wieder auch eine Art sozialer Beruhigungsdroge.

Mehr als zwei Jahrtausende lang war Wein vor allem ein unverzichtbarer Kalorienlieferant und das hygienischste aller bekannten Getränke; er war keimfrei und konnte daher keine Krankheiten oder Seuchen übertragen. Heute dagegen gilt er primär als reines Genussmittel, als die Verkörperung des modernen Lebensgefühls. Niemals zuvor gab es so viele Weinbauländer und -regionen, nie so viele exzellente Tropfen. Aber gerade weil wir unter so vielen Namen und Etiketten wählen können, fällt uns die Wahl des richtigen Weins häufig schwer.

Natürlich könnten wir immer nach dem gleichen Etikett greifen und im Restaurant nur den Haustrunk wählen. Die Weinwelt wäre dann einfach und überschaubar, wir bräuchten uns keine Jahrgänge oder Rebsorten merken und uns nicht zu fragen, ob der Wein wirklich zum Anlass passt. Aber das wäre etwa so, als hörten wir tagaus-tagein das selbe Musikstück, bestellten im Restaurant immer das gleiche Gericht oder läsen immer wieder das selbe Buch.

Man kann und darf Wein trinken, ohne vorher Weinbau oder Kellerwirtschaft studiert, dicke Kompendien gelesen zu haben. Wer aber die ganze Vielfalt genießen will, die ihm die heutige Weinwelt bietet, braucht ein Minimum an Grundkenntnissen. Nur dann wird er zu jedem Anlass den passenden Wein wählen und in der Lage sein, zwischen guten und schlechten, jung zu trinkenden und alterungsfähigen, preiswürdigen und zu teuren Weinen zu unterscheiden, sich im Dschungel der Herkunftsbezeichnungen, Geschmacksangaben, Erzeugernamen, Rebsorten und Macharten zu orientieren und mit der Flut von Informationen umzugehen, die jeden Tag in Form von Anzeigen, Werbeprospekten, Händler- und Winzerempfehlungen oder Presseberichten auf ihn einstürmen.

 

Was ist Wein?

 

 

Wein ist ein alkoholisches Getränk, das durch Gärung aus dem Saft der Beeren von Weinreben gewonnen wird. Dies ist – natürlich stark verkürzt – eine Definition von Wein, wie man sie in den Gesetzestexten der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsländer findet. Das wichtigste an ihr ist die klare, unmissverständliche Abgrenzung „echten" Weins von allen möglichen Arten durch Gärung erzeugter, so genannter Obst- oder Honigweine, wie auch von alkoholhaltigen, weinähnlichen Kunstgetränken. Wein ist vergorener Rebensaft! Wenn Chemiker dagegen Wein als hydro-alkoholische Lösung, als Lösung von Alkohol und etwa 20 bis 30 Gramm pro Liter anderer Substanzen – darunter fast 400 verschiedene Aroma- und Geschmacksstoffe – in Wasser bezeichnen, dann ist eine solche Definition trotz ihrer wissenschaftlichen Genauigkeit deutlich unschärfer. Kaum jemand trinkt ja Wein, weil er Alkohol enthält – da erfüllten hochprozentige Brände weit besser den Zweck.

In vielen Ländern Europas, insbesondere im Mittelmeerraum, ist Wein das traditionsreichste, beliebteste und alltäglichste aller Getränke. Während die Hitliste der alkoholischen Getränke im deutschsprachigen Raum immer noch von Bier dominiert wird – allerdings mit abnehmender Tendenz –, trinken beispielsweise Franzosen und Italiener überwiegend Wein: durchschnittlich 50 oder 60 Liter Wein im Jahr, wobei es bis vor wenigen Jahrzehnten sogar zwischen 120 und 140 Liter im Jahr sein konnten. Das entspricht einem Konsum von 70 bis 80 Flaschen, und dieser Durchschnittswert schließt Kinder, Alte, Kranke und Abstinenzler mit ein. Aus dem Mittelalter ist überliefert, dass den Insassen vieler Hospize – meist waren das kranke und alte Menschen – eine Tagesration von bis zu fünf Litern zustand, wenngleich es sich dabei oft um stark verdünnten Wein oder mit Wasser aufgegossenen Trinkessig handelte.

Nahrungs- oder Genussmittel?

In Ländern mit hohem Weinkonsum wurde und wird Wein vor allem zu den Mahlzeiten getrunken; das Glas Wein außerhalb der Mahlzeiten, der „vino di meditazione", wie ihn der jüngst verstorbene italienische „Weinpapst" Luigi Veronelli einmal nannte, der „Meditationswein" für das Tête-à-tête oder die besinnlichen Stunden allein, war dagegen immer eine Erscheinung der Länder Mittel- und Nordeuropas. Im Zeitalter veränderter sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen, im Zeichen des relativen Überflusses, der die westeuropäischen Gesellschaften seit dem Zweiten Weltkrieg kennzeichnet, ist die Funktion des Weins als Kalorienlieferant, als Nahrungsmittel weitgehend hinfällig geworden.

   

Die chemische Zusammensetzung von Weinen

Wein besteht nur zu 15-20 % aus aroma- und geschmacksbildenden Substanzen, der Rest ist Wasser. Unter den Geschmacksbildnern dominieren mit 60 bis 120 g/l der Alkohol, genauer gesagt Äthylalkohol, auch Äthanol genannt, sowie Kohlenhydrate, d. h. Zucker, der in Süßweinen bis zu 250 g/l ausmachen kann. 6-12 g/l sind Glyzerin, 4-15 g/l die verschiedenen Säuren, v. a. Weinsäure.

Etwa 0,2 bis 0,8 g/l werden von Methanol (Methylalkohol) und höheren Alkoholen gestellt, 0,01 bis 0,1 g/l von so genannten Aldehyden, das sind organische Verbindungen mit der Molekülgruppe CHO (Kohlenstoff-Wasserstoff-Sauerstoff), die im Wein sowohl im Anfangsstadium der Gärung – als Zwischenprodukte der Alkoholbildung – als auch durch Oxidation bei längerem, ungehindertem Luftzutritt entstehen.

Mineralstoffe und Spurenelemente, die wesentlich zum Geschmackscharakter der Weine beitragen, sind zu 1,8 bis 2,5 g/l vorhanden, sonstige Aromastoffe zu 0,8 bis 1,2 g/l. Der Rest entfällt auf Vitamine (0,4 bis 0,7 g/l), auf Eiweiß- bzw. Stickstoffverbindungen (0,3 bis 1,0 g/l) und Kolloide – das sind nicht gelöste, in feiner Suspension verteilte Substanzen 
(0,15 bis 1,0 g/l).
   

  
Es waren vor allem die „Meditations-" oder „Genusstrinker" und die „Alltagskonsumenten", die mit ihren steigenden Ansprüchen dem Wein von den späten 1970er-Jahren an zu nie zuvor erlebter Qualität und Vielfalt verhalfen. In fast allen Weinbauländern mussten sich die Erzeuger, deren Streben in den Jahrzehnten zuvor häufig nur auf die Erzeugung möglichst großer Mengen zu möglichst niedrigen Preisen gerichtet war, nicht aber auf wirkliche Spitzenweine, den gestiegenen Anforderungen stellen. In Deutschland wurden trockene Weißweine im Stil des Elsässer Edelzwickers modern, in Italien geriet der sprichwörtliche „vino dello zio" – der Wein vom Onkel (Bruder, Cousin oder Opa), den dieser unter meist unsäglichen Bedingungen gekeltert hatte, und der meist ebenso unsäglich schmeckte – allmählich in Verruf und die Verbraucher verlangten vermehrt nach wirklichen Qualitätsweinen.

Die Folge dieser Entwicklung war ein ungeheurer, einzigartiger qualitativer Aufschwung, der Ende des Jahrtausends seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Ausgehend von den Ländern der Neuen Welt mit ihrem teilweise sehr jungen Weinbau – besonders Kalifornien, wo überhaupt erst in den 1960er-Jahren Ernst zu nehmender Weinbau entstanden war, tat sich dabei hervor –, ergriff diese Qualitätsbewegung Italien, Österreich, Spanien und die Grande Nation des Weltweinbaus, Frankreich, mit gewisser Verzögerung schließlich auch Deutschland, Portugal und die anderen Länder der Alten Welt.

Ein vielseitiges Getränk

Wein war schon vor dieser Entwicklung ein ungemein vielseitiges Getränk, und das Aufkommen neuer Anbaugebiete und Weinbauländer hat diese Vielfalt nur noch vergrößert. Es reicht, sich die wichtigsten Weinarten zu vergegenwärtigen: Da gibt es so genannte Stillweine, das heißt Weine, die nicht perlen und in der Regel einen Alkoholgehalt weniger als 15 Vol.-% aufweisen, dann die perlenden Weine und schließlich Likörweine, die mit Alkohol versetzt und häufig süß sind. Innerhalb dieser Kategorien wiederum differenziert man bei den Stillweinen etwa zwischen Weißen, Roten und Rosés, bei den perlenden zwischen Perl- und Schaumweinen. In jeder dieser Untergruppen wiederum gibt es die verschiedenartigsten Weintypen, deren jeweiliger Charakter von zahlreichen Faktoren abhängig ist: von der Rebsorte, vom Klima und der Weinbergslage, vom Jahrgangsverlauf und nicht zuletzt von der Arbeit des Weinmachers, die darüber entscheidet, nach welcher Methode, mithilfe welcher Verfahren die Trauben verarbeitet werden. Alles in allem ergibt das Hunderte, wenn nicht Tausende unterschiedlicher Geschmacksrichtungen.

Die steilen Hänge oberhalb von Bozen gehören zu den besten Weinbergslagen Südtirols.
In der norditalienischen Region wachsen die alten einheimischen Rebsorten Vernatsch
und Lagrein Seite an Seite mit solchen, die aus Deutschland oder Frankreich eingeführt wurden,
wie Riesling, Merlot und Cabernet Sauvignon. 

Die Entstehung des modernen Weltweinbaus, die Globalisierung der Weinindustrie, hat aber paradoxerweise nicht nur die Vielfalt des Weinangebots vergrößert, sondern auch für eine gewisse Vereinheitlichung der Typen und Stile geführt. So wurden die besten europäischen – vor allem französischen – Rebsorten in fast allen Ländern der Neuen Welt ausgepflanzt, der wachsende Austausch zwischen den Weinmachern aller Länder führte zu einer gewissen Standardisierung ihrer Methoden, und die Industrialisierung von Weinbau und Kellerwirtschaft führte leider in zahlreichen Ländern zum einem Verlust lagentypischer und handwerklicher Individualität der einzelnen Weine. Vor allem in den 1980er- und beginnenden 1990er-Jahren setzte sich in vielen Ländern das durch, was man den internationalen Weinstil nennt.

Dieser manifestierte sich vor allem in größerer Fruchtbetontheit und rascherer Trinkbarkeit der Weine, in der Dominanz bestimmter Rebsorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon oder Merlot und leider auch in einer gewissen Internationalisierung der Weinnamen – so konnte das englische „dreams", Träume, einen italienischen Wein zieren, österreichische Gewächse schmückten sich mit lateinischen Namen und in den englischsprachigen Ländern der Neuen Welt verbreiteten sich mit rasanter Geschwindigkeit französisch oder italienisch klingende Bezeichnungen.

(Forts. folgt)
* sämtliche Zahlenangaben in diesem Text stammen aus der Zeit von vor 2006. Für aktuellere Angaben s. unsere Weltweinstatistik oder das Lexikon.

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Den vollständigen Text dieser Serie 
können Sie auch als Buch erwerben:


Inhalt 
 
 
Vorwort

Was ist Wein? (1)
Nahrungs- oder Genussmittel? - Ein vielseitiges Getränk

 

 
Was ist Wein? (2)
Wein in der Antike - Von Ägypten nach Griechenland - Gallier, Kelten und Germanen - Aufschwung im Mittel alter - Vom Weinhandel zum Welthandel

 
 
Was ist Wein? (3)

Die Reblauskatastrophe - Die Neue Welt setzt Maßstäbe - Das Erbe des Hippokrates - Phenole gegen Radikale
 
 
Was ist Wein?
(4)
Auf die Dosis kommt es an - Alte Weine zum Sammeln

Wie wird Wein gemacht? (1)
Europäer- und Amerikanerreben

 
 
Wie wird Wein gemacht? (2)
Makroklima und Klein klima - Klima und Boden bestimmen den Geschmack - Chemie, Physik und Biologie
 
 
Wie wird Wein gemacht? (3)
Die wichtigsten Boden arten - Sand, Kreide, Feuerstein - Was ist Terroir? - Ertrag nach drei Jahren
 
 
Wie wird Wein gemacht? (4)
Wann sind die Trauben reif? - Die Weinlese -  Weißweinsorten und Rotweinsorten - Chardonnay und Riesling
 
 
Wie wird Wein gemacht? (5)
Weißweinperlen - Pinot, Cabernet und Co. - Roter Weltherrscher - Die Wein bereitung - Die alkoholische Gärung
 
  
Wie wird Wein gemacht? (6)
Stahl oder Holz? - Die Rotweinbereitung - Jedem Weintyp seinen Gärtyp - Prickler und Schäumer
 
  
Wie wird Wein gemacht? (7)
Rütteln und Degorgieren - Süße Spezialitäten - Alkoholspritze
 
 
Wie wird Wein gemacht? (8)
Wunderpilze - Chemische Hilfsmittel - Notwendig oder überflüssig?
Wie wählt man den richtigen Wein? (1)
Die Qualitätspyramide
 
  
Wie wählt man den richtigen Wein? (2)
Bezeichnungswirrwarr - Geschmack und Qualität bleiben ein Geheimnis
 
   
Wie wählt man den richtigen Wein? (3)
Ein Universum mit 14 Typen - Kraftvolle Weiße und Rosés - Rote Vielfalt und rote Klasse - Weinadel und Kultweine
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein? (4)
Zuckerl - Süße Exotik - Aufgespritete Spezialitäten - Champagner und Co. - Jeder Anlass hat seinen Wein
 
 
Wie wählt man den richtigen Wein? (5)
Essen und Trinken - Die richtige Reihenfolge - Suppe und Schokolade - Leicht oder schwer - Fleisch und Geflügel satt
 
 
Wo wächst der Wein? (1)
Alte und Neue Welt - Deutschland, noch ein Weißweinparadies  - Steile Hänge an Mosel und Ahr - Burgen und Schlös ser
 
  
Wo wächst der Wein? (2)
Qualitätsinseln im Rebenmeer - Kraft durch Wär me - Vom Ländle an den Main - Neues im Osten - Lebendige Traditionen
 
 
Wo wächst der Wein? (3)
Zwischen Pannonien und den Alpen - Burgenland und Steiermark - Weinbau dreisprachig - Vorreiter des Weltweinbaus - Zehn Regionen
 
  
Wo wächst der Wein? (4)
Grands Crus und Terroirs - Von den Alpen zum Mittel meer - Aufschwung in Okzitanien - Adel verpflichtet
 
 
Wo wächst der Wein? (5)
 Gallier und Römer - Konkurrenz für die Champagne - Die Adriaküste - Das Reich des Sangiovese - Der Süden und die Inseln - Iberische Klasse
 
  
Wo wächst der Wein? (6)
Starrebe Tempranillo - Ein Vino Unico - Nicht nur Porto - Die Zukunft wartet
 
 
Wo wächst der Wein? (7)
Die Wiege des Weinbaus - Vorderasien und Afrika - Weinbau am Kap - Neue Welt mit alten Traditionen - Von Carmenère zu Malbec
 
  
Wo wächst der Wein? (8)
Das restliche Südamerika - California oder Kalifornien - Ein Modell für die Welt - Weinbau im kalten Norden - Bei den Antipode
 
 
Wo wächst der Wein? (9)
Finessenreiche Weine - Fernöstliche Gestade - m Reich der Mitte

Wie erkennt man guten Wein? (1)
Der Preis ist heiß
 
 
Wie erkennt man guten Wein? (2)
Führer und Verführer - Die Kunst des Verkostens - Die richtigen Bedingungen - COS - Guter Wein ist schön
 
  
Wie erkennt man guten Wein? (3)
Die Farbe kann täuschen - Ein Universum voller Aromen - Weniger ist mehr - Primär, sekundär oder tertiär - Weinfehler und -krankheiten
 
 
Wie erkennt man guten Wein? (4)
Echte Geschmackseindrücke - Metamorphosen - Geschmacksbeschreibungen - Ein Abgang mit Stil - Weine bewerten
 
  
Über den richtigen Umgang mit Wein (1)
Vertrauen ist gut … - Wie der Wein reist - Im Regal - Verkosten beim Händler
 
 
Über den richtigen Umgang mit Wein (2)
Versteckspiel mit Weinkarte - Wer bietet mehr? - Überschaubarer Grundstock - Jeder Wein reift anders - Stehend oder liegend?
 
  
Über den richtigen Umgang mit Wein (3)
Ordnung im Keller - Nicht zu kalt und nicht zu warm - Kork oder nicht Kork?
 
 
Über den richtigen Umgang mit Wein (4)
Umstrittenes Dekantieren - Welches Glas für welchen Wein?