|
Skandale,
Randale!
Vor
wenigen Wochen konnte ich die Arbeiten an der Neuauflage eines
Weinlexikons abschließen und
musste dabei erschreckt feststellen, wie rapide und dramatisch sich der
Weltweinbau in jüngster Zeit hinsichtlich der meist verbreiteten Rebsorten geändert hat.
Während hinter dem heute wie früher führenden spanischen Airén noch vor
wenigen Jahren Grenache und Carignan den zweiten und dritten Platz belegten,
Merlot dagegen erst auf
dem vierten und Cabernet Sauvignon sogar erst auf dem siebten Platz (zusammen mit Tempranillo und
Chardonnay) folgten, laufen Cabernet und
Merlot heute bereits an zweiter und dritter Stelle ein, und die
Cabernet-Rebfläche hat sich in der kurzen Zeit mehr als verdoppelt.
Wenn
Sorten, aus denen heute wie früher nur selten hochwertige Weine
gekeltert werden, so Airén, País oder einige Sorten der deutschen
Zuchtfurie des letzten Jahrhunderts, im Laufe dieser Entwicklung
gewaltig an Boden verloren haben, dann ist das sicher zu
begrüßen. Wenn aber hochwertiges Rebmaterial
für immer aus unseren Weinbergen, der Geschmack der aus ihm gekelterten
Weine für immer aus unserem organoleptischen Gedächtnis zu
verschwinden droht, so ist das mehr als fatal. Wein wird auch
(!) durch diese Entwicklung immer mehr zu einem austauschbaren Industrieprodukt und verliert seinen
Nimbus. Das Phänomen, so viel sei hier noch angefügt, ist nicht, wie
so oft behauptet, nur eines der Neuen Welt, denn gerade hier haben ja
Sorten, die in Europa auf dem Rückzug sind, Heimat und Zukunft gefunden: Carmenère in Chile, Tannat in Uruguay,
Malbec in Argentinien, um nur einige zu nennen.
Unter
diesem Verschwinden hochwertiger Sorten werden am Ende auch jene Winzer leiden,
so viel ist sicher, die in den letzten Jahrzehnten um des schnellen Geldes willen auf die leichter zu vermarktenden internationalen Rebsorten
setzten, anstatt ihr heimisches Rebenmaterial züchterisch zu pflegen und
aus ihm das Beste herauszuholen. Auch Italien war in den 1970er-
und 1980-, teilweise noch in den 1990er-Jahren Schauplatz einer solchen
Entwicklung. Da
tauchten Chardonnay im Piemont, Cabernet Sauvignon auf Sizilien und
Syrah oder Merlot in der Toskana auf und alle Welt, inklusive der Zunft
der Kritiker, fand das herrlich und überhaupt nicht kritikwürdig.
Man
erinnere sich der vielen Chianti Classicos, die - obwohl vom Gesetz
verboten - mit kräftigen Dosen Cabernet Sauvignon
"angereichert" wurden, bis das Gesetz schließlich an
die veränderte Realität angepasst werden musste. Immerhin: Kaum
erlaubte das Gesetz einen kleinen Anteil Cabernet im Chianti, besannen
sich viele Winzer wieder auf ihre eigentliche
Stärke, den Sangiovese. Eine löbliche Entwicklung, wie wir auch in
unserem jüngsten Toskana-Verkostungsreport feststellten.
Die
so genannten internationalen, sprich französischen Rebsorten scheinen
aber ausgerechnet jetzt, wo sie in der Toskana eher mit ihren
Rückzugsgefechten begonnen haben, dem einen oder anderen Beobachter,
der sie in der Vergangenheit kritik- und bedenkenlos akzeptierte,
Kopfweh zu bereiten. So zelebrierte die britische Zeitschrift "Decanter"
jüngst eine "Strafaktion" gegen die stark cabernet- und
merlotlastigen Weine v. a. der toskanischen Küste und verteilte für einige
der Kult- und Renommiergewächse Noten, die man allenfalls für
sizilianische oder apulische Genossenschaftsfüllungen erwartet hätte.
Der Vorwurf, diese Weine zeigten kein Terroir, ist so geschichtslos wie
lächerlich: Wer von einem Landstrich bzw. einer Weinkategorie (Igt), der/die gerade mal seit einer
Generation wirklich systematisch Qualitätsweinbau betreibt bzw. erst
seit wenigen Jahren überhaupt existiert, Terroir
erwartet - und Terroir beinhaltet laut Definition immer eine
historische Komponente -, der muss sich wirklich fragen lassen, ob er
noch als seriöser Weinkritiker gelten will oder nur noch vom
Randalemachen lebt.
Fast
zeitgleich erregen sich andere über angebliche oder tatsächliche, von
ihnen selbst auf jeden Fall immer als minimal beschriebene
Prozentanteile französischer Sorten im toskanische Prunkwein Brunello,
der laut Gesetz zu 100 % aus Sangiovese zu bestehen hat. Auch hier wirkt
der Vorwurf reichlich konstruiert, denn nicht nur ist das Phänomen
bereits seit 15 oder 20 Jahren bekannt - und keinesfalls erst seit dem
letzten Jahrgang, wie man beim Lesen der Vorwürfe glauben könnte,
sondern auch hier ist es eher schon wieder auf dem Rückzug.
Bleibt
die Frage, warum so viel Randale um diese vorgeblichen Skandale gemacht
wird. Im Falle des Brunellos ist es offensichtlich: Passend zur
Eröffnung der größten italienischen Weinmesse Vinitaly wurde diese
Story lanciert, da sie optimal vom wirklichen Skandal um große Mengen
aus Chemikalien zusammengepanschter Weine (s. unsere News) ablenken
kann, der dem italienischen Weinbau in weit größerem Ausmaße schaden
würde als ein paar Tropfen Cabernet im Brunello. Die Erinnerung an den
Methanolskandal der 1980er-Jahre ist bei älteren Beobachtern noch
lebendig, und nicht zufällig waren wohl in den jüngsten
Chemieweinskandal auch teilweise die selben Personen verstrickt wie vor
zwanzig Jahren.
Bei
dem Geschimpfe über die "Terroirlosigkeit" der so genannten
Super Tuscans spielt dagegen ein anderes Motiv eine Rolle. Wer den
italienischen Cabernets und Merlots vorwirft, sie seien
"gesichtslos" und nicht von den Rebsortenweinen der Neuen Welt
zu unterscheiden, der bereitet dem Handel das Terrain dafür, dass er
die teuren und schwierig zu vermarktenden Italiener aus dem Sortiment
kippen und durch chilenische oder australische Gewächse mit weit
höheren Margen und leichterer Vermarktbarkeit ersetzen kann.
Und hier sind wir wieder bei der unheilvollen Verquickung von
Weinjournalismus und Weinhandel, die ja gerade in Großbritannien extrem
ausgeprägt ist. Böse Zungen behaupten sogar, es gäbe dort keinen
einzigen Weinkritiker, der nicht sein Geld eigentlich vom Weinhandel
verdiente, die großen, renommierten Namen inbegriffen.
Aber
dieses Thema möchte ich nicht schon wieder aufgreifen! Statt dessen
wünsche ich Ihnen schöne, genussvolle Stunden mit einem herrlichen
Glas Brunello, Ornellaia oder Guado al Tasso in der Hand - ob mit oder
ohne Cabernet bzw. Merlot bleibt einzig Ihrem persönlichen Geschmack
überlassen!
In
diesem Sinne!
Ihr
Eckhard Supp
|